Von Frieder Pfeiffer
Sie werden hart durchgreifen. So, wie sie es bei Jan Ullrich und den Teamärzten Lothar Heinrich und Andreas Schmid getan haben. Die Leitung des T-Mobile-Teams hat sich auf einen strikten Anti-Doping-Kurs verständigt. Da wäre es mehr als verdächtig, Beschuldigungen und Gerüchten nicht konsequent nachzugehen.
Team-Telekom-Profi Aldag 2003: Die Schlinge zieht sich zu
Der beliebte Aldag transportierte jahrelang die Wasserflaschen vom Ende des Pelotons nach vorn, dort wo die Teamkapitäne in die Pedale treten. Bjarne Riis und Jan Ullrich waren seine emsigsten Abnehmer. Beide werden beschuldigt, Epo-Doping in systematischer Form praktiziert zu haben.
Als D'hont im vergangenen Monat seine Erfahrungen aus seiner Telekom-Zeit im SPIEGEL darlegte, nahm der Druck auf Aldag zu, der von 1993 bis 2005 für das Team Telekom und den Nachfolger T-Mobile fuhr. Doch die Teamleitung ließ ihn im Windschatten weiterfahren. Nun, nachdem Dietz und Henn Doping zugegeben haben, werden sie ihn fallen lassen. Das wäre die richtige Entscheidung, um Glaubwürdigkeit zu demonstrieren.
"Mehr können wir in unserem Kampf gegen Doping nicht tun", sagt T-Mobile-Sprecher Christian Frommert. Doch wieso wird wieder einmal erst reagiert, wenn der Druck von außen keine andere Entscheidung zulässt? Auch wenn Teamleiter Bob Stapleton und auch Frommert Quereinsteiger im Radsport sind, werden sie sich doch über die Vergangenheit ihres Rennstalls schlau gemacht haben. Sie müssen die Schwachstellen ihrer Anti-Doping-Politik gekannt haben.
Das T-Mobile-Team ist ein Vorreiter im Kampf gegen Doping, für konsequente Entscheidungen ohne die Vorarbeit von "Beckmann" und Staatsanwaltschaften sind sie offenbar noch nicht fortschrittlich genug. Denn auch nach Aldag bleiben Fragen. Wer folgt? Aldag-Kollege Jan Schaffrath, der von 1997 bis 2005 für den Magenta-Rennstall fuhr und irgendwann ebenfalls von einer Doping-Vergangenheit eingeholt werden könnte?
Die Geschehnisse um Aldag, der immer als ehrlicher Sportler galt, verdeutlichen ein weiteres Mal die unbedingte Notwendigkeit eines Generationenwechsels im Profiradsport. Eine Auflistung von SPIEGEL ONLINE zeigt, wie viele Rennställe überführte Doper in ihrer Sportlichen Leitung beschäftigen. Ehemalige Profis, die im Gegensatz zu Aldag des Dopings überführt wurden. Allein im Team Gerolsteiner sitzen mit Henn, Christian Wegmann und Reimund Dietzen drei frühere Rennfahrer in den hellblauen Begleitwagen, die in ihrer aktiven Zeit mit Doping in Verbindung gebracht wurden.
Daran wird sich auch durch die Henn-Beichte nichts ändern. Gerolsteiner-Chef Hans-Michael Holczer will keine Konsequenzen ziehen - und stellt sich so gegen eine mögliche Reinigung des Radsports. Wie soll ein ehemaliger Doper jungen Fahrern glaubhaft die Vorzüge des sauberen Sports nahe bringen, wenn er selbst nicht daran glaubt? Henn jedenfalls fehlt dazu die Reue.
Auch wenn T-Mobile entgegen eigener Bekundung mehr im Anti-Doping-Kampf tun könnte, als Vorbild für andere Teams taugt der Rennstall durchaus. Es zeigt sich, was mit einem Mann an der Spitze erreicht werden kann, der unvorbelastet das Radsport-Biotop betritt und nicht selbst im Pelotonsumpf groß wurde. Im Sumpf des Team Telekom Mitte der neunziger Jahre.
Christian Henn verhalf Ullrich 1997 zum Toursieg - mit verbotenen Mitteln. Er war wohl nicht der Einzige im Ullrich-Tross, der mit Hilfe von Doping die Wasserflaschen des Kapitäns durch Frankreich fuhr. Ullrichs Sieg wird somit wertlos. Der größte Triumph, der Auslöser eines Booms im deutschen Radsport, könnte sich zu einem Betrugsszenario historischen Ausmaßes entwickeln - das den Sport hierzulande wieder in die Bedeutungslosigkeit entlässt.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Radsport | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH