Von Frieder Pfeiffer
Sein Mund war geschlossen - und das war eine deutliche Antwort von Erik Zabel in diesem Moment. Lange sagte er nichts auf die Frage, ob er Radprofis kenne, die ganz sicher nicht dopen würden. Zabel senkte den Blick und schwieg. Man hatte sich schon damit abgefunden, dass außer Schweigen nichts mehr kommen und Zabel somit seinem eigenen Sport ein hoffnungsloses Zeugnis aussprechen würde. Dann holte er jedoch Luft, blickte auf und sagte, dass er an seine jungen deutschen Teamkollegen bei Milram glaube. Obwohl er auch für die seine Hand nicht ins Feuer legen wolle.
Dies ist das Fazit, das nach der Pressekonferenz in der Bonner Zentrale des Telekom-Konzerns bleibt: Die Gegenwart haben wir verloren, um die Zukunft kämpfen wir.
Zusammen mit Freund und Ex-Zimmerkollege Aldag, mit dem er in anderen Zeiten Deutschlands sympathischstes Fahrertandem bildete, bestätigte Zabel im Grunde das, was Jef D'hont im SPIEGEL Ende April darlegte und spätestens ab dann jeder befürchtete. Ja, wir haben gedopt, Mitte der Neunziger, als das Team Telekom zweimal in Folge die Tour gewann.
Der 36-Jährige hat das Datum des Erscheinens des SPIEGEL-Titels mehrmals genannt während seines Geständnisses. An diesem letzten Tag im April war mit Veröffentlichung der Doping-Vorwürfe der letzte Widerstand des Ausdauersportlers gebrochen. Seither hat Zabel genug. Er denkt nun über den Zielstrich hinaus. Seine Worte sind an die neue Generation gerichtet, zuvorderst an seinen 13-jährigen Sohn Rick, der seine ersten Radrennen fährt.
Das ist löblich. Dennoch stört an diesem Tag die Tatsache, dass sowohl Zabel als auch Aldag nur für sich sprechen wollten und über die Bestätigung bisheriger Vorwürfe hinaus nichts bis wenig Neues auf den Tisch legten. Das Kartell des Schweigens im Radsport besteht weiter. Natürlich kann man entgegenhalten, es hätte einfach nicht mehr Grundlegendes zu berichten gegeben. Allein der Glaube daran fällt schwer.
Denn zumindest die Glaubwürdigkeit Aldags ist erschüttert. Er hat die Chance verpasst, alles offenzulegen, als das T-Mobile-Team im vergangenen Jahr seinen strikten Anti-Doping-Kurs aufgenommen hatte. Aldag hätte damals schon auspacken müssen. Die Reinigung wäre zu diesem Zeitpunkt ungleich glaubwürdiger gewesen.
Damals hätte ihm eine zweite Chance gewährt werden müssen. Heute ist es dafür zu spät. Noch in diesem Jahr hat er mehrmals seine Dopingvergangenheit energisch bestritten. Er hat auf Fragen nett geantwortet, wie es seine Art ist. Aber er hat gelogen. Dopingverstöße dann zuzugeben, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt, ist nicht überzeugend genug, um ein glaubwürdiger Vertreter des eingeschlagenen Weges des T-Mobile-Teams zu sein.
Die Personalie Aldag entscheidet nicht über Wohl und Wehe des Radsports. Kein geständiger Fahrer kann in diesem verseuchten System, dessen Strippenzieher nicht auf Rädern und auch selten in Begleitfahrzeugen sitzen, irgendetwas ändern. Das ist die schlechte Nachricht.
Was sich ändern könnte, sind Symbole. Eine Trennung wäre ein sehr starkes Symbol gewesen. Aldag hat heute sogar noch die lebensrettende Arbeit der Freiburger Ärzte in der Dopingzeit verteidigt ("Tot vom Rad ist keiner gefallen"). Ein Rückfall in Zeiten der Tatsachenverdrängung, der Schönrednerei.
Bob Stapleton würden solche Sätze nicht über die Lippen kommen. An den Teamchef des Renntalls knüpfen sich nun die Hoffnungen auf einen erfolgreichen Weg aus dem Dopingsumpf. Denn der US-Amerikaner erfüllt beide Kriterien, die dafür nötig sind: Er spricht die Probleme des Sports gnadenlos an. Die Wirkungslosigkeit gängiger Dopingkontrollen, die fast vollständige Verseuchung des Sports durch Doping und die Notwendigkeit staatlicher Dopingverfolgung. Und er kann diesen Weg als Quereinsteiger im Radsport ohne belastende Vergangenheit bestreiten. Der Punkt, an dem viele andere, inklusive Aldag und Christian Henn bei Gerolsteiner, scheitern.
Aldag hat seinen Rücktritt angeboten, er hätte ihn besser erklären sollen. Ein feiner, aber kein kleiner Unterschied. Er konnte sich denken, dass Stapleton diesem Gesuch nicht Folge leisten würde. Er ging also ohne Risiko in diese Beichtstunde. Im Gegensatz zu Zabel: Der noch aktive Sportler, der zudem im Vorfeld keinen Rechtsbeistand zu Rate gezogen hat, kann nun auf einen Schlag alles verlieren - in erster Linie sein letztes großes Karriereziel, die WM in Stuttgart in diesem Jahr.
Eines darf dennoch nicht vergessen werden: Dopende Radprofis sind weder Teufel noch Heilige. Sie sind in erster Linie das letzte Glied der zerstörerischen Kette des Doping-Systems. Eine konsequente Entscheidung im Fall Aldag hätte dem T-Mobile-Team auf seinem Anti-Doping-Kurs Auftrieb gegeben. Es wäre ein gutes Zeichen für die Zukunft dieses Sports gewesen - für Rick Zabel und die jungen Fahrer des Team Milram.
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