Von Erik Eggers, Bonn
Man könnte das T-Mobile-Forum in Bonn für einen Testversuch ambitionierter Designer halten. In dem großen Saal gegenüber der Konzernzentrale ist die "corporate identity", das Erscheinungsbild des Telekommunikationsriesen, bis ins letzte Detail durchgeplant: Zwei große Plakate mit "T-Mobile"-Logos auf magentafarbenem Grund hängen an der Front, dazwischen ein riesiger Flat-Screen mit den Daten, und hinter dem Podium ist eine weiße Wand aufgebaut, das rechts den T-Mobile-Schriftzug ziert und links "T-Mobile-Team", was bedeutet: hier geht es um das konzerneigene Radsport-Team. Jedes Detail ist akkurat hergerichtet, wie bei einer Jahreshauptversammlung der Aktiengesellschaft, die Stühle und Tische sind synchron aufgebaut, hübsche Hostessen reichen kleine Häppchen, das Licht ist perfekt ausgerichtet, alles wirkt steril, fast unnatürlich sauber. Auch die vier Herren, die pünktlich um 11.30 Uhr in blütenweißen Hemden zur anberaumten Pressekonferenz erscheinen, vermitteln eine heile Welt. Doch dann begann das Trauerspiel: Rolf Aldag und Erik Zabel, zwei prominente Mitglieder eines der erfolgreichsten Radsport-Teams der 90er-Jahre, sind gekommen, um öffentliche Beichte abzulegen, um sich der jahrelangen illegalen Einnahme von Dopingmitteln schuldig zu bekennen. Einer der größten Skandale in der deutschen Sportgeschichte geht in die nächste Runde.
Ein Engagement im Radsport sei, leitet Team-Sprecher Christian Frommert die Doping-Beichte ein, "heute sicher nicht Image fördernd", in den letzten Tagen hatten nacheinander bereits die Telekom-Profis Bert Dietz, Christian Henn und zuletzt auch Udo Bölts gestanden, zudem die Freiburger Ärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid. Nun hat sich auch Aldag, der Sportliche Leiter des heutigen Teams, zur Aufklärung entschlossen, und eine ganze Armee von Medienvertretern ist gekommen, rund 200 Journalisten spitzen ihre Bleistifte. Der Westfale ist rhetorisch gewandt, ein lustiger Kerl, aber jetzt ist seine Stimme erkennbar brüchig, oft stockt seine Rede. Der 38-Jährige erzählt seine Geschichte von vorn, von seinem Start 1991 beim Schweizer Team Helvetia, von seinem Wechsel 1993, dann von jenem Schlüsselmoment 1994. "Bei einer Rundfahrt waren wir wieder abgehängt worden, saßen mit vier Leuten auf irgendeinem Gehsteig."
Er aber wollte unbedingt den Erfolg, und damals gab es diese Gerüchte in Szene. Da habe er "aktiv nachgefragt nach Dopingpräparaten, Epo hauptsächlich", diesen Raketentreibstoff für steile Anstiege und ewiglange Zeitfahren. Das hört sich einfach an, aber Aldags unsicherer Blick verrät, wie schwierig diese Entscheidung war. Und doch irgendwie einfach: Für Epo nämlich gab es noch kein Nachweisverfahren. "Ich wusste, ich konnte nicht erwischt werden."
Mit zunehmender Zeit wird Aldag sicherer, sein Redefluss flüssiger, dabei wird seine Geschichte immer abenteuerlicher. Aldag dopt weiter, auch nach der Skandal-Tour 1998 ("Da hätte es eigentlich klick machen müssen"). Erst anno 2002, in Vorbereitung auf die Tour de France, hört er auf. Damals hatte er das Medikament im Internet geordert, "auf dubiosen Wegen", wie er selbst nachdenklich anmerkt, und als er auspackte und sah, dass das Präparat in Fläschchen abgefüllt war, die vorher Augentropfen beinhalteten, "da war mir klar: Das ist lebensgefährlich, was Du machst". Und dann kommt endlich festen Blickes der wichtigste Satz, der die Reue des Sünders untermauert: "Ich entschuldige mich noch mal für die Lügerei, und für die Doperei." Ein paar Leute klatschen Beifall. Erik Zabel, der gemeinsam mit Aldag 2004 die filmische Vorlage für das Heldenepos "Höllentour" abgab, hat die ganze Zeit stumm und regungslos neben seinem besten Freund aus der Radsportszene gesessen. Das Bekenntnis des besten Sprinters der deutschen Radsportgeschichte geht emotionaler vonstatten, der 38-Jährige hat offenkundig mit Tränen zu kämpfen, unterbricht seinen Monolog manchmal für lange, quälende Sekunden.
Er berichtet ebenfalls von seinen frühen Zeiten, von seiner positiven Dopingprobe anno 1994; danach wollte er, obwohl vom Sportgericht freigesprochen, die Finger von Dopingmitteln lassen. Doch als vor der Tour 1996 Kollegen erzählten, "dann dass man ohne Dopingmittel nicht erfolgreich sein konnte", entschloss auch er sich zu einer "Epo-Kur", wie es im Jargon genannt wurde. Nach der ersten Woche bei der Tour ’96 aber habe er diese Kur beendet. "Ich hatte eine erhöhte Körpertemperatur, einen niedrigeren Ruhepuls morgens", berichtet Zabel mit gepresster Stimme von den Nebenwirkungen. Und immer wieder rotierten diese bohrenden Fragen in seinem Kopf: "Was kann passieren? Wache ich am nächsten Morgen noch auf?" Die Einnahme von Epo nämlich verdickte das Blut, ließ es manchmal verklumpen, und wenn die Sportler nicht genug Flüssigkeit zu sich nahmen in der Nacht oder die Beine an die Wände legten, um die Durchblutung anzuregen, sonst drohten lebensgefährliche Thrombosen.
Davon wusste jeder Radprofi, es gab viele Berichte von Kollegen, die auf diese Weise fast zu Tode gekommen waren. Für Zabel war 1996 damit Schluss, er sagt festen Blickes: "Ich brauchte immer eine Einheit von Körper und Geist, um gute Rennen zu fahren. Ich habe gesagt: Wir beenden die Sache für immer." Und dann bittet er die Öffentlichkeit, seine Radfahrerkollegen, seine Freunde und seine Familie unter Tränen um Entschuldigung: "Ich habe gelogen und abgestritten, es tut mir leid."
Immer habe er gehofft, "dass der Sport sich selber reinigt". Damals habe das Kontrollsystem große Lücken aufgewiesen, im Grunde aber, meint der noch aktive Profi, "ist die Situation heute nicht anders". Und dann stockt Zabels Rede erneut für lange Sekunden, als er von seinem Sohn erzählt. "Er fährt selbst mit Leidenschaft Rad", sagt er mit stierem Blick und kann erst nach einem aufmunternden Klaps Aldags fortfahren. "Ich möchte nicht, dass diese Jungs, wenn einer in den Leistungssport kommen sollte, eine ähnliche Situation wie ich damals vorfindet." Später, als die geständigen Sportler die bohrenden Fragen der Journalisten beantworten, sagt er: "Wenn ich einen Wettbewerbsvorteil erworben habe, dann bin ich bereit, die Konsequenzen zu tragen." 1996, im Jahr seiner Epo-Kur, hatte er als bester Sprinter das Grüne Trikot bei der Tour de France gewonnen. Zu ihrem Kapitän Jan Ullrich, der seine Unschuld beteuert, obwohl D’hont ihm ebenfalls Doping vorwarf, wollen beide nichts sagen. Sie wüssten schlicht nicht, ob auch er gedopt habe, versichern sie.
Der Konzern werde mit Aldag als Sportlichem Leiter weiterarbeiten, erklärt Teamchef Bob Stapleton später, einen neuen Start mit jungen Fahrern wagen. Doch diese Erklärung geht fast schon unter. Bleiben werden am Ende dieses sporthistorischen Tages die abenteuerlichen Berichte und die Katharsis zweier Männer, die lange als ehrenwert und glaubwürdig galten und nun einen Neuanfang wagen. Aldag jedenfalls scheint zuversichtlich. Als er den Raum verlässt nach den Interviews mit den Fernsehsendern, huscht ein Lächeln über seine Lippen.
Auf anderen Social Networks posten:
Weder noch! Es sind Radfahrer! mehr...
Egal ob Gestank oder nicht! Es besteht wirklich zu befürchten, dass zumindest der deutsche Radsport immer weiter abschmiert, weil selbst die sich selbst zu Saubermännern hochstilisierten Funktionäre nicht in der Lage sind, eine [...] mehr...
Wenn Scharpy "baden gehen" hört, ist er doch sofort dabei. Aber mal im Ernst: Selbst Richard Nixon bekam sein Impeachment - welche Instrumentarien gibt es, den BDR zu säubern ? Der deutsche Radsport hat es nicht [...] mehr...
Dann würden die Spiele bestimmt nicht pünktlich beginnen können! Der verläuft sich ja noch trotz Spaliers! mehr...
Das wird auch nicht mehr dazu reichen, nachdem die Anti-Doping-Kommission des BDR baden gehen wird. Vielleicht macht er den Fackelträger in Peking, denn er ist dort andauernd am üben... mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Radsport | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH