Der große Erik Zabel ringt mit den Tränen. Eines lässt sich leicht prophezeien: Wenn etwas von der Welle der Dopinggeständnisse dieser Tage noch in zehn Jahren im kollektiven Gedächntnis haften bleiben wird, dann sind es diese Bilder. Auch Maybritt Illner wollte nicht darauf verzichten, weil es natürlich das Beste ist, was dem Fernsehen passieren kann - und was das Fernsehen umgekehrt am Besten transportieren kann.
Mit Informationen ist es dagegen so eine Sache. Setzt eine Redaktion einen geständigen Ex-Doper, einen Athletenvertreter, eine Strafrechtlerin, einen Wissenschaftler, einen Funktionär, und einen TV-Sportchef in die Runde, um innerhalb einer Stunde das Thema Doping im Sport von allen Seiten zu beleuchten, dann kann sich daraus eine spannende Diskussion entwickeln. Oder aber, wie bei Maybritt Illner, eine beflissene Runde, in der jeder vor allem sein enges Feld und seine Sichtweise vertreten will, alle sich irgendwie einig sind, was sich alles verändern soll - und man sich als Zuschauer doch am Ende fragt, ob das Ganze auch nur einen halben Schritt weiter geführt hat.
Sicher, man braucht mehr Kontrollen, man braucht eine bessere finanzielle Ausstattung der Antidopingagenturen, man braucht eine veränderte Gesetzgebung und ein schärferes Durchgreifen der Justiz. Das ist bekannt. Es wäre möglicherweise interessanter gewesen, mehr über die Situation des Sportlers zu erfahren, über seine Motivation, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt die Schwelle zu überschreiten und sich gezielt mit Dopingmitteln vollzupumpen.
Rolf Aldag, früher gedopter Wasserträger beim Team Telekom und seit gestern geständiger Sportlicher Leiter des Nachfolge-Rennstalls T-Mobile, lieferte die beste Vorlage, als es auf sachte Kritik der anderen Gäste hin plötzlich aus ihm herausbrach: "Doping ist so intim. Und es ist so erniedrigend." Erniedrigend, weil der Sportler in jedem Moment weiß, dass er Unrecht tut und weil er merkt, dass er am Ende seiner Leistungsfähigkeit angelangt ist. Doch das wollte an diesem Abend niemand so genau erfahren, vielleicht stand es als Thema einfach nicht auf den ohnehin etwas lückenhaften Karteikarten der Gastgeberin.
So blieben von der Sendung vor allem eine Reihe von Zitaten haften, die merkwürdig zusammenhanglos durchs Studio flatterten und am Ende ein seltsames Bild ergaben. Er gehe mit einem besseren Gefühl schlafen als bisher, gab Aldag auf die Eingangsfrage von Illner zu Protokoll und befand: "Der Blick in die Zukunft macht mir nicht wirklich Angst." Das ist schön für ihn, aber es ist insbesondere bemerkenswert, wie unzerknirscht und selbstbewusst hier jemand seine Vergangenheit abhakt, ohne sich zu fragen, ob er daraus nicht ein paar Konsequenzen ziehen müsste. Und ob er tatsächlich der Richtige ist, um junge Menschen in einem Profiteam zu führen.
Doch davon scheint Aldag fest überzeugt und verwies in beeindruckender Logik darauf, dass beispielsweise der ebenfalls anwesende Ex-Zehnkämpfer Frank Busemann ja nicht in der Lage sei, ein solches Team zu führen, weil er nicht erkennen würde, wenn sich ein Dopingfall anbahnt. Demnach sollte wohl am besten jeder Sportliche Leiter eines Radteams selbst gedopt haben, um Gefahren vorzubeugen. Glücklicherweise besitzen die meisten Mannschaften heutzutage ja ohnehin einschlägige Fachkräfte.
Zwischendurch fragte Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Aldag immerhin mal: "Mich würde interessieren, was läuft heute? Ich hätte erwartet, dass sie stärker das System erklären. Wie funktioniert das?" Und der Dopingfachmann Wilhelm Schänzer zeigte sich sehr daran interessiert, was denn im Team Telekom außer Epo noch so an der Tagesordnung gewesen sein.
Doch solche Details mag Aldag auch weiterhin nicht preisgeben, er manövrierte beredt um den heißen Brei herum und gab wie schon auf der mittäglichen Pressekonferenz eigentlich nicht mehr preis, als sein ehemaliger Pfleger Jef D'hont ohnehin vor einigen Wochen im SPIEGEL erzählt hatte. Bis zu echten, tiefgreifenden Geständnissen, die mehr offenlegen als die persönliche Schuld, bleibt es auch nach dieser Sendung ein weiter Weg.
Doch das Verhalten des einstigen Radprofis war nicht das Einzige, was bei Illner irritierte. Der ebenfalls in die Runde gebetene ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz gab sich zwar einerseits forsch und realistisch angesichts der im Hochleistungssport immer und überall mitschwingenden Betrugsgefahr - verfiel aber andererseits darauf, in einem Rundumschlag die gesamte Gesellschaft und auch die Medien in Mithaftung zu nehmen: die hätten ja den Radsport und das Team Telekom zu Glanzzeiten begeistert gefeiert und die immerwährenden Dopinggerüchte dabei gern beiseite geschoben.
Das ist ein wenig zu einfach argumentiert. Keinesfalls haben alle Medien im gleichen Stil berichtet. Kritische Artikel der "Süddeutschen Zeitung" oder des SPIEGEL führten aber nicht nur zu Klagen seitens der Teams, sondern auch oft zu hämischen Kommentaren anderer Medien. Groß auf der Brust der Telekom-Trikots prangte dagegen lange das Logo einer öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt.
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