• Drucken
  • Senden
  • Feedback
20.06.2007
 

Frischer Fisch

Krabbler des Grauens

Von Horst Köder

Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiihhhhhhhhhhhh! Bääääähhhhhh! Wer Maden sieht, hört oder fühlt, kann nur selten seinen Ekel unterdrücken. Als Angler kommt man um die kleinen Krabbler aber nicht herum. Weil alle Fische sie lieben. Eine Ode an die Fliegenlarve.

Es gibt einen Moment im Leben eines Junganglers, in dem sich entscheidet, ob er seinem geliebten Hobby treu bleibt. Dieser Punkt kommt lange, bevor man sich mit Wein, Weib, Gesang, Job, schlechtem Wetter, Behörden, Rückenschmerzen und all den anderen Dingen auseinandersetzen muss, die einem später den Trip ans Wasser vermiesen. Er hat auch nichts mit dem ersten Ich-hab-jetzt-beschissene-drei-Tage-geangelt-ohne-einen-einzigen-verdammten-Biss-Erlebnis zu tun. Das stellt sich ja oft schon in der ersten Woche der Angler-Karriere ein. Dieser Moment am Scheideweg beginnt meistens ganz harmlos: Ein schöner Tag draußen, man will ein paar Rotaugen stippen, packt die Angelsachen zusammen ...

Und dann macht Mutter den Kühlschrank auf.

Maden: Sie finden immer eine Lücke und mögen Schwarzwälder Schinken
ddp

Maden: Sie finden immer eine Lücke und mögen Schwarzwälder Schinken

Ah je, denkt sich der Jungangler, das war diese Sache, die ich Mutter neben der Fünf in Mathe noch beichten wollte: Diese kleine Packung voll Maden, die man im Kühlschrank zwischen dem Schwarzwälder Schinken und dem angebrochenen Bottich Buttermilch deponiert hatte. Maden müssen kühl gehalten werden, sonst verpuppen sie sich zu schnell, dann rührt sie kein Fisch mehr an. Dumm nur, dass man die Packung vorher schon geöffnet hatte, und das richtig Dumme an den handelsüblichen Maden-Packungen ist, dass man sie nie wieder so zumachen kann, dass nirgendwo eine Ritze bleibt. Und eines der drei Gebote des Angelns ist: Maden finden immer eine Lücke. Die anderen beiden: Wo eine Made ist, sind auch andere. Und sie haben Schwarzwälder Schinken zum Fressen gern.

Mutters anschließender Schrei ähnelt übrigens verblüffend denen dieser blondierten Filmstars in den Filmen der fünfziger Jahre (wie "Der Schrecken vom Amazonas"), wenn das Monster zum ersten Mal auftaucht. Es gibt dann zwei Möglichkeiten: Mutter erholt sich nach einer Schimpfkanonade, verbunden mit der Mahnung, man dürfe "nie wieder, nie, nie, nie, hörst Du?!" Maden im Kühlschrank aufbewahren, oder sie verhökert alle Angelsachen auf dem nächsten Flohmarkt (heute wahrscheinlich bei Ebay) und verdonnert den Sohn zum Eintritt in den Schwimmverein oder zu solchen Hobbys wie Mountainbiking oder Simultanschach. Meine Mutter konnte ich durch Hundeblick und Schluchzen gerade noch von Kategorie eins überzeugen, zumal ich gerade auch gelogen habe: Ich war ein Genie in Mathe und habe nie eine Fünf geschrieben.

Nach diesem Moment steht einer erfolgreichen Anglerkarriere nichts mehr im Wege, denn wer Maden zu schätzen weiß, der wird auch Fische fangen. Denn es gibt kaum eine Art, die sich nicht von diesen kleinen Krabblern verführen lässt: Weißfische wie Rotaugen sind sowieso ganz versessen darauf, trotz der Boilie-Mania beißt auch mal ein Karpfen, Barsche stürzen sich mit Freude auf ganze Bündel, und ich habe damals in einem Urlaub in Dänemark sogar meinen ersten Hecht darauf gefangen. Ich gebe zu, das passierte, als ich gerade meine Angel einzog, der Hecht hat wohl einfach mal aus einem Reflex heraus zugeschnappt. Aber der Köder: Maden halt.

Klar gibt es auch noch andere Köder, auf die man schwören kann: Rotaugen und Brassen beißen gerade jetzt im Sommer hervorragend auf Dosenmais. Der riecht auch ganz toll und davon kann man - im Gegensatz zu Maden - auch selbst schnell mal einen Löffel probieren, wenn am Wasser plötzlich der Magen knurrt. Allerdings ist so eine Dose Mais ganz schön groß, und am Ende eines langen Tages bleibt dann doch viel übrig. Brot und Teig in allen Variationen sind auch wirklich tolle Köder. Wer allerdings darauf wettet, dass diese Teile dauerhaft am Haken halten, der spekuliert wahrscheinlich auch an der chinesischen Börse. Und nichts ist schlimmer, als eine Stunde am Wasser zu sitzen, der Köder hat sich schon vor 55 Minuten verabschiedet und man weiß nichts davon.

Maden würden wahrscheinlich auch drei Tage am Stück am Haken halten. Und wären dann immer noch putzmunter. Wenn sie nicht schon lange vorher von Fischen gefressen werden würden. Würmer sind ja auch ein klassischer Köder, aber diese Kollegen sind so furchtbar sensibel, dass sie schon nach zwei Minuten jegliche Bewegung einstellen und nur noch so schlaff am Haken hängen wie ein Kirmesboxer nach ein paar Schlägen der Klitschkos.

Es gibt übrigens noch einen Moment, in dem eine Angler-Karriere auf der Kippe steht: Wenn schon längst nicht mehr die Mutter, sondern die Freundin oder Frau den Kühlschrank verwaltet. Dann liegt der Serrano-Schinken neben der Bio-Molke, aber die Maden müssen ja immer noch irgendwie gekühlt werden. Kleiner Tipp: Vorher lieber noch den Hundeblick und das Schluchzen üben. Und immer einen Blumenstrauß in der Hinterhand haben.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 174 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
04.09.2011 von mopedheinz: Fliegenfischen

Angler-Leidenschaft = Sinn für Gemütlichkeit ( Angler sind die Freizeitpunks der Neuzeit - Früher noch SexPistols und CLASH, heute eine Forelle oder Lachs auf dem Griller ) Brot + Zeit = Brotzeit [...] mehr...

29.07.2011 von drnice1983: Schade...

... dass das catch and release in Deutschland verboten ist... Ich angle auch eher um der Natur zuzusehen, Greifvögel zu beobachten, leckeres Bierchen in der Abendsonne auf dem Boot zu genießen, mit Freunden zu lachen und zu [...] mehr...

27.07.2011 von 1Piantao:

Ja, kyon. Man kann alles von einer grausamen Seite aufziehen. Ich esse auch Fisch trotzdem man bei Doku Sendungen gar nicht hinschauen mag was mit dem Thunfisch etc beim fischen veranstaltet wird. Ich möchte auch nie beim [...] mehr...

25.07.2011 von kyon: mit Augenzwinkern gesagt

Ja, natürlich haben Sie recht. Ich habe das auch nur mit einem Augenzwinkern gesagt. In bin halt Aquarianer und mag die Fische gern schwimmen sehen. Angler sind mir aber von ihrer Lebensart her sehr sympathisch, und Fisch esse [...] mehr...

25.07.2011 von 1Piantao:

Das ist lobenswert, wird aber wohl eher als Kalauer aufgenommen. Nach dem Motto: Ich kaufe den Fisch ja beim Fischhändler. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Mehr auf SPIEGEL ONLINE







TOP



TOP