Von Sascha Klettke, Quakenbrück
Es gibt nur einen richtigen Drachen in Quakenbrück. Und der heißt Tobias Dörfler. Seit zwölf Jahren ist er das Maskottchen der Basketballer aus der niedersächsischen Kleinstadt, seit sieben Jahren schlüpft er ins Drachen-Kostüm, schlägt Salti und hüpft wild in der Halle herum, um die Zuschauer anzuheizen. Das ist aber im Moment gar nicht nötig: Die 3000 Besucher der Artland Arena sind beim ersten Heimspiel der Finalserie gegen die Brose Baskets aus Bamberg ohnehin heiß.
Mit den Artland Dragons ist es eigentlich so wie mit Drache Tobi, der hauptberuflich am Institut für Didaktik der Chemie an der Universität Münster arbeitet: Eigentlich sind er und die Quakenbrücker ganz normal, aber wenn es um Basketball geht, werden sie verrückt. Vor allem, seit die Dragons sensationell den früheren Serienmeister Alba Berlin und den amtierenden Deutschen Meister RheinEnergie Köln auf dem Weg ins Finale beiseite geräumt haben.
Es ist eine Geschichte wie ein Märchen: Dorfclub schlägt Metropolenvereine. Das zieht Journalisten an. Und so konnte man in den vergangenen Tagen lesen, dass die Halle zum 69. Mal in Folge ausverkauft ist, dass sich die Spieler in der Konditorei Cassellius verköstigen, dass Manager und Trainer ihre Wohnungen über der Geschäftsstelle haben und dass der Rathausbalkon für die Siegesfeier ausgebaut wurde - doch all diese kleinen Geschichten verraten nicht, warum in der niedersächsischen Provinz so gut Basketball gespielt wird, dass es für das Finale reichte.
Start-Aufstellung aus den USA
Gestern Abend in der Artland-Arena: Auf dem Parkett stehen fünf US-Amerikaner in weißen Trikots - das ist die Starting Five der Artland Dragons. Nur ein Deutscher wird an diesem Abend noch eingewechselt, der Dreier-Spezialist Jan Rohdewald. Auch der Trainer ist US-Bürger: Chris Fleming kam vor 13 Jahren ins Artland - so heißt die Samtgemeinde aus drei Orten, von denen Quakenbrück der größte ist. Nach dem College wurde Flemming Spieler beim Quakenbrücker TSV. Als Topscorer schoss der Shooting Guard die Mannschaft in die Zweite Bundesliga. Er blieb, wurde Trainer und sorgte für den Aufstieg in die erste Bundesliga. Er hat die Spieler ausgesucht, sie in die Kleinstadt gebracht und sie auf die Gegner vorbereitet. Frühzeitig.
Bis vor einer Woche standen die Dragons noch im Halbfinale gegen Köln. Doch sie lernten bereits die Spielzüge des Finalgegners Bamberg auswendig. Als deren Aufbauspieler Steffen Hamann jetzt anzeigt, wie der nächste Angriff laufen soll, hebt auch sein Kontrahent Bryan Bailey die Hand - um zu zeigen, wie er die Verteidigung organisiert. Dabei ist der US-Amerikaner an diesem Abend nur aushilfsweise in die Rolle des Regisseurs geschlüpft. Der eigentliche Point Guard Filiberto Rivera hatte sich im ersten Finalspiel verletzt. Den Aushilfsjob erledigt Bailey glänzend: Er macht 25 Punkte, trifft vier von acht Dreiern und verbucht drei Assists, also Pässe, mit denen seine Mitspieler sofort einen Korb machen können.
"Unser Teamplay ist besser als bei den anderen", erklärt Tobias, der Drache. Die berüchtigte Bamberger Verteidigung, die schon Gegner gedemütigt und unter 50 Punkten gehalten hat, wird immer wieder ausgehebelt. Das Zusammenspiel der Mannschaft, unabhängig davon, welche Aufstellung gerade auf dem Feld steht, mussten die Dragons auf besonders harte Art lernen: Die ganze Saison über waren Spieler verletzt, Shooting Guard LamontMcIntosh brach sich sogar beide Füße. So schafften sie es nur als Achter in die Playoffs und legten damit wohl auch den Grundstein dafür, dass die Gegner sie unterschätzen konnten.
Kleiner Club ganz groß
Bamberg unterschätzt Quakenbrück nicht. Und es ist eigentlich ein Witz der deutschen Basketball-Geschichte, dass Bamberg in dieser Geschichte den etablierten Gegner des Underdogs spielt. Denn eigentlich ist Bamberg auch ein Underdog. Mit 70.000 Einwohnern ist die Stadt nicht gerade eine Metropole. Und doch haben die Brose Baskets mit mehr als 6500 Zuschauern pro Partie mehr Besucher vorzuweisen als Alba Berlin in der Hauptstadt. Bamberg gehört seit mehreren Jahren zur Spitze der Basketball-Bundesliga, gilt also als etabliert und kann im Wettbewerb um Sympathiepunkte nur verlieren.
Mit den Dragons haben die Brose Baskets einen Gegner gefunden, der mit ihrer gefürchtet harten Spielweise durchaus mithalten kann. Das zweite Finalspiel droht einen Moment lang zu kippen. Drache Bailey foult Basket Hamann, der setzt sich zur Wehr, der Bamberger Center Darren Fenn spurtet herbei, es kommt zur Rudelbildung. Während die Schiedsrichter beraten, welche Schuldigen zu bestrafen sind, zeigen die Quakenbrücker Zuschauer, wie entspannt sie mit der Playoff-Atmosphäre umgehen: Eine Laola-Welle wird gestartet. Nur bei der Verkündung der beiden unsportlichen Fouls, je eines für einen Quakenbrücker und einen Bamberger Spieler, wird für ein paar Minuten gepfiffen. In Bamberg oder Berlin hätte das Publikum getobt.
Spannende Schlussphase
Die Schlussphase des Spieles bietet alles, was ein Basketball-Spiel so spannend macht. Vier Minuten vor Schluss setzt sich Bamberg etwas ab. Aber Quakenbrück trifft in den letzten 20 Sekunden noch zwei Dreier, hat bis wenige Sekunden vor Schluss noch die Chance zum Ausgleich. Es klappt aber nicht, die Drachen kassieren eine 74:77-Niederlage. In der Serie steht es eins zu eins. Wer drei Spiele gewonnen hat, ist Deutscher Meister. Wer in Führung geht entscheidet sich am Samstag. Quakenbrück wird dann teilweise leer gefegt sein: Mehr als 1200 Fans machen sich auf den Weg nach Bamberg.
Dass es so viele sind liegt zum einen an der Basketball-Begeisterung der Quakenbrücker, zum anderen an der Großzügigkeit des Geldgebers. Fünf Euro kosten die Busreise, Eintrittskarte inbegriffen. Der Sponsor ist die Sportbekleidungsfirma Medico. Dahinter steckt der Quakenbrücker Textil-Unternehmer Günter Kollmann, ein ehemaliger Jugendnationalspieler. Der Verein veröffentlicht keine Zahlen, aber Beobachter vermuten, dass er einen großen Teil des auf etwa zwei Millionen Euro geschätzten Jahresetats trägt.
Selbst wenn Quakenbrück nicht Meister wird, dürfen die Drachen wohl in der kommenden Saison im Uleb-Cup, vergleichbar mit dem Uefa-Pokal, spielen - falls die Bewerbung nicht an Formalitäten wie der fehlenden Hallengröße scheitert. Dann würden nächstes Jahr auch europäische Spitzenteams auf der Karte nachgucken müssen, wo Quakenbrück liegt.
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