Mittwoch, 10. Februar 2010

Sport



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01.07.2007
 

Jaksche-Geständnis

Schweigen hilft nicht mehr

Von Jörg Schallenberg, Wiesbaden

Beklemmung, Wut, Angst: Das Geständnis von Jörg Jaksche im SPIEGEL sorgte bei den deutschen Straßenrad-Meisterschaften für extreme Reaktionen. Feindseligkeiten zwischen den Teams treten immer offener zutage, ein belasteter Fahrer weiß nicht, was er sagen soll, andere tauchen gleich ab.

Die Nummer 48 ist nicht am Start. Aber sie wird das ganze Rennen bestimmen, sie wird das ganze Wochenende in Wiesbaden dominieren. Es ist furchtbar unwichtig geworden, wer hier bei den deutschen Radmeisterschaften auf der Straße den Titel gewinnt. Die Nummer 48 sollte eigentlich Jörg Jaksche tragen, auf den Starterlisten für die Presse ist der 30-Jährige noch verzeichnet.

CSC-Fahrer Voigt (l.): "Ich kann mich nicht an jedes Wort erinnern"
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DDP

CSC-Fahrer Voigt (l.): "Ich kann mich nicht an jedes Wort erinnern"

Doch der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hat Jaksche vor wenigen Tagen aus dem Feld gestrichen. Von einem Zusammenhang mit dessen Doping-Geständnis im SPIEGEL will beim BDR niemand etwas wissen. Dabei war schon sehr lange bekannt, dass der frühere Telekom- und CSC-Fahrer unter Verdacht stand, gedopt zu haben. Doch Jaksche ist ohnehin in jeder Sekunde präsent. Das bekommt auch Jens Voigt zu spüren, als er am Morgen um kurz vor elf zur Präsentation der Fahrer vor dem Wiesbadener Kurhaus eintrifft.

Über ihn hat Jaksche gesagt, dass Voigt 1998 während der Tour de France erzählt habe, sein damaliges Team überlege, Dopingmittel aus Angst vor Polizeirazzien am Straßenrand zu vergraben. Nun windet sich Voigt, sagt, dass er den SPIEGEL gar nicht gelesen habe und dass er vielleicht mal etwas Ähnliches zu Jaksche gesagt habe - aber das sei doch nicht so gemeint gewesen: "Wir haben damals ständig über Doping und Kontrollen gesprochen, ich kann mich nicht an jedes Wort erinnern. Kann sein, dass irgendwer aus einem anderen Team was vom Vergraben erzählt hat, aber ob das ernst gemeint war, kann ich nicht beurteilen."

Voigt fährt für das Team CSC, dessen sportlicher Leiter Bjarne Riis von Jaksche ebenfalls belastet worden ist. Der Däne, der voll mit Dopingmitteln 1996 die Tour de France gewann, soll mindestens zugelassen haben, dass in seinem Rennstall gedopt wird. Auch Bob Stapleton, Chef des T-Mobile-Teams, hat Riis in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE angegriffen. Wenn man Voigt nun nach diesen Beschuldigungen fragt, dann schaut er einen Augenblick verzweifelt und antwortet dann: "Was soll ich darauf sagen? Bjarne Riis ist mein Arbeitgeber." Immerhin streitet der 35-jährige Deutsche kategorisch ab, dass es organisiertes Doping bei CSC gibt. Heutzutage.

Es ist wenig überzeugend, was Voigt zu sagen hat, aber er stellt sich wenigstens den Fragen. Andere tauchen lieber ab. Das Team Milram, dessen sportlicher Leiter Gianluigi Stanga unter Verdacht geraten ist, wollte in Wiesbaden den Kader für die Tour de France auf einer ausführlichen Pressekonferenz vorstellen, auch ein Interview mit Erik Zabel sollte möglich sein. Dann wurde das Interview abgesagt, dann die Tour-Präsentation, dann das ganze Gespräch. Vom Sponsor Nordmilch reiste erst gar niemand an. Die Fragen zum Doping und zu Stanga hätten das Sportliche zu sehr in den Hintergrund gedrängt, heißt es aus dem Team.

Das stimmt ganz sicher - doch daran wird sich in den nächsten Tagen und Wochen nichts ändern. Schweigen hilft nicht mehr. Nachdem Stanga vom Geldgeber einbestellt worden ist, wird wohl bald eine Stellungnahme erfolgen. Bis dahin dürfen die Gerüchte wie in Wiesbaden frei flottieren. Milram, das ohnehin schon durch den positiv getesteten Sprintstar Alessandro Petacchi belastet ist, wird von der Tour ausgeschlossen, lautet eines, das Team werde aufgelöst, ein anderes. Vor dem Start zur Deutschen Meisterschaft hofft Milram-Fahrer Sebastian Schwager zumindest, "dass ich auch in Zukunft weiter als Rennfahrer tätig sein kann". Auf viel mehr darf man als Radprofi eines verdächtigen Teams in diesen Tagen nicht hoffen. Zabel radelt schweigend vorbei.

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So sehr die Streckensprecher an diesem sonnigen Tag in Wiesbaden auch den angestrengt gutgelaunten Eindruck eines normalen Rennens - es siegte Fabian Wegmann vom Team Gerolsteiner - erwecken wollen, so sehr ist am ganzen Wochenende eine Stimmung aus Beklemmung und Angst, Fassungslosigkeit und Wut zu spüren. Die mühsam gezügelten Feindseligkeiten zwischen jenen Teams der ProTour-Serie, die sich offensiv gegen Doping engagieren und denen, die am liebsten weitermachen wollen wie bisher, treten immer offener zutage. Noch lassen sich Verantwortliche selten mit heftigen Vorwürfen zitieren, doch eine sinnvolle Zusammenarbeit mit Leuten wie Riis, Stanga oder dem ebenfalls von Jaksche schwer belasteten Astana-Berater Walter Godefroot kann man sich etwa bei Gerolsteiner oder T-Mobile immer schwerer vorstellen.

Es entgleist viel in diesen Tagen. BDR-Chef Rudolf Scharping drohte dem Moderator der aus dem Wiesbadener Kurhaus ausgestrahlten "Sportschau" - angesichts der ARD-Vorwürfe gegen seinen Stellvertreter Udo Sprenger - während der Sendung mit den Worten: "Mal sehen, ob ihre Vorgesetzten das auch so sehen." Zuvor hatte der Ex-Minister einen Zeugen des Magazins "Report" bereits als "anonymen Feigling" beschimpft. Sprenger blieb als Organisator der Deutschen Meisterschaften demonstrativ im Amt. Er will gegen die Vorwürfe klagen.

Der 61-Jährige gerät nicht nur wegen Doping, sondern auch wegen vermeintlicher schwarzer Kassen beim mittlerweile aufgelösten Team Nürnberger in Bedrängnis. Dort hatte Sprenger als sportlicher Leiter gearbeitet. Dass gerade bei unterklassigen Rennen offenbar oft Geld am Finanzamt vorbeigeschleust und zudem bisweilen Ergebnisse abgesprochen werden, brachte Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer schon während der "Sportschau" in Wallung. Doch gerade als er zur scharfen Kritik ansetzen wollte, war die Sendezeit um. Draußen vor dem Kurhaus wetterte Holczer aber anschließend ungebremst weiter: "Bei solchen Veranstaltungen werden schon ganz junge Fahrer an die Mentalität herangeführt, dass sie als Profi vor allem eins können müssen: möglichst gut betrügen." Spätestens seit Jaksches Geständnis ist klar, wie groß der Betrug war.

Das Jaksche-Interview zum Doping im deutschen Radsport lesen Sie in der neuen Ausgabe des SPIEGEL

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