In der DDR wurde schon in den siebziger Jahren mit Blutaustausch experimentiert, die Methode geriet aber in Vergessenheit, weil das systematisch organisierte Anabolika-Doping größere Erfolge versprach. Fuentes hat Jaksche erzählt, dass er selbst eine Zeitlang in der DDR gewesen sei und sich dort mit Trainern und Ärzten ausgetauscht habe. Es ist wohl unwahrscheinlich, dass sich Fuentes hier viel Wissen besorgt hat. Blut-Doping gab es auch im Westen. Der viermalige Langstrecken-Olympiasieger von 1972 und 1976 Lasse Virén gilt als ein Pionier des Verfahrens, sich vor den Rennen Blut zuzuführen, das man sich zuvor bei einem Höhentrainingslager entnommen hat. Danach geriet die Methode außer Mode. Zu hoch der Aufwand und zu wenig Ärzte, die dabei mitmachten.
SPIEGEL: Wussten Sie von anderen Fahrern, die sich von Fuentes das Blut austauschen ließen?
Jaksche: Fuentes war ein Meister der Tarnung. Keiner seiner Kunden wusste vom anderen. Noch nicht einmal in unserem Team war genau bekannt, ob noch mehr Fahrer bei ihm sind.
SPIEGEL: Sie glaubten doch nicht im Ernst, dass Fuentes Sie exklusiv betreute?
Jaksche: Nein, aber Fuentes hat dich in diesem Glauben gelassen. Ein Fahrer hat mir später erzählt, Fuentes habe ihm gesagt, er solle ihm ein bisschen mehr bezahlen, dann betreue er ihn exklusiv. Vermutlich hat Fuentes es mit anderen Top-Fahrern wie Ullrich genauso gemacht. Zumindest schließe ich das aus den bekanntgewordenen Honoraren der Operación Puerto.
SPIEGEL: Wie liefen die Treffen ab?
Jaksche: Ich musste in einem Café in der Nähe warten, manchmal nur fünf Minuten, manchmal auch zwei Stunden. Fuentes persönlich setzte dann die Nadel an. Ich habe mir gedacht, du musst das jetzt machen, wenn du mithalten willst. Und da waren keine Quacksalber am Werk. Merino Batres, der Helfer von Fuentes, versteht sein Handwerk, der war angeblich 40 Jahre lang Chef der Madrider Blutbank. Und Fuentes war so ein Arzt, der dich aufgeklärt hat. Während das Blut rauslief, hat er erzählt, wie das Blut gekühlt und aufbewahrt wird. Das Gefährlichste, was passieren könne, sei, dass Bakterien ins Blut gelangen. Deshalb hat er viel Wert auf Hygiene gelegt. Mein Arm wurde immer mit rotem Desinfektionsmittel eingeschmiert, so als wollte er mir Gott weiß was aufschneiden.
SPIEGEL: Ist Blut-Doping unangenehmer als die Epo-Spritze?
Jaksche: Der Akt der Blutzufuhr an sich ist schon eklig. Auf der anderen Seite hast du ein reines Gewissen, du sagst dir: Okay, ich muss keine Angst haben bei der Kontrolle. Es sind keine gefährlichen Substanzen, es ist mein eigenes Blut. Für mich war das kein Doping. Für mich war es Anpassung an das System.
2005 war Jaksche im Team von Saiz wieder als Edelhelfer vorgesehen, diesmal für den Spanier Roberto Heras. Beim Critérium International in den Ardennen wurde er Dritter und gewann die Bergwertung. Beim Etappenrennen Paris-Nizza belegte er Platz fünf, ein Sturz verhinderte eine bessere Plazierung. Vor seinem Lieblingsrennen hatte er sich erstmals einen der gebunkerten Blutbeutel reinfundieren lassen.
Eigenblut-Doping ist logistisch hochkompliziert. Die Termine für die Blutabnahme und die Blutzufuhr müssen festgelegt werden, dabei muss Fuentes berücksichtigen, dass er dem Fahrer immer nur einen halben Liter Blut abnehmen kann und der Körper bis zu vier Wochen braucht, bis er das alte Blut ersetzt hat. In dieser Zeit ist der Körper geschwächt und der Sportler bei Rennen nicht einsetzbar.
Und weil die Blutbeutel maximal vier Wochen haltbar sind, wird bei einem Fahrer während des ganzen Frühjahrs Blut ausgetauscht. Bei der ersten Abnahme gibt der Athlet einen halben Liter Blut ab, beim zweiten Besuch vier Wochen später einen ganzen Liter, bekommt aber den ersten halben Liter wieder zugeführt. So hat Fuentes einen Liter Frischblut, der Fahrer verliert jedoch nur einen halben Liter. Beim dritten Besuch der gleiche Vorgang: Der Athlet gibt einen Liter ab, bekommt aber einen halben Liter wieder zurück. So hatte ein Fahrer immer zwei frische Beutel im Kühlschrank. Das ist ein ziemlich großer Aufwand, erst recht, wenn mehr als 50 Fahrer auf der Kundenliste stehen.
Auch der Transport der Beutel ist kompliziert. Die Päckchen müssen gekühlt und beim Einsatz in ganz Europa über die Grenzen transportiert werden. Weil es in Frankreich ein Anti-Doping-Gesetz gibt, holte sich Jaksche vor dem Start der Tour de France 2005 die erste Ration frisches Blut in Madrid ab und ging also frisch gedopt auf die erste Etappe.
Jaksche: Das war wie ein ständiger Ölwechsel. Bei mir hat es anfangs aber nicht so toll funktioniert, weil mich diese Rein- und Raustauscherei kaputtgemacht hat. Deshalb habe ich den Einsatz auf ein Minimum reduziert. Für zwei Klassiker, für das Rennen Paris-Nizza und für die Tour de France.
SPIEGEL: Und wie funktionierte das dann während einer Rundfahrt?
Jaksche: Da zeigt sich die logistische Meisterleistung von Fuentes. Der hatte überall seine Mitarbeiter. 2005 führte die Tour durch Deutschland. Also bin ich im Frühsommer von Ansbach nach Bad Sachsa in den Harz gefahren. Dort hat mir ein Dr. Choina einen halben Liter Blut abgenommen. Zum verabredeten Termin am 8. Juli kam Choina dann nach Karlsruhe und hat es mir für den Rest der Tour zurückgegeben. Es dauert zwei Tage, bis sich das zugeführte Blut verstoffwechselt hat. Aber dann fühlt man sich einfach besser. Du merkst, dass du am Berg länger vorn mitfahren kannst. Du hast dabei nicht weniger Schmerzen, aber die Schmerzgrenze liegt höher. Denn in den Blutbeuteln ist ja mehr drin als die roten Blutkörperchen, die du zum Transport des Sauerstoffs brauchst: körpereigenes Wachstumshormon und Testosteron, Vitamine, Proteine. Das wirkt wie eine Verjüngungskur.
SPIEGEL: War die Tour 2005 eine Tour der Eigenblut-Doper?
Jaksche: Irgendwann wird dir klar, dass das, was du machst, keine Sonderbehandlung ist. Ich hatte mich mit meinem eigenen Blut gedopt und trotzdem weiterhin die gleichstarken Gegner. Es war ja nicht so, dass ich eine Atombombe hatte und die anderen kämpften immer noch mit der Machete. Man lernt: Es gibt ein neues System, sich den Kontrollen zu entziehen.
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