Eine Magenverstimmung auf einer schwierigen Pyrenäen-Etappe kostete Jaksche den erhofften Platz unter den Top Ten. Im Gesamtklassement belegte er als bester Deutscher hinter Jan Ullrich den 16. Rang. Mit der Tour war sein letzter Blutbeutel für dieses Jahr verbraucht. Er fuhr noch die Deutschland-Tour und erreichte dort den vierten Platz. Im September traf er bei der Weltmeisterschaft in Madrid Fuentes, um die Zusammenarbeit für die neue Saison zu besprechen.
2006 sollte Jaksche von Fuentes' neuem Kühlsystem profitieren, ein Aggregat, das angeblich die Amerikaner für den Vietnam-Krieg erfunden haben. Dabei wird das abgegebene Blut zentrifugiert und dann auf mehr als minus 80 Grad eingefroren. Der Vorteil gegenüber dem alten System: Das Blut ist zehn Jahre lang haltbar. So können viel mehr Beutel gelagert werden, der stetige Austausch von altem und neuem Blut entfällt. In der Winterpause fuhr Jaksche regelmäßig nach Madrid, einmal im Monat.
Jaksche: Fuentes war inzwischen bei Saiz in Ungnade gefallen. Einer unserer Fahrer war in der ersten Hälfte der Saison wegen eines Hämatokritwerts von über 50 mit einer Schutzsperre belegt worden. Danach gab es keine Kooperation des Teams mehr mit Fuentes. Aber Saiz erlaubte es trotzdem, dass ich weiter privat mit Fuentes zusammenarbeitete, allerdings auf eigene Kosten. Fuentes und ich haben uns dann Anfang 2006 in Madrid getroffen. Er sagte mir, was ich zu zahlen habe: 10.000 Euro für die erste Rate. Die habe ich ihm überwiesen. Das Komplettprogramm mit allem Drum und Dran sollte 30.000 Euro kosten. Wir haben nicht großartig verhandelt, der Preis erschien mir fair, er musste die Geräte bezahlen, seine Helfer, außerdem ging er ja auch ein gewisses Risiko ein.
SPIEGEL: Wie funktionierte das neue System?
Jaksche: Ich bin zum Reinfundieren immer über Madrid zu den Rennen gefahren. Fuentes ist dann meist morgens oder abends ins Hotel gekommen. Er war dabei oft gestresst, weil er vor großen Rennen viel zu tun hatte. In den Unterlagen der Guardia Civil steht, dass er einmal 72 Stunden am Stück gearbeitet haben soll.
SPIEGEL: Was war Ihr Plan für 2006?
Jaksche: Für die erste große Frühjahrsrundfahrt, einen weiteren Klassiker und natürlich für die Tour de France sollte ich frisches Blut bekommen. Das war der Jahreshöhepunkt. Geplant war, dass ich vor der Tour nach Madrid komme, und für die zweite Hälfte der Tour sollte Blut in der Bretagne gebunkert werden.
Fuentes und Jaksche haben sich das letzte Mal gesehen in der Nacht vom 13. auf den 14. Mai, in Madrid, in Zimmer 605 des Hotel Puerta, dort, wo Saiz öfter sein Team zusammenkommen ließ. Fuentes nahm ihm an diesem Abend noch einmal Blut ab. Zehn Tage später, am 23. Mai, durchsuchte die spanische Polizei das Labor des Fuentes-Helfers Merino Batres und die Apartments von Fuentes in der Calle Alonso Cano und in der Calle Caídos de la División Azul. Sie fanden mehr als 220 Blut- und Plasmabeutel, dazu große Mengen Wachstumshormon, Anabolika und Epo. Beim Verlassen eines Hotels nahmen sie Jaksches Teamleiter Saiz und Fuentes fest. Saiz hatte 30.000 Euro und 28.000 Schweizer Franken in bar dabei und eine Kühltasche, darin vier Packungen Synacthen.
SPIEGEL: Wieso wollte Saiz dieses Geld an Fuentes zahlen, die beiden hatten doch gar keinen Kontakt mehr?
Jaksche: Meines Wissens nach waren es Restschulden von Saiz an Fuentes aus dem Jahr 2005, die er begleichen musste. Saiz hatte Probleme mit einem Spitzenfahrer aus seinem Team, der zu Beginn des Jahres zu Liberty Seguros gewechselt war und einen sehr schlechten Frühling hatte. Der Fahrer und sein Manager, der seit fünf Jahren auch mein Manager war, hatten Saiz unter Druck gesetzt. Sie wollten eine bessere medizinische Betreuung, und Saiz ließ sich darauf ein, er war in einer Zwickmühle: Der Spitzenfahrer ist teuer, Saiz musste sich vor seinen Sponsoren rechtfertigen.
SPIEGEL: Könnte es sein, dass es sich bei dem Fahrer um Alexander Winokurow und bei dem Manager um Tony Rominger handelt? Warum nennen Sie nicht die Namen?
Jaksche: Noch einmal, ich will keine Fahrer belasten. Saiz ist wegen dieses Fahrers zurück zu Fuentes, deswegen musste er die Schulden bezahlen, deswegen flog alles auf.
Das Interview führten die SPIEGEL-Redakteure Lothar Gorris, Detlev Hacke und Udo Ludwig
Lesen Sie morgen im letzten Teil des Interviews: "Radsport ist Schmerz". Jaksche spricht über die Gründe für das Doping, spanische Verdächtige, angebliche Verwicklungen des Weltverbandes - und die Frage, ob er wieder manipulieren würde.
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