Von Jörg Schallenberg, Foix
Wenigstens einmal liegen sie ganz vorn. Cofidis hält die Spitze, Bougyues Telecom ist Dritter, während sich Rabobank und Astana weit hinten durch das Feld quälen. Als die Rennställe der Tour de France an diesem Morgen ihre riesigen Busse zum vorgesehenen "parking équipes" kurz vor der Startlinie zwängen, da sind alle gleich. Gleich vor dem täglichen Improvisationschaos, das eines der größten Ereignisse des Weltsports im Tagesrhythmus in Ortschaften anrichtet, die so gar nicht darauf ausgerichtet sind, 21 Profi-Radteams samt einem gigantischen Tross von Journalisten und Zuschauern kurzzeitig unterzubringen.
Wobei es sich eigentlich nicht um 21 Teams handelt. Sondern um 13 plus 8. Was sich sehr schön am Gesamtklassement der Tour ablesen lässt - eigentlich aber auf einen Eklat zurückgeht. Am Vorabend der diesjährigen Tour de France traf sich die Vereinigung der Profirennställe in London (AIGCP), um neben anderem über das eine oder andere Dopingproblem zu sprechen, das es dem Hörensagen nach geben soll. Jesus Suarez Cueva, Sportlicher Leiter beim zweitklassigen, aber ambitionierten spanischen Radrennstall Relax-Gam, bestritt allerdings schon dies. Er ließ in einer etwas weiter schweifenden Formulierung verlauten, dass Radprofis nicht dopen, sondern nur Medizin nehmen wie andere Sportler auch.
Solche Dialektik vom Manager eines Teams, das gleich mehrere Verdächtige von der Fuentes-Liste der spanischen Polizei unter seine Fittiche genommen hat, versetzte andere Rennleiter in Rage, manche verließen wutentbrannt die Sitzung. Anschließend beschlossen die Chefs von zwei deutschen und sechs französischen Teams, eine eigene, vorerst lose Interessengemeinschaft zu gründen, die sich etwas ernsthafter mit dem Thema Doping auseinandersetzen will als die Konkurrenz.
Sucht man nun, nach der 14. Etappe der Frankreich-Rundfahrt, in den Rennlisten, nach den Fahrern von T-Mobile, Ag2R Prévoyance, Gerolsteiner, Credit Agricole, Bouygues Telecom, Agritubel, Cofidis und La Francaise des Jeux, dann zeigt sich Erstaunliches. Nicht nur beim steilen Anstieg nach Plateau de Baille gestern war kein Profi aus einem dieser Rennställe in einer der Spitzengruppen vertreten - erst auf Platz 16 kam Gerolsteiner-Fahrer Bernhard Kohl ins Ziel.
Abgesehen von T-Mobile-Profi Kim Kirchen auf Rang 14 ist unter den ersten 25 Fahrern im Klassement keiner aus den acht Dissidenten-Teams platziert, erst auf Rang 28 und 29 folgen Sylvain Chavanel (Cofidis) und Markus Fothen von Gerolsteiner. Aus der deutsch-italienischen Sprinter-Equipe Milram ist auch niemand vorn zu entdecken, was allerdings an der eher einseitigen Besetzung liegt, die keinen Fahrer mit Qualitäten für die Gesamtwertung vorsieht.
Dafür finden sich gleich neun Spanier unter den Top 20. Es ist möglicherweise ein Zufall, dass Jörg Jaksche in seinem SPIEGEL-Geständnis Spanien als Paradies für Doper charakterisierte - etwa im Vergleich zu Frankreich mit seinem Anti-Doping-Gesetz. In der Mannschaftswertung belegen Teams, die nicht zur "Gruppe der Acht" gehören, die ersten acht Plätze. Warum nur?
An den mangelnden Kontrollen kann es doch wohl nicht liegen. Am Freitag führte der Weltverband UCI 42 Bluttests bei fünf Teams durch. Gestern griff erstmals die Polizei ein. Auf der Ausweichroute des Rennens, die all jene nehmen, die nicht direkt im Feld mitfahren dürfen, hatten die Flics gleich drei mobile Radarfallen eingerichtet. Ins Netz ging ihnen unter anderem das frühere Team von Lance Armstrong. Der Fahrer eines Begleitfahrzeugs von Discovery Channel war zu schnell unterwegs und musste dafür bezahlen. Allerdings kein Jahresgehalt.
Man kann natürlich angesichts der Zweiteilung von rein sportlichen und wirtschaftlichen Gründen ausgehen. So haben sich Teams wie Astana mit Andreas Klöden und Paolo Salvodelli oder Discovery Channel mit Levi Leipheimer weitaus luxuriösere Einkäufe geleistet als etwa Gerolsteiner, T-Mobile oder Francaise des Jeux.
Man kann genauso gut konstatieren, dass eigentlich gerade zwei Frankreich-Rundfahrten parallel stattfinden. Bei der einen nehmen nur acht Mannschaften teil, die den anderen fast immer hinterherfahren. Warum auch immer.
Ob diese Besetzung irgendwann in ferner Zukunft dazu übergeht, gleich eigene Wettbewerbe auszuschreiben und die anderen in voller Fahrt davonsausen zu lassen, gehört sicher auch zu den Themen, die bei den regelmäßigen Treffen der "Gruppe der acht", auch während der Tour, besprochen werden. Doch Offizielles verlautete bislang nicht aus dem deutsch-französischen Kreis. Fragt man etwa Gerolsteiner-Chef Hans-Michael Holczer in diesen Tagen nach Ergebnissen, so breitet er gern die Arme aus und sagt mit möglichst unschuldigem Blick: "On travaille et on ne parle pas." Man arbeitet und spricht nicht darüber. Noch nicht.
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