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29.07.2007
 

Tour-Finale

Jubel, Trubel, Magenschmerzen

Von Dirk Brichzi

Es wird so sein wie immer am letzten Tag der Tour in Paris: Die Sieger feiern, die Zuschauer jubeln. Doch nicht alle klatschen Beifall. Hinter den Kulissen wird heftig an einer neuen Tour gestrickt - sogar die Einführung von Nationalmannschaften steht zur Diskussion.

Es gibt wieder schöne bunte Bilder von der letzten Etappe der Tour, bevor das Fahrerfeld auf die Champs Elysées einbiegt. Der designierte Sieger Alberto Contador aus Spanien nippt am Champagnerglas, neben ihm lächeln Tom Boonen im Grünen Trikot des Punktbesten und Mauricio Soler im gepunkteten Dress des Bergkönigs in die Kameras, später stehen sie alle auf dem Podium und strahlen um die Wette. Und die Zuschauer jubeln.

Tour-Fahrerfeld in Paris: Und die Zuschauer werden jubeln
DPA

Tour-Fahrerfeld in Paris: Und die Zuschauer werden jubeln

Wenn nicht noch vorher etwas passiert. Einige Fahrer sollen mit dem Gedanken spielen, die Tour gar nicht zu beenden, sondern einen Meter vor der Ziellinie vom Rad zu steigen und somit gegen die Vorfälle bei dieser Tour zu protestieren. Mehrere Dopingfälle, darunter Alexander Winokurow; der wegen Lügens ausgeschlossene Spitzenreiter Michael Rasmussen; ein Sieger, der auf der Kunden-Liste des Blutmischer Fuentes stand - es gibt genug Gründe, warum einige Profis keine Lust mehr haben, dem Jubel-Trubel-Heiterkeit-Gedanken in Paris nachzugeben.

"Muss man wirklich die drei Ersten ehren? Muss man sich da wirklich hinstellen und sagen, das sind die Besten und wir ehren unsere Helden wie immer", sagte T-Mobile-Sportdirektor Rolf Aldag schon gestern. Er befürchtet gar, dass die Spaltung im Fahrerlager zwischen den Teams, die sich dem Anti-Doping-Kampf verschrieben haben, und den anderen wieder aufbrechen könnte. "Es herrscht kein Frieden im Peloton", so Aldag.

Und diesmal ist die Tour nicht vorbei, wenn sie vorbei ist. Hinter den Kulissen wird eifrig an einer Reform des bedeutendsten Radsport-Ereignisses gearbeitet.

Stichtag ist der 25. Oktober. Dann wird die Tour 2008 vorgestellt, alle Etappen, alle Berge, die Zeitfahren. Eigentlich ist das ein Termin, an dem die Helden der vergangenen Tour über Chancen und Möglichkeiten spekulieren dürfen, wer ihre stärksten Konkurrenten sein werden und ob sie den Anstieg nach Alpe d'Huez wieder so schnell bewältigen werden wie zuletzt.

Diesmal jedoch wird alles anders sein. So versprechen es zumindest die Organisatoren der Tour de France, die die Schnauze voll haben von ihrem eigenen Produkt, wie es sich in diesem Jahr präsentiert hat. Sie wollen eine "Erneuerung des Radsports" und für "einen glaubwürigen Radsport" einstehen. Dazu braucht die Veranstalterorganisation Aso den Weltverband UCI nicht, denn der, so hatte Tour-Chef Christian Prudhomme gestern noch einmal betont, "ist entweder unfähig oder will der Tour schaden". Also: raus damit!

Die UCI hatte die verpassten Tests von Michael Rasmussen verschwiegen und sich in der Vergangenheit nicht gerade einen Namen als Vorreiter in Sachen Dopingbekämpfung gemacht. Stattdessen setzt Prudhomme auf die "Gruppe der Anständigen", jene acht Teams, die sich den Anti-Doping-Kampf auf die Fahnen geschrieben haben, darunter auch die beiden deutschen Rennställe T-Mobile und Gerolsteiner. Bis Ende Oktober sollen die Grundlagen für die neue Tour stehen. "Ein neues Modell kann nur unabhängig von der UCI funktionieren", sagte Aso-Boss Patrice Clerc.

Die Grundzüge sind klar: Die Dopingtests sollen in Zukunft direkt von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada durchgeführt werden, in irgendeiner Weise des Dopings verdächtige Fahrer dürfen nicht mehr an den Start gehen. Dazu soll der "ethische Pass" für Fahrer eingeführt werden. "Unsere während der Tour gegründete Vereinigung MPCC (die Gruppe der Acht, die Red.) legt alle Blutwerte der Fahrer offen und macht auch ärztliche Verordnungen, die oft zum 'legalen Dopen' missbraucht werden, transparent. Das heißt, in unseren Teams gibt es nicht einen einzigen Fahrer, der Kortikoide nimmt", sagte Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer.

Ein weiterer Vorschlag könnte den Radsport revolutionieren: Es könnten wieder National-Teams an den Start gehen, die ihren Landesverbänden unterstehen, wie es in der Zeit vor 1968 üblich war und derzeit nur bei den Weltmeisterschaften praktiziert wird. Diesen Vorschlag macht Frankreichs bedeutendster Radsport-Journalist Philippe Brunel heute in der Tageszeitung "L'Equipe". Sponsoren könnten dann in geringerem Maße auf Trikots und Hosen werben, ihr Einfluss wäre nicht mehr so groß.

Eine schöne, wenn auch arg romantische Vorstellung. Geht 2008 Team Deutschland in Frankreich an den Start? Einige Chefs der französischen Teams stehen dem Vorschlag zumindest nicht ablehnend gegenüber. Auch Aso-Chef Clerc ist nicht abgeneigt: "Ich kann mir eine gemischte Form vorstellen. Einige Startplätze der ausgewählten Teams wären dann für Nationalmannschaften reserviert. Das ist die Richtung, in die es gehen könnte", sagte er.

Auch die Wada soll bei der Erneuerung mit ins Boot geholt werden. Allerdings nahm Wada-Präsident Richard Pound die Tour-Organisatoren ins Visier. Seit dem Festina-Skandal 1998 habe sich "nichts geändert", sagte er der Zeitung "Le Figaro". Im November will die Wada Doping-Verstöße härter ahnden. Die Sperre für Erstvergehen soll von zwei auf vier Jahre aufgestockt werden.

Bis dahin vergeht noch viel Zeit, heute endet die angeblich letzte Tour nach traditioneller Austragungsart in Paris. Die Sieger werden feiern und gefeiert werden, aber vielleicht stimmt es ja, was Aso-Chef Clerc sagte: "Die Tour ist gestürzt, hat sich schwer verletzt, aber ich hoffe, dass dies ein Wendepunkt für den Sport ist."

Mit Material von dpa und sid

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