Von Frieder Pfeiffer, Marburg
Es ist heiß an diesem 8. August 1992. Die Sonne hat die Tartanbahn des Olympiastadions am Abschlusstag der Leichtathletikwettbewerbe von Barcelona noch einmal kräftig aufgeheizt. Um 20.40 Uhr, die Temperatur beträgt noch immer 26 Grad, macht sich ein dünner Deutscher zwischen elf zumeist afrikanischen Startern bereit für das Finale über 5000 Meter. Dieter Baumann hat sich mehrmals kühlendes Wasser über den Kopf geschüttet. Er steht auf Bahn fünf. Er weiß, es ist seine große Chance. Er wird sie nutzen.
Die Sportchronisten vermerken im Anschluss an das Rennen neben Uhrzeit, Startbahn des Siegers, Temperatur und Luftfeuchtigkeit (82 Prozent) vor allem zwei Zahlenfolgen: 13:12,52 und 11,7. Die erste beschreibt in Minuten die Siegerzeit dieses olympischen 5000-Meter-Laufes. Nicht berauschend, Baumann läuft in seiner Karriere mehr als ein Dutzend Mal schneller. Entscheidend ist die zweite Zahl. In der letzten Kurve zieht der damals 27-Jährige einen Spurt an, der ihn auf den letzten hundert Metern an zwei Kenianern, einem Äthiopier und einem Marokkaner vorbeifliegen lässt - in 11,7 Sekunden. Nach 4900 Metern. Baumann gewinnt Gold. Er ist der Liebling der Nation, der "weiße Kenianer". Im Ziel schlägt er einen Purzelbaum. Ein "perfekter Abend", sagt er 15 Jahre später.
Sommer 2007: Baumann überschlägt sich nicht mehr unbeschwert vor Freude, obwohl er sich äußerlich nicht wirklich verändert hat. "600 Gramm habe ich zugenommen. Die müssen dringend wieder runter", sagt er. Wer ihn beobachtet, weiß: So, wie er seinen Weg seit Karriere-Ende 2003 geht, so ist auch dieser vermeintliche Scherz gemeint - sehr ernst. Oft spricht man bei ehemaligen Sportlern von der aktiven Zeit. Zum umtriebigen Schwaben aus Tübingen passt dieser Ausdruck nicht. Baumann steht nie still. Er trainiert hoffnungsvolle Läufer wie die Deutschen Meister Arne Gabius (5000 Meter) und Filmon Ghirmai (3000 Meter Hindernis). Er schreibt Kolumnen, gibt im Auftrag einer Krankenkasse Laufseminare und hält Motivationsvorträge. Darüber hinaus läuft er selbst sechsmal die Woche und erreicht immer noch Zeiten, um die ihn manch nationaler Spitzenläufer beneidet.
An diesem Tag ist er jedoch nicht zum Trainieren gekommen. Er hat andere Sorgen: Lampenfieber. Baumanns neuestes Projekt heißt "Es läuft, und sie?" - eine abendfüllende Bühnenshow. Zum zweiten Mal erst tritt er heute auf, Baumann ist unsicher, "aufgeregter als vor einem Wettkampf", wie er anmerkt. Die komödiantische Nummer sei "ein Versuch. Wenn es nicht klappt, lasse ich es halt wieder." Nach dem Projekt ist vor dem Projekt.
Der 42-Jährige bezeichnet sich selbst als "Lebensläufer, Bewegungsbotschafter". Ein Misserfolg wird ihn nicht aufhalten. Dieter Baumann läuft und läuft und läuft.
Doch wo läuft er hin? Läuft er davon?
Baumanns Sorgen sind unberechtigt, seine Ein-Mann-Show kommt an. Nach einer halben Stunde lässt er den kleinen Saal im Marburger Software-Center verdunkeln. Baumann zeigt ein Video. Sein Video. Die letzten 400 Meter seines Goldlaufes, mit Original-Kommentar von Gerd Rubenbauer und Dieter Adler. Der Gänsehaut-Effekt, sein Trumpf. Großer Beifall. Dafür lohnt es sich, 15 Jahre zurückzulaufen. Er öffnet den Baumann-Schrank. "Schublade auf, Barcelona rein, Schublade zu", nennt das der Olympiasieger.
Die Gold-Schublade war lange Zeit die einzige, die er bediente. Sieben Jahre lang. Dann wurde Nandrolon in Baumanns Körper und in seiner Zahnpasta gefunden. Und plötzlich war die "Lichtgestalt" (dpa) mit dem "unwiderstehlichen Lachen" (taz) aus dem Gleichgewicht. Baumann versuchte krampfhaft, seine Unschuld zu beweisen. Er bot 100.000 Mark für die Ergreifung des Täters. Erreichte aber nur, dass ihn der nationale Verband freisprach. Vom Weltverband IAAF wurde er gesperrt. Baumann hatte nur eine kleine Chance. Diesmal konnte er sie nicht nutzen.
Denn heute öffnet sich der Baumannsche Schrank meist an einer anderen Stelle. "Schublade auf, Zahnpasta rein, Schublade zu." Baumann sagt, mit seinem Buch "Lebenslauf" habe er die Geschichte endgültig verarbeitet, "zwischen zwei Pappdeckel verpackt". Er hat sie weggelaufen, sozusagen. Die Öffentlichkeit konnte er jedoch nicht mitnehmen. Auch deswegen läuft er weiter. Baumann will sie mitnehmen, gemeinsam der kollektiven Zahnpasta-Erinnerung davonlaufen und eine neue Schublade öffnen: Baumann, der Laufritter.
"Wir brauchen ein Anti-Doping-Gesetz", sagt er
Baumann, der Anti-Doping-Kämpfer, ist er nur noch selten. Er hat einfach genug. Früher war er für seine Widerborstigkeit gegenüber Verbänden bekannt. Offen kritisierte er die bedenkenlose Einbindung ostdeutscher Trainer nach der Wende in das gesamtdeutsche System. Nicht nur dort machte er sich damit Feinde. Heute sagt er nur: "Wir brauchen ein Anti-Doping-Gesetz." Weiter äußert er sich nicht, obwohl er auch sagt, dass er seine offene Kritik an den Sportfunktionären nie bereut hat. Es scheint, als wolle er mit seiner Vergangenheit auch der ganzen Doping-Debatte davonlaufen. Die Erinnerungen sind ihm trotz aller Aufarbeitung unangenehm.
Die aktuelle Gefahr ist ein positiv getesteter Schützling - wohl das Ende des Trainers, der öffentlichen Person Baumann. Der Ruf wäre ruiniert. Sofort würde er sich trennen, sagt Baumann, würde er nur einen "Hauch" von Verdacht in seiner Trainingsgruppe haben.
Davonkommen wird er jedoch nie, Baumann kann sich nie sicher sein. Seine eigene Geschichte ist dafür das beste Beispiel.
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