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21.08.2007
 

Achilles' Verse

Ohne Sinn und Verstand durch Irland

Die Iren sind wetterfest. Deshalb üben sie auch Sportarten aus, die man auf dem europäischen Festland nicht findet, wie Achim Achilles festgestellt hat. Schließlich startete er bei einem Wettbewerb, in dem es vor allem darum ging, nicht unterzugehen.

Welches Volk in Europa stellt eigentlich die zähesten Ausdauersportler? Mittelmeer-Anrainer wie Spanien oder Griechenland fallen gleich mal aus wegen Verweichlichung durch Sonne, Wein und Rundumversorgung von Mama bis ins hohe Alter. Skandinavier sind zu schlau, Alpenbewohner zwar zäh, aber psychisch oft zu labil für stumpfes Streckenbolzen. Vertretern gediegener Großmächte wie England, Frankreich oder Rumänien fehlt wiederum der Hunger eines Underdogs. Die Deutschen fallen auch aus, sie sind die Dicksten in Europa.

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Der perfekte Ausdauersportler hingegen ist von Windhund-Statur, genügsam und wetterfest. Man begegnet ihm in strömendem Regen auf einer Landstraße, mindestens zwölf Meilen von der nächsten Ortschaft entfernt. Socken, Schuhe und Hemd stammen aus den frühen siebziger Jahren. Sein Blick verheißt bedingungslose Entschlossenheit. Er hält waagerechten Regen und beißenden Wind für normales Wetter, Kartoffel mit einem Batzen Schweinespeck für vollwertige Sportler-Nahrung und Bier für die perfekte Belohnung. Seine Hirnkapazität reicht immerhin, um sich eine Unzahl von Trinkliedern und frauen- sowie britenfeindlichen Witzen zu merken. Richtig, wir sind in Irland.

Wie alle Urvölker, die noch nicht lange Kontakt mit der Zivilisation haben, gibt es hier zahlreiche Initiationsriten. Im Vergleich zu anderen Buschmenschen enden sie allerdings nicht mit dem Erwachsensein. Wenn der Ire rudert, dann mindestens um den Fastnet Rock, aber nie unter Windstärke zehn. Sport muss wehtun, deswegen spielt er Hurling oder Gaelic Football. Wer mit 18 Jahren immer noch alle Schneidezähne beisammen hat, gilt als Weichei. Klar, dass der Dublin-Marathon Ende Oktober stattfindet. Iren sind alles, aber keine Schönwettersportler.

Weil auf seiner kleinen, grünen und nassen Insel wenig los ist, entwickelt der Ire viel Kreativität für lustige Ausdauerveranstaltungen. Das "Boyle Bolshoi Boat Race" zum Beispiel, wo die Teilnehmer ausschließlich in selbstgebauten Wassergefährten an den Start dürfen. Vergesst Ironman oder Wüstenmarathon – nur wer das "Boyle Bolshoi Boat Race" überlebt hat, darf sich wirklich Ausdauersportler nennen.

Zufällig waren wir in der Gegend, als das Rennen stattfinden sollte. Zufällig suchte einer der Teilnehmer noch einen Co-Piloten. Und zufällig guckte mich Mona schon Tage vorher immer mal wieder prüfend bis spöttisch an. Würde ihr Achim wirklich ein verdammter Schlappschwanz sein und seine alberne Lungenentzündung vorschützen, um sich dem tosenden Eiswasser des Boyle River zu entziehen? Oder würde er wie ein Ire kämpfen, egal worum, Hauptsache, ohne Sinn und Verstand. Monas Blicke wurden stündlich lauernder. Natürlich musste ich mich für die Männlichkeit entscheiden.

Mein Kapitän hieß Mick und hatte per Anhänger aus Dublin ein selbstgebautes Boot nach Boyle gezogen. Mick war ein Fuchs, ein Stratege, ein Hirn, Zierde der irischen Bootsbaukunst. Er hatte zwei Styroporplatten übereinander geklebt, mit zarten Latten den Boden verstärkt und einen mächtigen Aufbau gezaubert, mit Schornstein, Hubschrauberlandeplatz und Fahnenmast. Denn der Unterhaltungswert des Gefährts wurde ebenfalls benotet. Die Konkurrenz dagegen kam mit dem üblichen einfallslosen Krempel: Fässer, wahrscheinlich selbst geleert, fahrradgetriebene Schaufelräder auf Europaletten, ein Baywatch-Katamaran mit jungen Männern, die in den wenigen sonnigen Sekunden stolz ihre Spatzenmuskeln spielen ließen.

Zärtlich ließ Mick sein Boot zu Wasser. Die Regentropfen trommelten einen zackigen Marsch auf Deck. Der Countdown lief, Mick setzte ein Knie auf sein Fahrzeug. Das leise Knacken des Styropors ging unter im Startgetümmel und dem schallenden Lachen der Zuschauer. Noch vor der Startlinie bestand unser Boot aus drei fenstergroßen Styroporbruchstücken. Die Aufbauten hatten wir ans Ufer geworfen.

"Du wirst kaum nass", hatte Mick gesagt, während ich ihn, der auf dem Styroporhaufen saß, mit kräftigem Beinschlag durch die Stromschnellen manövrierte.

"Der Fluss ist ruhig", hatte Mick gesagt, während ich im reißenden Gegurgel nach Luft rang.

"Höchstens zwei Kilometer", hatte Mick gesagt. Nach etwa vier Kilometern kam das Ziel in Sicht.

An einer Stromschnelle waren wir geteilt worden. Gemeinsam schwammen wir unter dem tosenden Jubel von Millionen von Boylern durchs Ziel - immerhin als Dritte. Wir hatten ein Boot verloren samt dreier Paddel. Aber wir hatten unsere Ehre behalten.

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