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29.08.2007
 

Diskus-Weltmeisterin Dietzsch

Die alte Dame und die Tränen

Aus Osaka berichtet Susanne Rohlfing

Sie warf, gewann und heulte: Franka Dietzsch zeigte der Konkurrenz bei der WM in Osaka, wo der Diskus hängt. "Die braucht keinen Sport", sagt Trainer Dieter Kollark über die Goldmedaillengewinnerin - gerade darin liegt vielleicht ihr Erfolgsgeheimnis.

Franka Dietzsch weint, aber Dieter Kollark findet keinen Weg zu seiner Weltmeisterin. Sie nimmt die schwarz-rot-goldene Flagge und posiert ein wenig hilflos für die Fotografen, ihr Trainer läuft auf und ab und sucht nach einem Weg von der Tribüne hinunter. Keine Chance. Rund vier Meter Höhenunterschied trennen die beiden, er auf den Rängen, sie auf der Laufbahn hinter dem Diskusring. Kollark gibt schließlich auf. "Ich sehe sie ja heute noch mal", sagt er. Dann kann er der alten Dame der deutschen Leichtathletik immer noch zu ihrem dritten WM-Titel nach 1999 und 2005 gratulieren.

Weltmeisterin Dietzsch: "So macht das Spaß"
DPA

Weltmeisterin Dietzsch: "So macht das Spaß"

Es ist vollbracht. Dietzsch hat sich in Osaka mit der fliegenden Ein-Kilo-Scheibe durchgesetzt. Sie hat ihren Titel von Helsinki verteidigt. Und sie hat sich an der 17 Jahre jüngeren Russin Darja Pischalnikowa für ihre Niederlage vor einem Jahr bei der Europameisterschaft in Göteborg revanchiert. Als dritte Starterin feuerte die Neubrandenburgerinnen ihren Diskus im ersten Versuch auf 66,61 Meter. Sie schockte ihre Mitstreiterinnen. "So macht das Spaß", sagt sie später. Danach hätten alle nach Hause gehen können. Nichts ging mehr. Pischalnikowa gewann mit 65,78 Metern Silber, Yarelis Barrios aus Kuba mit 63,90 Metern Bronze.

"Ich würde lieber Männer trainieren", sagt Kollark, "Frauen sind viel anhänglicher". Zu anhänglich für ihn. Der "Herr Kollark", wie Dietzsch ihren Trainer nennt, obwohl sie "340 Tage im Jahr" mit ihm verbringt, ist ein harter Hund. Marke: Raue Schale, weicher Kern – muss man vermuten. Denn der 62-Jährige hat ein goldenes Händchen für starke Mädchen. Vor Dietzsch führte er Diskuswerferin Ilke Wyludda und Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss zu Olympiasiegen.

Und er kann auch richtig lieb sein. "Die Franka tut das für mich", sagt er nach dem Triumph der 39-Jährigen, "damit ich auch noch ein bisschen Geld verdiene". Es sei nicht so einfach in Neubrandenburg, dem "Armenhaus des Sports", wie Kollark sagt. Nicht einfach für einen alten Trainer wie ihn, dem die Rente nicht reichen würde, um die Schulden für sein Grundstück abzuzahlen. Dietzsch ist überrascht. Ein bisschen gerührt sogar. "Ja? Das hat er gesagt?" Gerade war sie noch sauer, weil er nicht da war, als die Tränen flossen. Jetzt nicht mehr. "Natürlich mache ich das auch für ihn, er investiert ja sehr viel in mich." Und überhaupt, dieser Titel: "50 Prozent gehören ihm und 50 Prozent gehören mir."

Es sieht so aus, als hätten Kollark und Dietzsch das Unternehmen WM-Gold in diesem Jahr mit Leichtigkeit verwirklicht. Dietzsch ist weltweit die einzige Diskuswerferin, der im Vorfeld der WM ein 68-Meter-Wurf gelang. 68,06 Meter, um genau zu sein. Sie ist 2007 aber auch schon mal Zweite oder Dritte geworden, hat auch mal schlechte Würfe abgeliefert. Sie konnte also guten Gewissens behaupten, nicht die WM-Favoritin zu sein. Vor Göteborg konnte sie das nicht, da erwartete jeder den EM-Sieg von ihr. "Diesem Druck hat sie nicht standgehalten", sagt Kollark.

Das Gewebe zwickt seit 1997 regelmäßig

Das war diesmal nicht das Problem. Aber es gab eins. Ein großes sogar. Eines, über das Kollark und Dietzsch im Vorfeld nicht gesprochen haben. Eines, das erst jetzt an die Öffentlichkeit dringt. Jetzt, da die Tränen verraten, dass die sonst so resolute Franka Dietzsch erleichtert ist wie noch nie. Was niemand wusste: Franka Dietzsch kämpft seit vier Wochen mit ernsten Problemen in der Achillessehne. Das Gewebe zwickt seit 1997 regelmäßig, aber so schlimm war es selten. Eine Spritze half ihr, den Wettkampf zu überstehen. Beinahe hätte Dietzsch ihre WM-Teilnahme abgesagt. Sie konnte nicht laufen, nur Fahrradfahren. Sie konnte sich im Ring nicht drehen, nur aus dem Stand werfen.

"Franka wirft seit 23 Jahren über 60 Meter, da ist das normal", erklärt ihr Trainer. Als sie 13 war, setzte Franka Dietzsch von der Ostseeinsel Usedom über nach Neubrandenburg in die Sportschule. Jahrelanger Leistungssport auf Weltklasseniveau, das zehrt am menschlichen Körper, auch wenn es so ein stabiler ist wie der von Franka Dietzsch. Und jetzt? "Irgendwann ist Schicht", sagt Dieter Kollark, "das gibt die Biologie nicht her". Man verlange schließlich auch nicht von einer 60-Jährigen, noch mal schwanger zu werden. Mit "Schicht" meint Kollark aber erstmal nicht Schicht mit Diskuswerfen, sondern Schicht mit Gold. "Dann muss man sich halt damit abfinden, dass es auch mal nur eine Medaille wird."

Dietzsch sagt über ihre Pläne: "Nächstes Jahr natürlich Peking, und dann sehen wir weiter." Für die WM in Berlin 2009 hat sie eine Wildcard, das bringt der Titel so mit sich. Am Abend nach dem Triumph wird gefeiert, mit einem kühlen Weißwein, dem Lieblingsgetränk von Dietzsch. Die Weltmeisterin mag es gern mal gemütlich. "Die kannst du zehn Stunden an den Strand legen und dann liegt sie da", sagt Kollark, "die braucht keinen Sport". Vielleicht ist das das Geheimnis, warum sie schon so lange durchhält.

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