Hamburg - "Es fällt mir schwer zu glauben, dass ich mir zum einen einen Traum erfüllt und zum anderen einen guten Freund verloren habe", sagte Sieger Ryan Hall, als er von dem Tod seines Trainingspartners hörte. Sein Sieg bei der Marathon-Qualifikation für die Olympischen Spiele 2008 in Peking spielte keine Rolle mehr. Ryan Shay war gestern in New York bei Kilometer neun kollabiert und nach sofort eingeleiteten Reanimationsversuchen ins Lenox-Hill-Krankenhaus gefahren worden. Dort konnten die Ärzte wenig später nur noch seinen Tod bestätigen. Shay war 28 Jahre alt, eine Autopsie soll heute Erkenntnisse über die genaue Todesursache bringen.
Marc Jeuland lief hinter Shay, als dieser die Strecke verließ: "Er lief vor mir und stieg plötzlich aus", beschrieb er die Geschehnisse. Shays Teamkollege Abdi Abdirahman sagte nach dem Wettkampf: "Ich habe mich noch vor dem Rennen mit ihm aufgewärmt, er sah gut aus. Zwischen Kilometer 15 und 20 habe ich mich dann nach ihm umgeschaut und war mir sicher, dass er schon noch kommen wird, da er so gut in Form war." Ähnlich äußerte sich der Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele von Athen (2004), Meb Keflizighi: "Ich dachte, heute wird sein Tag. Ryan hatte so hart trainiert, Gewicht verloren und war einfach bereit für das Ticket nach Peking."
Shays Vater Joe sagte, bei seinem Sohn sei erstmals im Alter von 14 Jahren ein zu großes Herz diagnostiziert worden. Zwei Jahre später, nach einem Autounfall, sei sein Herz erneut überprüft worden. Zu diesem Zeitpunkt sei es noch größer gewesen. Zurückgeführt hätten die Mediziner das Wachstum auf seine sportlichen Aktivitäten. In diesem Frühjahr hätte er von Ärzten die Freigabe für das Laufen bekommen. Später, so hätten sie ihm allerdings mitgeteilt, könne es sein, dass er einen Herzschrittmacher tragen müsse.
Sein Athlet habe keinerlei Herzprobleme gehabt, betonte Shays Trainer Joe Vigil. "Er hatte eine sehr starke Physis, wahrscheinlich die stärkste von allen Läufern im Feld. Er war der Inbegriff eines Athleten, hat immer gesund gelebt, hart trainiert und sich hohe Ziele gesetzt. Er hatte alles, was man sich als Trainer von einem Athleten wünscht", so Vigil.
"Er war ein herausragender Champion, der heute hier war um seine Träume zu verwirklichen", sagte Craig Masback, Chef des US-Leichtathletikverbandes. "Die Olympia-Qualifikation ist eigentlich immer ein Feiertag. Aber heute sind wir untröstlich." Mary Wittenberg, Vorsitzende des New York Road Runner Clubs, Organisator des Rennens, sagte: "Es ist ein Stich ins Herz für uns alle."
Bereits 2004 hatte Shay an der Qualifikation für die Olympischen Spiele in Athen teilgenommen. Auch damals gehörte er zu den Favoriten, zog sich jedoch eine Oberschenkelverletzung zu und verpasste als 23. das Ticket nach Griechenland. 2003 hatte er den nationalen Titel im Marathon gewonnen, war US-Meister im Halbmarathon der Jahre 2003 und 2004. Der renommierten Notre Dame Universität bescherte er 2001 als College-Champion über 10.000 Meter den ersten nationalen Leichtathletik-Titel.
Shays Frau Alicia, ebenfalls eine Spitzenläuferin, wartete gestern an der Strecke, um ihren Mann anzufeuern. Beide hatten sich vor zwei Jahren beim New-York-Marathon kennengelernt und erst im vergangenen Juli geheiratet. Trauzeugin war damals die Frau des gestrigen Siegers Ryan Hall. Er war mit Alicia auf dieselbe Universität gegangen. "Meine Gedanken und Gebete sind bei ihr und den Familien", sagte Hall.
fsc/dpa/AP
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