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13.11.2007
 

Doping-Experte Elk Franke

"Der Sport braucht eine Art Greenpeace"

In dieser Woche verabschiedet die Wada neue Regeln im Kampf gegen Doping. Für Elk Franke, Professor der Sportphilosophie, gehen die Änderungen nicht weit genug. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview fordert er eine unbestechliche Kontrollinstanz - und weniger Einfluss der Sportfunktionäre.

SPIEGEL ONLINE: In dieser Woche verabschiedet die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in Madrid ihr neues Regelwerk. Wichtigste Änderungen sind die Kronzeugenregelung und ein härteres aber auch flexibleres Strafmaß. Wie bewerten Sie die Maßnahmen im Kampf gegen Doping?

Franke: Die aktuelle Dopingdiskussion ist sehr stark medizinisch geprägt. Es wird zwar inzwischen sehr genau dargelegt, wo und wann ein Dopingvergehen vorliegt. Was jedoch bislang nicht geändert worden ist, ist die ethische Rechtfertigung des Welt-Anti-Doping-Codes. Die Wada verweist im Kampf gegen Doping auf Fairness, Gesundheit des Athleten und Chancengleichheit - also den Sportsgeist, der das Wesen des Sports ausmacht.

Radprofi Rasmussen nach Dopingprobe: "Was passiert, wenn wir Doping zulassen?
AFP

Radprofi Rasmussen nach Dopingprobe: "Was passiert, wenn wir Doping zulassen?

SPIEGEL ONLINE: Was stört Sie am Sportsgeist?

Franke: Die Gesundheit als ein besonderer Wert im Wettkampfsport ist beispielsweise alles andere als verteidigungswürdig. Der Boxkampf hat doch ganz andere Voraussetzungen als die rhythmische Sportgymnastik. Wir müssen die Dopingdiskussion auf eine vertragsethische Grundlage stellen und nicht an tradierten Werten der Ritter- und Fairness-Mythen entlang argumentieren. Sie sind in einer modernen Gesellschaft nicht mehr zu rechtfertigen.

SPIEGEL ONLINE: Also quasi: "Du sollst nicht dopen, weil es Dir schadet und unfair ist, sondern weil es in deinem Vertrag steht"?

Franke: Es steht nicht in einem Vertrag, aber mit der Teilnahme am Wettkampf akzeptiert man immer schon bestimmte Bedingungen, die oft im Widerspruch zum Alltag stehen. Diese Voraussetzungen müssen viel stärker durch Selbstverpflichtungen festgelegt, die besondere Leistungsbedingung in einem Spiel-Vertrag fixiert werden. Das muss in die Diskussion mit einfließen.

SPIEGEL ONLINE: Wer sollte den Anstoß geben?

Franke: Die Kulturwissenschaften und die Sportphilosophie, die es schon seit 20 Jahren gibt. Bislang führen zu 95 Prozent Mikrobiologen und Mediziner die Dopingdiskussion. Dadurch hat sich inzwischen zunehmend eine Nachweisdiskussion entwickelt: Wie wird kontrolliert? Was kann gefunden werden? Es fehlt jedoch weitgehend eine Begründungsdiskussion...

SPIEGEL ONLINE: ... die welche Fragen behandelt?

Franke: Was passiert, wenn wir Doping zulassen? Was verändert sich dadurch grundsätzlich? Die Tatsache, dass dann ein sportorientiertes Event, eine Monstershow entsteht, muss breiter diskutiert werden als nur als Horrorvision. Bislang existieren nur Schlagworte wie "Der Sport darf nicht kaputt gehen". Der Sport als Showkultur, wie beispielsweise im Wrestling, wird zu wenig behandelt.

SPIEGEL ONLINE: Der Sport als Zirkusveranstaltung?

Franke: Ja, der Ablauf ist vorbestimmt. Im Zirkus wissen wir, hier wird uns eine Show vorgeführt, bei der wir unterhalten werden. Zwei wesentliche Punkte sind dann jedoch nicht mehr relevant: das offene Ergebnis und die Frage, könnte ich dieser Athlet sein, wenn ich talentierter oder fleißiger gewesen wäre?

SPIEGEL ONLINE: Also fehlt die Identifikation mit den Sportlern.

Franke: Ja, es kann bezweifelt werden, ob sich der Zuschauer dann noch mit den aktiven Athleten identifiziert. Werden, wie bei der Tour de France, immer noch die Massen an den Straßenrändern stehen, obwohl sie wissen, dass alle dopen? Das, was bisher den Sport als eine Leitfigur erscheinen ließ, Jugendliche faszinierte und Lebenspläne schmieden ließ, wird es so nicht mehr geben. Die besondere nationale Identifikationsmöglichkeit des Sports geht verloren. Wenn die Berliner Philharmoniker in New York auftreten, sage ich nicht, wir spielen heute in New York. Beim Fußball kann ich mir bisher nicht vorstellen, es nicht zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Wann werden diese Szenarien Realität?

Franke: Man muss realistisch sein. Ein echtes Gen-Doping, bei dem Veränderungen der Erbanlagen entstehen, wird sicherlich noch eine Zeitlang auf sich warten lassen. Dass der gedopte Athlet aber in einem körpereigenen Prozess genmanipuliert leistungssteigernde Stoffe bildet, die nicht nachgewiesen werden können, ist heute schon aktuell. Um den Kampf nicht zu verlieren, muss der Sport aber glaubwürdig vermitteln, dass es sich noch um eine natürliche Leistung handelt. Das heißt, es wird immer schwerer, die Schere zwischen Dopingkontrolleur und dopendem Sportler nicht zu groß werden zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Damit hat der Sport derzeit allerdings seine Probleme.

Franke: Ja. Die Schwierigkeit, die der organisierte Sport bisher mit einer glaubwürdigen Dopingbekämpfung hat, resultiert neben den immer schwerer werdenden Kontrollbedingungen vor allem auch aus Abhängigkeiten. So sitzt Eberhard Gienger als Abgeordneter und Mitglied des Sportausschusses beispielsweise für die Politik im Nada-Kuratorium, ist aber gleichzeitig Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Diese Vernetzung der Interessen kann in der Öffentlichkeit oft nicht vermittelt werden. So besteht immer der Verdacht: Wer die Musik bestellt, sagt auch, was gespielt wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern externe Kontrolleure?

Franke: Solange wir noch ernsthaft kontrollieren können, muss dies eine absolut unabhängige Kontrollinstanz tun. Wie wichtig dies ist, zeigt die Umweltdiskussion. Dort war diese eine solche externe Instanz Greenpeace, die die Bewegung voran gebracht hat. Wir wären in Umweltdingen längst nicht so weit, wenn immer noch ein Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium dafür zuständig wäre, wie es in den sechziger Jahren der Fall war.

SPIEGEL ONLINE: Viele Sportarten würden sofort auf dem Prüfstand stehen.

Franke: Ja. Die Gefahr besteht, dass bei weiterem Glaubwürdigkeitsverlust ganze Sportarten einbrechen werden - zu Recht. So ist es doch fraglich, ob Gewichtheben noch olympisch sein muss, wenn diese Disziplin nur noch schwer zu kontrollieren ist.

SPIEGEL ONLINE: Mit anderen Worten: Wer ein Glaubwürdigkeitsproblem hat, fliegt raus.

Franke: Sobald dieser Begriff genau definiert ist, ja. Denn dann könnte, wie an der Börse durch die Börsenaufsicht, geprüft werden, ob in dieser oder jener Sportart die Chance zu dopingfreien Wettkämpfen noch besteht oder nicht. Im zweiten Fall müssten die Konsequenzen gezogen werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die Medien Ihrer Meinung nach als externes Element?

Franke: Eine sehr wichtige, da sie derzeit vermehrt die Hintergründe im Sport beleuchten - und nicht wie früher nur die Galionsfiguren. Hier ist die Sensibilität für die Dopingprobleme ausgeprägter als in einigen Entscheidungsgremien. In der Sportpolitik sind konsequente Schritte leider noch nicht zu erkennen. Zu selten wird dort auf die Sportwissenschaft und ihre Erkenntnisse zurückgegriffen. Der Sportfunktionär entscheidet lieber aus seinem eigenen Alltagsverständnis. Er ist gewohnt, ehrenamtlich Dinge nach der bekannten Parole "der Ball ist rund" zu behandeln. Die komplexe Dopingproblematik geht jedoch weit darüber hinaus.

Das Interview führte Frieder Pfeiffer

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Die neuesten Beiträge:
30.10.2007 von Wicked:

[Sarkasmus Modus ein] Da es wohl tatsächlich so ist, das in fast jeder Sportart gedopt wird dann sollte man das Doping doch gleich zulassen. Es könnte irgendwann ja ganz amüsant sein wenn die Sprinter mit nahezu [...] mehr...

30.10.2007 von jocurt1: Warum so unehrlich

das Thema Tour de France und Kokain im Bundestag-Klo bzw. im Abwasser der Städte sollte uns doch selbst die Schamröte ins Gesicht treiben, wenn man es mal wieder unehrlich gemeint hat und erwischt wurde. Besser wäre doch [...] mehr...

10.10.2007 von Hador:

Bitte? Weil irgendwelche Leute im IOC meinen China wäre würdig die Olympischen Spiele ausrichten zu dürfen soll sich der Rest der Welt jetzt mit Kritik an den Zuständen dort zurückhalten? Soweit kommts noch..... mehr...

09.10.2007 von Brettschneider:

Ich will gewiss nicht den Anwalt für ein totalitäres Regime spielen. Aber man hätte ja die Spiele nicht an Peking vergeben müssen. Solcherlei Bedenken kommen reichlich spät. Daher halte ich es für geboten, daß die "Jugend [...] mehr...

08.10.2007 von l.augenstein:

Nee, ich hab mal gelesen, dass man sich im Sinne des Dopings schon mit Jacobs Krönung dopen kann. Wenn ich es richtig erinnere, müssen es aber so 6 bis 8 Tassen mindestens vor einem Wettkampf sein. Dann soll es angeblich eine [...] mehr...

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