• Drucken
  • Senden
  • Feedback
23.12.2007
 

Betrugsjahr 2007

Silberpfeile, Lügen und Doping

Von Jörg Schallenberg

Ein Skandal jagte 2007 den nächsten. Der Profisport wurde von Betrügereien aller Art dermaßen in Atem gehalten, dass fast alles andere in den Hintergrund gedrängt wurde. Doch neu sind nicht die üblen Tricks, sondern nur, dass sie endlich ans Licht kommen.

Zwei Stunden und 41 Minuten. Das ist eine gute Zeit für einen Marathon. Es ist sogar eine verdammt gute Zeit für einen 55-Jährigen, der bislang weniger als Läufer, sondern als Politiker aufgefallen war. Der Weltrekord liegt gerade einmal 37 Minuten darunter. Doch Robert Madrazo, früherer Gouverneur der mexikanischen Provinz Tabasco und Präsidentschaftskandidat seiner Partei "Revolucionario Institutional", hatte für seine Fabelzeit beim Berlin-Marathon eine Abkürzung genommen.

Dank eines Chips im Laufschuh kam heraus, dass Madrazo zwischen Kilometer 20 und 35 die vorgeschriebene Strecke verlassen hatte. Zeitungen in einer Heimat spotteten daraufhin, dass sich der Politiker zu sehr an ein populäres mexikanisches Sprichwort gehalten habe. "Él que no transa no avanza" bedeutet so viel wie "Wer nicht schummelt, kommt nicht voran". Das allerdings kam nicht nur dem betrügerischen Politiker in den Sinn. Hätte 2007 ein Motto verdient, dann dieses. Es ist vermutlich das erste Jahr der Sportgeschichte, dass weniger durch sportliche Ereignisse als durch Betrugsskandale im Gedächtnis bleiben wird. Und das ist gut so.

Denn ob es sich um Firmenspionage in der Formel 1 handelt, um Dopinggeständnisse im Dutzend oder mutmaßlich groß angelegte Wettbetrügereien im Fußball und Tennis, gemeinsam ist allen Sauereien dieses Jahres, dass sie alles andere als neue Phänomene sind. Der entscheidende Unterschied zu den gern verklärten zurückliegenden Dekaden besteht darin, dass nun immer mehr ans Licht kommt und vermeintliche Kavaliersdelikte plötzlich mit der Zahlung einer dreistelligen Millionensumme bestraft werden.

100 Millionen Dollar kostete es den Rennstall McLaren-Mercedes, Hunderte Seiten vertraulicher Unterlagen des Formel-1-Konkurrenten Ferrari nicht sofort weggeworfen, sondern eingehend geprüft zu haben. Geliefert hatte das brisante Material ein früherer Chefmechaniker der Italiener. Neu sind solche illegalen Datentransfers im Motorsport nicht gerade, erst 2003 tauchten ganze Ferrari-Computerprogramme bei Toyota auf, ohne dass der japanische Rennstall Konsequenzen fürchten musste. Seit es die Formel 1 gibt, wird mit allen Mitteln spioniert, die technisch verfügbar sind, doch lange Zeit nahm man das Abkupfern beim Erzfeind als Renngott gegeben hin.

Das Durchgreifen des Weltverbandes Fia sorgte dann auch für Entsetzen bei McLaren-Mercedes und fassungsloses Staunen bei den anderen Teams und den Medien. Allerdings nicht nur aufgrund der Rekord-Geldstrafe, sondern auch wegen der aberwitzigen Entscheidung, die Silberpfeile zwar aus der Konstrukteurswertung zu streichen, aber so zu tun, als hätten die Piloten Fernando Alonso und Lewis Hamilton ihre Punkte zu Fuß erlaufen und sie in der Wertung zu belassen.

Wie überfordert das seltsame und oft von gegenseitigen Abhängigkeiten durchsetzte System Sportgerichtsbarkeit ist, wenn es um massiven und systematischen Sportbetrug geht, zeigen allerdings nicht nur solche abstrusen Urteilskompromisse. Auch die jahrzehntelange Hilflosigkeit gegenüber Dopingvergehen ist bemerkenswert. Schließlich gipfelte die Not im Ruf nach der ordentlichen Justiz, den etwa der europäische Fußballverband Richtung Europol absetzte, nachdem immer mehr Spiele, vorzugsweise in der wenig öffentlichkeitswirksamen Qualifikation zu Uefa-Cup und Champions-League unter Manipulationsverdacht geraten waren.

Eine ähnliche, nur weitaus längere Liste zweifelhafter Partien präsentierte auch die Spielervereinigung ATP für das Profitennis der Herren - was manche Veranstalter von hochdotierten Turnieren mittlerweile veranlasst, die Teilnehmer von privaten Ermittlern überwachen zu lassen. Doch während im Fußball und Tennis in Sachen Wettmanipulationen vermutlich ebenso erst die Spitze des Eisbergs zu sehen ist wie bei den immer mal wiederkehrenden Dopinggerüchten, sind andere Sportarten in diesem Jahr ungleich tiefer abgestürzt.

Im Profiradsport jagte seit dem Frühjahr ein Dopinggeständnis das nächste, wobei sich scheinbar reuige Team-Telekom-Sünder wie Erik Zabel, Christian Henn, Bjarne Riis oder Rolf Aldag noch mit Blick auf Verjährungsfristen recht bedeckt hielten über die Dauer ihres Missbrauchs und über dessen Verbreitung. Spätestens, als Jörg Jaksche dann aber im Juli auspackte, bestanden kaum noch Zweifel am systematischen Doping über Jahre oder Jahrzehnte in so ziemlich allen professionellen Radrennställen.

Die anschließende Tour de France räumte mit einer schon kuriosen Abfolge von Skandalen auch die letzten Bedenken am flächendeckenden betrügerischen Treiben auf zwei Rädern beiseite. Die Razzien der französischen Polizei in mehreren Teamhotels lieferten zwar wegen allzu langer Anfahrtszeit der Gendarmen wenig Ergebnisse, aber trotzdem gespenstische Szenen, die eine Ahnung vermittelten, was auch anderen Disziplinen bevorstehen könnte - sofern es in den betreffenden Ländern Anti-Doping-Gesetze gibt, die strikt umgesetzt werden.

Doch während die breite Öffentlichkeit angesichts der Aussagen von Patrik Sinkewitz und der offensichtlichen Verwicklungen einer Reihe von Medizinern der Universitätsklinik Freiburg immer fassungsloser das Ausmaß und den Grad der Organisation beim illegalen Aufputschen zur Kenntnis nimmt, verblüffen noch mehr die immer wiederkehrenden Aussagen diverser schwer verdächtiger oder ertappter Athleten, Trainer, Betreuer und Funktionäre, deren Unrechtsbewusstsein gegen null geht.

Sie sind, wenn man es zusammenfasst, keinesfalls erstaunt darüber, dass hemmungslos gedopt wird - sondern, dass plötzlich darüber berichtet wird und immer mehr Beteiligte die Mauer des Schweigens durchbrechen. Auch Journalisten übrigens, die es sich zukünftig wohl nicht mehr leisten können, seit 30 Jahren über Doping Bescheid zu wissen und unverdrossen weiter über die Tour de France zu berichten, ohne dem Problem jemals ernsthaft nachzugehen.

Wenn sich die oft zahnlose Sportberichterstattung ebenso verschärfen wird wie die Dopingkontrollen vieler Verbände, wenn Sponsoren zunehmend auf einen sauberen Sport drängen, wenn der Bericht der Mitchell-Kommission über Doping in allen Clubs der US-Baseballliga ein Zeichen sein sollte, dass die Aufklärung auch vor milliardenschweren Sportmärkten nicht mehr halt macht - dann wäre 2007 sogar ein richtig gutes Sportjahr gewesen. Eines war es in jedem Falle: realistischer als alle Jahre zuvor.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 16 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
14.01.2008 von eine_oma:

Also war meine Assoziation zu "Roter Stern Belgrad", als ich Ihren Nick las, völlig daneben... mehr...

14.01.2008 von Roter Stern:

Es ist Betrug, aber ein dummer Sportfan bleibt nunmal ein dummer Sportfan. Der freut sich immer riesig, sich Sport irgendwo anzuschauen, statt selbst an seinem fetten Bierbauch was zu ändern. So ein Betrug lässt sich nämlich [...] mehr...

09.01.2008 von Tomislav:

Das Märchen vom sauberen Profisport sollte man langsam ad acta legen. Überall wo es (viel) Geld zu holen gibt wird betrogen, bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Kann man angesichts des vielen Geldes überhaupt noch [...] mehr...

08.01.2008 von feuillesdechou:

Nächtest Jahr werde ich PARIS BREST PARIS probiren. mehr...

02.01.2008 von who: Feine Abgrenzung

"Spekulationen helfen einer Ermittlungsbehörde nicht. Wenn es sachdienliche Hinweise gibt, wären wir natürlich daran interessiert". (http://www.fr-online.de/in_und_ausland/sport/aktuell/?em_cnt=1265615), sagte der [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Vote

Betrugsjahr 2007

Glauben Sie noch an das Gute im Sport?

Die Abstimmung ist beendet. Klicken Sie hier, um das Ergebnis zu sehen.







TOP



TOP