Von Erik Eggers, Trondheim
Irgendwann klingelte das Telefon. "Ja, Brand hier", sagte eine dunkle Stimme. Am Apparat war der Bundestrainer. "Sie hatten mich doch gerade nach Onesta gefragt", sagte er. "Mir ist da noch etwas eingefallen." Und dann erzählte Heiner Brand, der Handball-Bundestrainer, ein paar Geschichten von der WM 2001 in Frankreich. Damals, berichtete er, sei der Transport teilweise katastrophal gewesen, und die Verpflegung bei den Turnieren in Frankreich sei immer ein Problem. Ein paar Minuten, dann hatte sich der Gummersbacher endgültig den Frust von der Seele geredet und beendete das Gespräch. Er konzentrierte sich wieder auf seine eigentliche Mission: Die deutsche Nationalmannschaft zum dritten Weltmeisterschaftstitel zu coachen.
Diese Anekdote während der WM 2007 in Deutschland beschreibt vielleicht am besten, wie tief Brand die Kritik des französischen Nationaltrainers Claude Onesta am deutschen Gastgeber getroffen hatte. Die Wege seien zu weit für die Mannschaften, die Trainingshallen nicht ausreichend, hatte Onesta geklagt. Brand hatte, damit konfrontiert, darauf wütend reagiert. "So etwas kennt man ja von ihm", sagte er, und dass er angesichts der Handballfeste, die auch abseits der deutschen Partien gefeiert wurde, kein Verständnis aufbringen könne. Kurzum: Brand fand die Kritik Onestas unverschämt.
Schon damals galt das Verhältnis der beiden Trainer als angespannt. Spätestens nach dem legendären Halbfinale vom 1. Februar 2007, das Deutschland nach dramatischen 80 Minuten und zwei Verlängerungen 32:31 gewann, war es zerrüttet. "Onesta hat seine Freunde, ich habe meine", knurrte Brand, als er in Trondheim auf sein Verhältnis zum Kollegen angesprochen wurde. Heute werden die beiden Kontrahenten, die sich nichts mehr zu sagen haben, im Hauptrundenspiel der 8. Europameisterschaft (18.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) erstmals wieder aufeinander treffen.
"Die Deutschen ziehen die Fäden"
Es könnte eine Begegnung der kälteren Art werden. Nicht nur, dass Onesta damals in Köln der obligatorischen Pressekonferenz fern geblieben war, was Brand kopfschüttelnd quittierte: "Das wäre bei Constantini (dem Vorgänger Onestas, die Red.) nicht passiert." Onesta entwickelte auch noch in aller Öffentlichkeit wilde Verschwörungstheorien, nachdem die schwedischen Referees Hakansson/Nilsson kurz vor Schluss ein eigentlich reguläres Tor von Michael Guigou nicht gegeben hatten.
Nicht sportliche Leistungen hätten die WM entschieden, grollte Onesta, sondern dunkle Mächte bei der Internationalen Handball-Föderation (IHF). Die "schwache Schiedsrichterleistung", fluchte Onesta gegenüber der Sportzeitung "L’Equipe", habe ihn "nicht überrascht. Alle Welt weiß, dass die Deutschen die Fäden beim internationalen Verband ziehen", klagte er weiter. "Sie diktieren ihre Gesetze. Sie setzen ihre Sicht durch. Es ist eine Mafia. Unten, ganz unten, kommen die Mannschaften, die Spieler, die die Hauptakteure sein müssten, die man aber auf eine Komparsenrolle beschränkt. Der Handball ist fast ein politischer Gegenstand geworden und es gibt keinen Grund, warum diese Sch... nicht weitergehen sollte." Konkreter wurde Onesta nicht. Aber seine Kritik verfehlte ihre Wirkung nicht: Die beiden schwedischen Schiedsrichter sind nach der WM von der Bildfläche verschwunden. Sie seien "derzeit nicht vorzeigbar" erklärte Christer Ahl, der IHF-Schiedsrichterchef, am Rande der Frauen-WM im Dezember.
Brand stichelt
Die Rivalität der beiden Trainer habe keinen Einfluss auf die Spielvorbereitung, erklärt Brand heute. "Das ist eine Sache, die mich nicht weiter beschäftigt", erklärt der 55-Jährige. Vergessen ist der Auftritt Onestas jedoch nicht. "Als Trainer hätte ich mich gefragt, wie es möglich ist, mit einer solchen Mannschaft, die vorher als unschlagbar galt, viermal zu verlieren", stichelt Brand und findet den Auftritt Onestas "im Nachhinein noch unverständlicher". Für den Gummersbacher ist Onesta vor allem eins: ein schlechter Verlierer: "Ich sehe das als relativ unfaire Haltung an."
Für die meisten Spieler spielt der letzte spektakuläre Akt der deutsch-französischen Handballfeindschaft keine große Rolle. "An diese Dinge habe ich jetzt ein Jahr nicht mehr gedacht", sagt der Hamburger Torwart Johannes Bitter. "Das interessiert mich überhaupt nicht, das ist für mich gegessen. Wir brauchen uns nicht minder über den WM-Erfolg zu freuen, nur weil irgendwelche Franzosen sich verschaukelt fühlten", sagt sein Vereinskollege, der Halblinke Pascal Hens. Konfrontiert mit den Äußerungen des französischen Rückraumstars Nikola Karabatic, der nach dem Spiel von Schiebung gesprochen hatte ("Das war Betrug"), lächelt Hens nur: "Karabatic ist noch jung."
Markus Baur, der deutsche Kapitän, echauffiert sich noch heute über die scharfe Rhetorik des französischen Trainers. "Wir haben oft genug so verloren, und wir haben dann nicht diskutiert, sondern gratuliert", sagt Baur. "Das ist eine Art Respekt, mit dem man sich gegenüber stehen sollte. Diesen Respekt hat der französischen Trainer vermissen lassen." Onesta wolle nur ablenken von eigenen Fehlern beim Coachen, glaubt Baur und kann sich eine verbale Spitze nicht verkneifen: "Wir sind froh, dass er weiterhin Trainer ist". Ein neuerlicher Triumph gegen die eigentlich übermächtigen Franzosen wäre mit besonderer Genugtuung verbunden.
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