Von Jörg Schallenberg und Mike Glindmeier
Jan Ullrich, Alexander Winokurow, Andreas Klöden. Meistens reicht ein Blick in die Siegerlisten, um die Bedeutung eines Radrennens zu bestimmen. Und um zu wissen, warum es dieses Rennen in der bisherigen Form bald nicht mehr geben wird.
Ullrich, Winokurow und Klöden haben alle schon die Regio-Tour gewonnen, die seit 1985 im Dreiländereck zwischen Südbaden, der Schweiz und Frankreich ausgetragen wird. Sie ist eines jener vielen kleinen, aber anspruchsvollen Profi-Radrennen, die sich neben den großen Rundfahrten in Frankreich oder Italien und Klassikern wie Paris-Roubaix und Mailand-San Remo etabliert haben und bislang gut davon leben konnten, ein wenig von deren Glanz abzubekommen.
Doch da spätestens seit dem vergangenen Jahr die Doping-Skandale, -Enthüllungen und -Geständnisse kein Ende nehmen, schlägt nun auch das Elend einer verseuchten Sportart auf die kleinen Veranstaltungen durch - und scheint die Profi-Events in Deutschland fast komplett aus dem Rennkalender zu fegen.
So musste Rudi Renz, Veranstalter der Regio-Tour, bis heute zittern, ehe seine Hauptsponsoren, die Rothaus-Brauerei und das Energieunternehmen Badenova, eine Erklärung herausgaben, ob und wie lange sie das Rennen noch unterstützen wollen. Zwar zeigte sich Renz im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE "vorsichtig optimistisch, dass wir es noch mal schaffen in diesem Jahr". Aber schon für 2009 will er sich auf keine Prognose mehr festlegen: "Man kann nur noch von Jahr zu Jahr planen. Drei- oder Vier-Jahres-Kontrakte wie früher wird es wohl nicht mehr geben. Wenn jetzt wieder die Dopingskandale kommen, bin ich weg vom Fenster."
Doch was der Sponsor heute gemeinsam mit Vertretern mehrerer Etappenorte erklärte, war eine Überraschung - und zeigte zugleich einen Trend auf, der immer stärker wird: "Für eine weitere Partnerschaft ab dem Jahr 2009 ist Voraussetzung, dass es dem Veranstalter, der Regio-Tour GmbH, gelingt, ein Etappen-Radrennen für Fahrer ohne Profilizenz durchzuführen."
Verkehrte Welt: Drangen Geldgeber bislang vehement darauf, möglichst hochkarätige Profis für von ihnen finanzierte Veranstaltungen zu gewinnen, so gilt nun das Gegenteil. Der Grund dafür ist klar. "Mit dieser Entscheidung setzen die bisherigen Partner der Rothaus Regio-Tour ein deutliches Zeichen gegen Doping im Straßenradsport", hieß es in der heutigen Pressemitteilung.
Auch beim einzigen ProTour-Rennen in Deutschland, den Hamburger "Cyclassics", beobachtet man die neue Entwicklung. "Früher funktionierte das Jedermann-Rennen über die Profis, heute ist das eher umgekehrt", sagt Christian Toetzke, Vorstandsmitglied der Eventagentur Upsolut, die das Großereignis in der Hansestadt ausrichtet. Der Run auf die Startplätze im Jedermann-Rennen ist ungebrochen, die 22.000 Nummern sind bereits vergeben.
Fragt man Toetzke nach den Profis, lässt die Begeisterung nach: "Wenn die Profis nur noch Kosten und negative Schlagzeilen produzieren und damit ein gut funktionierendes Event gefährden, muss man sie weglassen. Aber an dem Punkt sehe ich den Profiradsport noch nicht. Wir glauben an den Radsport und wollen unseren Beitrag dazu leisten, dass die Sportart auch insgesamt wieder glaubwürdiger wird."
Doch der Boom der Jedermann-Rennen, zu denen ab Mai auch der neu gegründete "Velothon" in Berlin zählen wird, zeigt, dass die Beliebtheit von Radfahren als Breitensport eher noch steigt, während sich Fans, Hobbyfahrer und Sponsoren von den Stars der Szene immer mehr distanzieren.
Telekom sponsert Jedermann-Rennen
Auch den Großsponsoren ist diese Entwicklung nicht verborgen geblieben. So wird die Deutsche Telekom nach Informationen von SPIEGEL ONLINE auch nach dem Rückzug aus dem Profiteam in Zukunft Jedermann-Veranstaltungen weiter finanziell unterstützen - ohne unbedingt als Werbepartner prominent in Erscheinung zu treten. Das nun als "High Road" firmierende frühere T-Mobile-Team sucht dagegen weiter ebenso nach einem neuen Hauptsponsor wie das Team Gerolsteiner, dessen Geld- und Namensgeber nach der Saison 2008 aussteigt.
In Deutschland wird es in Zukunft auch kaum noch Startmöglichkeiten für diese Teams geben. Die Niedersachsen-Rundfahrt, bei der zuletzt zweimal der italienische Sprintstar Alessandro Petacchi vom Team Milram siegte, findet nicht mehr statt, nachdem sich mehrere Sponsoren zurückzogen und das Land die Förderung gestoppt hatte. Vor dem Aus stehen auch die Drei-Länder-Tour und das Thüringer Ein-Tages-Rennen "Rund um die Hainleite", das bereits seit 1907 ausgetragen wird. In diesem Jahr bildet es nur noch die Schlussetappe der Thüringen-Rundfahrt.
Im vergangenen Jahr gaben bereits die Veranstalter der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt auf, der Traditionsveranstaltung "Rund um Köln" fehlt schon in diesem Jahr der bisherige Hauptsponsor, bei "Rund um den Henninger Turm" ist der Ausstieg für 2009 angekündigt. Ewald Strohmeier, Organisator der Bayern-Rundfahrt, sagt mit Blick auf die Dopingproblematik: "Wenn 2008 wieder so wird wie 2007, dann wird es sehr schwer."
Deutschland-Tour unter Druck
Selbst die Deutschland-Tour - die vor einigen Jahren noch in die Liga von Giro d'Italia oder der Vuelta in Spanien gepusht werden sollte - ist nicht langfristig gesichert. Das Rennen, das zuletzt CSC-Profi Jens Voigt zweimal gewann, wird ebenfalls von Upsolut veranstaltet.
Vorstand Toetzke sagt: "Die Deutschland-Tour steht und fällt mit einem TV-Partner. Ohne Medienpräsenz ist so ein überregionales Rennen für große Sponsoren einfach nicht interessant genug und somit wirtschaftlich nicht durchführbar. Dieses Jahr haben wir die feste Zusage, dass die ARD die Rennen überträgt." Doch was geschieht, wenn bei der kurz zuvor ausgetragenen Tour de France erneut mehr von Doping-Razzien als von Bergankünften die Rede ist? Toetzke gibt sich optimistisch: "Mit den jetzt eingeleiteten Maßnahmen der UCI halte ich es für sehr unrealistisch, dass das passieren wird."
Für die Deutschland-Tour habe man einige Vorkehrungen getroffen. In erster Linie setzt man bei Upsolut auf Abschreckung, dafür hat der Veranstalter eigens ein Beraterteam engagiert, das auf dem neuesten Stand der Anti-Doping-Forschung sei.
Das ist längst wichtiger als jeder Prominente auf einer Siegerliste.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Radsport | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH