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24.02.2008
 

Pfiffe und Buhrufe

Box-König Klitschko vergrätzt die Fans

Von Sebastian Moll, New York

Wladimir Klitschko ist Dreifachweltmeister im Schwergewicht - sein persönliches Ziel hat er gegen Sultan Ibragimow erreicht. Doch die öde Partie frustrierte die Fans, das vermeintliche Box-Highlight verkam zur Orgie der Buhrufe. Alle fragen jetzt: Was kann diesen Sport wieder spannend machen?

Zuerst versuchte Lennox Lewis noch höflich zu sein. Am Rand des Rings im Madison Square Garden, in dem gerade Wladimir Klitschko einen Punktsieg über Sultan Ibragimow erkämpft hatte, sagte der letzte unumstrittene Weltmeister im Box-Schwergewicht: "Wladimir hat eine hervorragende Defensive geboxt." Doch dann ließ Lewis, der 2004 seine Karriere beendet hatte, jede Zurückhaltung fallen. "Er hätte offensiv wesentlich mehr machen müssen. Ehrlich gesagt brauchen wir jetzt ganz schnell einen wirklich guten Kampf, um heute Abend wieder zu vergessen", sagte der inzwischen 42-jährige Brite.

Lewis war mit seiner Meinung zu dem über weite Strecken lahmen Vereinigungskampf der beiden Boxverbände WBO (Ibragimow) sowie IBF und IBO (Klitschko) nicht alleine. Die gut 14.000 Zuschauer, die zu Beginn noch inbrünstig ihren Favoriten Klitschko anfeuerten, pfiffen und buhten in den letzten vier Runden fast ohne Unterlass.

So hatten sie sich das Gefecht nicht vorgestellt, das als größter Fight des noch jungen Jahrhunderts vermarktet wurde. Zuletzt hatte es am 13. November 1999 in Las Vegas einen Vereinigungskampf im Schwergewicht gegeben. Damals bezwang Lewis den US-Amerikaner Evander Holyfield nach Punkten.

Mit seiner langen Linken hielt Klitschko, 31, den ein Jahr älteren Ibragimow so auf Distanz, dass der Russe kaum an ihn heran kam. Er selbst hingegen brachte seinen rechten Power-Punch während der zwölf Runden nur dann zum Einsatz, wenn er damit nicht das geringste Risiko einging.

"Wir haben getan, was wir tun mussten"

Es war ein kühler und kalkulierter Sieg, so gar nicht nach dem Geschmack der rapide schwindenden Box-Fangemeinde in den USA. Die sehnte sich nach diesem Abend wohl noch mehr als zuvor die Zeiten eines Mike Tyson oder Lennox Lewis zurück.

Immerhin merkte das Klitschko-Lager, dass es die Menge mit diesem Auftritt nicht eben glücklich gemacht hatte. "Wir haben getan, was wir tun mussten", sagte Klitschkos Trainer Emanuel Steward nach dem Kampf. In den tristen Katakomben unter der Tribüne sitzend stellte er fest, "dass das nicht unbedingt immer hübsch war".

Kurz darauf entschuldigte sich Klitschko beinahe für seinen wenig mitreißenden Auftritt. "Sie müssen verstehen, wenn ich aus zu viel Distanz meine Rechte zum Einsatz gebracht hätte, hätte ich die Balance verloren. Und darauf wartet doch ein Kämpfer wie Ibragimow nur." Also schubste er seinen Gegner vor sich her, wie eine Katze ein Wollknäuel. "Das waren keine Jabs von Wladimir mit seiner Linken, er hat gegrabscht und gestochert", sagte der frustrierte Ibragimow nach seiner ersten Niederlage in einem Profikampf. Für Klitschko, den alle drei Punktrichter vorne sahen (119:110, 117:111 und 118:110), war es der 50. Sieg im 53. Duell.

"Ich möchte so schnell wie es geht wieder in den Ring"

Der schwindenden Attraktivität des Schwergewichtsboxens hatte die Partie im Madison Square Garden jedenfalls nichts entgegenzusetzen. Nach vielen allzu ungleichen Kämpfen - wie Klitschko gegen Ray Austin oder Shannon Briggs gegen Ibragimow - sollte der Vereinigungskampf in New York endlich wieder eine mitreißende Partie werden. Zwei gleichwertige Gegner sollten bis an ihre Grenzen gehen, um eindeutig zu klären, wer der stärkste Mann der Welt ist.

Doch diese Hoffnung wurde enttäuscht. Stattdessen lieferte der promovierte Sportwissenschaftler Klitschko im Kampf gegen einen deutlich unterlegenen Gegner kalte Präzisionsarbeit ab. "Das hat dem Boxen nicht geschadet. Aber es hat ihm auch nicht geholfen", sagte der New Yorker Boxexperte und Buchautor Thomas Hauser zu der Vorstellung.

Doch Wladimir Klitschko möchte sein Projekt, alle vier derzeitigen Weltmeistergürtel zu sammeln, weiterführen. Auch wenn der erste Vereinigungskampf seit 1999 es nicht wie erhofft vermochte, der Königsklasse ihren Glanz zurück zu geben. Die Titel von WBA und WBC fehlen ihm noch. "Ich möchte so schnell es geht wieder in den Ring", sagte Klitschko nach dem Kampf. Obwohl er über zwölf Runden hatte gehen müssen und obwohl es in New York schon weit nach Mitternacht war, wirkte er frisch und aufgekratzt. "Am liebsten schon nächsten Monat und am liebsten wieder gegen einen anderen Weltmeister."

"Klitschko sollte die Sache mit den Gürteln vergessen"

Doch dieser Wunsch dürfte wohl nicht so rasch in Erfüllung gehen. Klitschkos US-Manager Tom Loeffler sagte SPIEGEL ONLINE, dass für Klitschko nun wohl zunächst mindestens ein Pflicht-Verteidigungskampf ansteht - vermutlich gegen Alexander Powetkin.

Zu einem Kampf gegen den Weltmeister des Verbandes WBC - den Sieger aus der Partie Samuel Peter gegen Oleg Maskaew - dürfte es auch erst mal nicht kommen. Mit der Bemerkung "Das ist das Revier meines Bruders" verwies Klitschko am Samstag darauf, dass Witali Klitschko es anstrebt, Maskajew herauszufordern. Einen Bruderkampf wird es wohl erst geben, wenn für beide Klitschkos keine anderen Gegner mehr übrig bleiben.

Sollte es in absehbarer Zeit noch einen Vereinigungskampf geben, läuft also alles auf ein Duell zwischen Wladimir Klitschko und WBA-Weltmeister Ruslan Tschagajew hinaus. Eine Aussicht, die eingefleischte Boxfans kaum mehr begeistern kann als die Paarung Klitschko gegen Ibragimow. "Will wirklich irgendwer Klitschko gegen Tschagajew sehen?", fragte Thomas Hauser, der 1971 schon Muhammad Ali gegen Joe Frazier im Madison Square Garden verfolgt hatte.

Der einzige Kampf, der wirklich zeigen würde, wer der beste Schwergewichtsboxer der Welt ist, wäre Hauser zufolge Klitschko gegen Nikolai Walujew. Der 2,13 Meter große Russe, der beim deutschen Boxstall Sauerland unter Vertrag steht, ist aber derzeit nicht Weltmeister. Immerhin erboxte sich Walujew unlängst das Recht auf einen Revanchekampf gegen Tschagajew.

"Klitschko sollte diese ganze Sache mit den Gürteln vergessen, sich von allen Verbänden unabhängig machen und wirklich gegen den stärksten Mann antreten", sagt Hauser. Viele Weltmeisterschaftskämpfe, die diesen Namen nicht verdienen, kann der Box-Liebhaber nicht mehr verdauen.

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