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24.02.2008
 

Ex-Europameister Ulrich

Viel eingesteckt, wenig Perspektive

Von Martin Krauß, Halle an der Saale

Der Kampf war eine eindeutige Angelegenheit. Thomas Ulrich hatte nicht den Hauch einer Chance. Nun steht der entthronte Europameister vor einer ungewissen Zukunft. Sein Boxstall will den 32-Jährigen erst einmal für längere Zeit aus dem Ring nehmen.

Am Schluss fehlte nur Thomas Ulrich. Als die Arbeiter schon den Ring abbauten, die VIPs auf den Shuttledienst zur Party und die Journalisten auf die Pressekonferenz warteten, war der Mann, der als Box-Europameister nach Halle an die Saale gereist war, schon im Krankenhaus. Der 32-jährige Berliner Halbschwergewichtsboxer ließ Rippe und Leber checken. Sein Gegner Juri Baraschin aus der Ukraine feierte währenddessen mit seiner kleinen Entourage den neuen Europameistertitel.

Geschlagener Ulrich (Mitte) und Sieger Baraschin: Bittere Niederlage
REUTERS

Geschlagener Ulrich (Mitte) und Sieger Baraschin: Bittere Niederlage

Für den geschlagenen Ulrich jedoch mussten andere reden. Seinem Neutrainer Ralf Rocchigiani fiel es aber schwer, die K.o.-Niederlage in der achten Runde gegen Baraschin, 28, zu erklären. "Er hat nicht geschummelt", setzte Rocchigiani zu einem kleinen Lob an, "hat nicht auf Weh-Weh gemacht." Jean-Marcel Nartz, Matchmaker von Ulrichs Promoter Universum, brachte das bisschen Lob, das man für Ulrich aufbringen konnte, auf eine griffige Formel: "Er hat verloren, aber hat nicht versagt."

Ruhig war Ulrich in seinen 15. Titelkampf, den 35. Profikampf seiner Karriere gegangen. 3500 Zuschauer in der ausverkaufen Sporthalle Brandberge in Halle schauten sich an, wie Ulrich immer auf die Deckung seines Gegners schlug, und wie sich Juri Baraschin dieser einfachen Taktik wirkungsvoll entzog. "Zeig mal, was du drauf hast, Ulle", wurde in den Ring gerufen, "wir woll'n den Ulle seh'n."

Die drei ersten Runden gingen aber an den Ukrainer. "Der boxte nicht so, wie wir es von den Videos her erwartet hatten", musste Rocchigiani einräumen. Der ältere Bruder von Graciano, der selbst schon Weltmeister im Cruisergewicht gewesen war, wollte in Halle den Grundstein für eine künftige Erfolgstrainerkarriere legen. "Das war ja mein Einstand bei Universum", sagte er. "Das ist wohl in die Hose gegangen."

Während des Kampfs brüllten sich Rocchigiani und der ihm assistierende Universum-Cheftrainer Fritz Sdunek heiser, aber nach dem zu langsamen und zu defensiven Start, konnten sie auf Ulrich keinen Einfluss mehr nehmen. "Er wollte es mit Gewalt versuchen", so Rocchigiani, "für die Zuschauer natürlich bombastisch, aber immer wieder war die boxerische Linie weg."

Was Ulrich hätte tun sollte, führte Baraschin vor: Er blieb ruhig, boxte taktisch perfekt. "Der Kampf spricht doch für sich", sagte der Ukrainer nachher. "Ich war lediglich überrascht, dass der Kampf schon nach acht Runden zu Ende war." Von ihm aus hätte es so weitergehen können.

Ulrich jedoch tat ihm einen anderen Gefallen und ließ sich auf eine offene Keilerei ein. So konnte Ulrich sogar die sechste Runde für sich entscheiden, doch dass er bei diesem Tempo den Kampf nie hätte gewinnen können, war offensichtlich. Der Rest ging schnell: In Durchgang sieben kassierte Ulrich drei Leberhaken, dreimal ging er auf die Knie. In der achten Runde schlug Baraschin Ulrich nach 56 Sekunden K.o. Noch im Ring hatte sich Ulrich beklagt, dass Baraschin "blöderweise immer diese Stelle getroffen hatte": die Leber.

Nach dem Kampf wurde erst bekannt, dass der Berliner sich bei seinem letzten Sparring vor dem Kampf eine Rippenprellung zugezogen hatte. "Aber wir konnten doch nicht schon wieder den Kampf absagen", stellte Rocchigiani fest, "das letzte Mal war es die Hand, jetzt die Rippe. Die Leute erklären uns doch für verrückt." Wegen einer Verletzung der Hand hatte Ulrich die Verteidigung seines Europameistertitels schon mal verschoben, und überhaupt hat Ulrich in der Boxbranche den Ruf, zu schnell Kämpfe abzusagen.

Ob es nach drei verlorenen Europameistertiteln einen Berufsboxer Thomas Ulrich weiter geben wird, ist nicht klar. "Er braucht eine längere Pause", sagte Universum-Mann Nartz. "Ein Boxer, der Stolz und Ehre hat, will nicht so abtreten", sagt Ulrichs Trainer Rocchigiani. Doch am Rande hörte man immer wieder die Frage, welche Chance er denn bekommen sollte? Dass Ulrich, der einst als einer galt, der die Popularitätswerte von Henry Maske erreichen könnte, die Chance auf einen vierten Europameistertitel bekommt, gilt aus ausgeschlossen.

Thomas Ulrich, obwohl zum Verteidigen seines EM-Gürtels angetreten, sollte nach den ursprünglichen Planungen des übertragenden Senders ZDF in Halle auch nur die Rolle des zweiten Kämpfers spielen. Jürgen Brähmer, Supermittelgewichtler aus Schwerin, sollte zeigen, dass mit ihm künftig in der Weltspitze zu rechnen ist. Doch Brähmer, dessen ursprünglicher Gegner eine Woche zuvor verletzungsbedingt ausfiel, sagte am Tag vor dem Kampf "aus persönlichen Gründen" ab.

Eine "wichtige Bezugsperson aus Brähmers Umfeld" sei schwer erkrankt, verlautbarte Universum und ergänzte diese kryptische Erklärung mit dem Hinweis, dass es Ulrich in der Kürze der Zeit unmöglich sei, sich auf den ihm gestellten neuen Gegner, Pablo Daniel Zamora Nievas aus Argentinien, einzustellen. Nun ja, darüber kann man diskutieren. Eines ist jedoch gewiss: Nach der Absage des eigentlichen Hauptkämpfers kam Thomas Ulrich mit seiner Rolle als alleiniger Hoffnungsträger nicht zurecht.

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