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27.02.2008
 

Wiener Blutbank-Affäre

Wada hat neue Erkenntnisse - auch Athleten machten Angaben

Von Tom Mustroph, Lausanne

Weitere Indizien in der Affäre um das Wiener Blutlabor "Humanplasma": David Howman, Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, bestätigte die Weitergabe neuer Erkenntnisse an Österreichs Ermittlungsbehörden. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, sollen auch Athleten unter den Informanten sein.

John Fahey hat etwas abgespeckt und die Haare gekürzt. Einmal wöchentlich konferiert der Australier mit dem Hauptquartier der Wada in Montréal, der er seit Januar 2008 als Präsident vorsteht. "Täglich lese ich E-Mails und arbeite mich in die komplizierte Dopingmaterie ein", bekannte er mit treuherzigem Blick bei seiner ersten wichtigen öffentlichen Präsentation als Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur. "Für diese ehrenamtliche Tätigkeit investierte ich viel Zeit", traute er sich zu sagen.

Wada-Präsident Fahey (r.) und Generaldirektor Howman: "Viel Zeit investiert"
AP

Wada-Präsident Fahey (r.) und Generaldirektor Howman: "Viel Zeit investiert"

Man muss feststellen, dass der im November gegen den Widerstand einiger europäischer Regierungsvertreter zum obersten Dopingbekämpfer gewählte Fahey ein blasser Nachfolger des streitbaren Dick Pound ist. Sein Auftritt auf dem eintägigen Symposium in Lausanne belegt die von vielen Beobachtern geäußerte Befürchtungen. Wada-Generalsekretär David Howman wird angesichts seines schwachen Präsidenten somit zum Dopingbekämpfer Nummer eins.

Der Neuseeländer lieferte den interessantesten Aspekt in Lausanne: Howman sprach über die Beteiligung der Wada an den Ermittlungen zum mutmaßlichen Blutdopingring in der Wiener Klinik Humanplasma. Der damalige Wada-Präsident Pound hatte im November in einem Brief die österreichischen Behörden auf die Bereitstellung von Blutdopingpräparaten für Spitzenathleten in dieser Klinik aufmerksam gemacht und Ermittlungen gefordert.

Wie Wada-Generalsekretär Howman jetzt SPIEGEL ONLINE erklärte, haben diese Erkenntnisse mehrere Ursprünge. "Es sind mehr als zwei, aber weniger als zehn unterschiedliche Quellen", sagte er. "Unter ihnen befinden sich auch frühere Athleten", präzisierte er, ohne jedoch Namen zu nennen. Weitere Details wollte er nicht bekannt geben.

Ebensowenig äußerte er sich zu den in einer anonymen Anzeige genannten Athleten aus Biathlon und Radsport, darunter einige deutsche Biathlonstars. "Wir verfolgen die Entwicklungen, wollen ihnen aber nicht vorgreifen. Wir sind überzeugt, dass die österreichischen Behörden den Fall im Rahmen ihrer Möglichkeiten aufklären werden", sagte er abschließend.

Howmans Äußerungen unterstreichen, dass hinter der Blutaffäre Humanplasma mehr steckt, als bislang von Seiten der Sportverbände behauptet. Sie drängten damit die Bilanz des vergangenen Jahres in den Hintergrund. 2900 Urin- und 265 Bluttests hat die Wada als unangemeldete Trainingskontrollen in insgesamt 42 Sportarten in 76 Ländern durchgeführt, ungefähr genauso viele wie im Vorjahr. Sportler aus 110 Nationen waren davon betroffen. "Wir fokussieren diese Tests auf jene Regionen und Sportarten, in denen gewöhnlich wenig getestet wird. Wir wollen verhindern, dass Doper auf Länder mit einer weniger entwickelten Kontrollinfrastruktur ausweichen", erklärte Fahey.

Generaldirektor Howman konnte und wollte im olympischen Jahr nur bedingt beruhigende Signale aussenden. Zwar arbeiten derzeit vier Wissenschaftlergruppen an einem Test zum Nachweis von Wachstumshormonen, doch ob dieser zum Einsatz kommen kann, ist weiterhin fraglich. Über das vorolympische Testprogramm mochte Howman auch keine Auskunft geben. "Dafür ist das IOC verantwortlich. Wir werden das IOC bei der Auswahl von Zielpersonen und Terminen beraten", sagte er.

Optimistisch äußerte er sich hinsichtlich des wieder eröffneten Prozesses der "Operación Puerto". In den spanischen Dopingring des Gynäkologen Eufemanio Fuentes waren vor allem Radsportler, darunter Jan Ullrich und Ivan Basso, verwickelt. Das Verfahren, das bislang nur zu Sportgerichtsverfahren in Italien, zum Teilgeständnis von Jörg Jaksche im SPIEGEL sowie den Untersuchungen gegen Jan Ullrich geführt hatte, war zwischenzeitlich eingestellt worden.

"Wir hoffen, durch unsere beauftragten Rechtsanwälte Einblick in das komplette Material zu erhalten. Wir wollen prüfen, gegen welche Sportler – auch außerhalb des Radsports – Verdachtsmomente vorliegen, andererseits aber die entlasten, gegen die es keine Beweise gibt", erklärte Howman SPIEGEL ONLINE. "Aus der Sicht des Sports wäre es sehr bedauerlich, wenn das gesammelte Material nicht genutzt werden könnte", bekräftigte er.

Zum Abschluss gab der medizinische Direktor der Wada, Alain Garnier, noch die Eckpunkte eines individuellen Monitoringssystems von Athleten bekannt. Es startet bereits in dieser Saison als Pilotprojekt im Radsport, soll nach Auswertung Ende des Jahres aber auf andere interessierte Sportverbände (bislang sind u.a. der Leichtathletikverband IAAF, der Biathlonverband IBU und der Skiverband FIS im Gespräch) ausgeweitet werden. Es handelt sich dabei um den viel diskutierten Blutpass. "Minimale Elemente sind Messungen des Hämoglobingehalts und des OFF-Score.", sagte Garnier.

Langzeituntersuchungen statt Grenzwerte

Der OFF-Score ist ein aus Hämoglobingehalt und Anzahl der roten Blutkörperchen ermittelter Wert, der Hinweise auf Epo- Einnahme und Bluttransfusion liefert. Die gemessenen Werte werden zu einem individuellen Profil zusammengestellt. Mit Hilfe des statistischen Verfahrens der Bayes-Regeln können nun Abweichungen festgestellt werden. Garnier geht von einer rechnerischen Sicherheit von 1:1000 aus.

Für eine juristische Auseinandersetzung keine sonderlich hohe Genauigkeit - Garnier wies allerdings darauf hin, dass die Kurven qualitativ von Experten bewertet würden. "Mit diesen Langzeituntersuchungen umgehen wir das Problem der Grenzwerte", sagte Garnier. Grenzwerte waren bislang immer eine Einladung zum kontrollierten Doping gewesen. Die individuellen Variationen geben genauere Hinweise auf Manipulationen auch unterhalb der Grenzwerte.

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