Hamburg - Der Wasserballsport erfährt in Deutschland wenig Beachtung, er fristet das einsame Dasein vieler Randsportarten. Das könnte sich am 10. August ändern, wenn die Deutsche Nationalmannschaft der Männer zu ihrer ersten Partie bei den Olympischen Spielen in die Ying Tung Schwimmhalle einläuft: Das Team erwägt, über Badehose und Kappe orangefarbene Bademäntel zu tragen - die Farbe der tibetischen Mönche. Eine Idee, die Nationalspieler Sören Mackeben geboren hat, als stillen Protest gegen die Tibetpolitik des Gastgeberlandes China.
"Zur Zeit ist es aber so, dass wir uns unsicher sind, wie das mit der Olympischen Charta aussieht", sagt Mackeben im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir wissen nicht, ob die Bademäntel erlaubt sind." Die Charta, genauer gesagt Absatz drei des Artikels 51, verbietet religiöse und politische Demonstrationen an den offiziellen olympischen Stätten. Das Team ist in Gesprächen, um das Erlaubte auszuloten, Bundestrainer Hagen Stamm wird ebenfalls mit einbezogen. "Und auch der Ausrüster könnte noch sagen, das wollen wir nicht", sagt Mackeben.
Einen Boykott der Eröffnungsfeier, wie ihn Dienstag die Judo- Olympiasiegerin Yvonne Bönisch und vor einigen Wochen die deutsche Degenfechterin Imke Duplitzer ankündigten, sieht Mackeben kritisch: "Wenn da 15 Wasserballer fehlen, das juckt doch keinen." Sollte es eine sportartenübergreifende Aktion geben, würden sich die Wasserballer ihr aber nicht entziehen.
Ähnlich sieht es auch Sebastian Schulte, Aktivensprecher der deutschen Ruderer und mit besten Chancen, in Peking im Deutschland-Achter zu sitzen. "Ich sehe den Boykott der Eröffnungsfeier durch meine Person nicht als etwas Hilfreiches, dazu bin ich als Einzelperson nicht prominent genug", sagt er SPIEGEL ONLINE. Sollte sich jedoch eine breite Mehrheit in der Mannschaft finden, würde er es nicht kategorisch verneinen. "Sehr stark würde ich mich aber dagegen verwehren, wenn der DOSB oder die Politik dazu aufriefen."
Verbal protestieren aber will Schulte in Peking – und das ist nach Worten des IOC-Chefs Jacques Rogge an den Wettkampfstätten auch erlaubt. "Ich halte mit meiner Meinung selten hinterm Berg", sagt der Achter-Weltmeister von 2006. "Priorität aber hat der Wettkampf, den gilt es erfolgreich zu absolvieren. Und danach, sagen wir mal so, geht alles." Proteste jeglicher Art während der sportlichen Wettbewerbe lehnt er ab: "Da bringt man unter Umständen seinen sportlichen Traum in Gefahr. Und außerdem bin ich der Meinung, wenn man erfolgreich abschließt, wird man viel eher gehört." Ein kompletter Wettkampfboykott kommt für ihn sowieso nicht in Frage: "Das kann nicht das letzte Mittel der Weltöffentlichkeit gegen Menschenrechtsverletzungen sein, da haben Politik und Wirtschaft ganz andere Mittel, die ich zuerst sehen möchte."
Unterstützung werden Schulte und seine Teamkollegen von ihrem Fachverband erfahren: "Wir sind dabei, uns Rat zu holen, aber eine offizielle Anfrage an den DOSB gibt es nicht", so Pressesprecher Oliver Palme. Vor wenigen Tagen hatte der Deutsche Leichtathletik-Verband den DOSB aufgefordert, eine Art Protest-Leitfaden zu erstellen, um seinen Sportlern eine rechtliche Sicherheit mit auf den Weg nach China geben zu können.
Viele Sportler, die in Peking starten werden, denken darüber nach, wie sie ihren Protest artikulieren können, ohne von Wettkämpfen ausgeschlossen zu werden, für die man sich jahrelang geschunden hat. "Die Athleten wollen wissen, was erlaubt ist und was nicht", sagt Claudia Bokel, Degenfechterin und Athletensprecherin der Europäischen Nationalen Olympischen Komitees. "Sie sind in der Tibet-Frage beunruhigt und wollen dies auch zeigen, ohne dabei gegen die olympische Charta zu verstoßen."
Auch die Stabhochspringerin Anna Battke - bisher jedoch noch nicht qualifiziert - hatte im SPIEGEL eine kritische Aktion angekündigt: "Ich lasse mir auf jeden Fall etwas einfallen." Einige französische Sportler haben bereits mit dem Protest begonnen. Während ihres Trainings haben sie Fotos von chinesischen Regimekritikern hochgehalten und sich mit diesen fotografieren lassen.
Einen optischen Protest planen auch die Macher von Netzathleten, einem Internetforum für Sportler. Auf ihrer Seite kann man sich ein grün-blaues Silikonbändchen mit der Aufschrift "Sports for Human Rights" bestellen. Laut eigenen Angaben sind bereits mehr als 10.000 Anfragen eingegangen. Auch Sportschütze Christian Lusch und Hockey-Nationalspieler Tibor Weissenborn haben angekündigt, das Armband während der Spiele zu tragen. Weissenborn, der sich Sonntag mit der Nationalmannschaft für die Spiele qualifiziert hat, wird auf Netzathleten zitiert: "Boykott halte ich für falsch, Protest aber für richtig und wichtig. Ich kann mir auch gut vorstellen, neben dem Bändchen den Slogan auch auf meinem Hockeyschläger zu tragen."
Auch die Wasserballer werden wohl das Bändchen tragen. "Das ist einfach eine sinnvolle Sache", sagt Sören Mackeben. "Es bringt ja auch viel mehr, wenn man mit einer Stimme spricht." Seine Sportart hat die bloße Erwähnung der Protest-Idee jedenfalls ins Gespräch gebracht: "Als Wasserballer habe ich jetzt innerhalb von zwei Wochen so viele Interviews zum Thema Tibet gegeben, wie in meinem ganzen Leben nicht zum Thema Wasserball."
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