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28.06.2008
 

Hitze bei Olympia

Eiskalt zum Erfolg

Von Jürgen Bröker

Bei den Olympischen Spielen in Peking werden die Teilnehmer mit extremen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit kämpfen. Kühlwesten sollen die Sportler in diesem Klima leistungsfähiger machen - manche Athleten nutzen sie schon lange.

Osaka im August 2007. Leichtathletik-Weltmeisterschaft. Es ist kurz nach 14 Uhr. Die Sonne hat den Kessel des Nagai-Stadions längst auf mehr als 30 Grad aufgeheizt. Die Luft ist schwer vor Hitze und Feuchtigkeit. Sie macht die Wettkampfvorbereitung bei den Zehnkämpfern fast unmöglich. Beinahe jeder Athlet reduziert seine Bewegungen so gut es geht. Den deutschen Zehnkämpfer André Niklaus scheint das nicht groß zu interessieren. "Ich konnte mich so vorbereiten wie immer. Die meisten Anderen haben nur schnell ihre Sprünge gemacht und sich dann wieder verkrochen", sagt er heute.

Zehnkämpfer Niklaus (in Osaka 2007): Kampf gegen die Hitze
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Getty Images

Zehnkämpfer Niklaus (in Osaka 2007): Kampf gegen die Hitze

Den Grund für seine Gelassenheit im Umgang mit der Hitze trug der jetzt 26-Jährige damals am Körper - in Gestalt einer Kühlweste. "Das ist ein unglaublich angenehmes Gefühl", sagt Niklaus - fast so als nähme man im Sommer eine kühle Dusche. Ein Jahr ist es jetzt her, dass er sich in der Hitzeschlacht von Osaka mit Kühlwesten erfrischt hat. Seither hat er sie immer dabei, wenn es heiß wird. Wie zuletzt im Trainingslager in Südafrika. Mehr als 38 Grad wurden dort gemessen. Dank der Kühlung konnte Niklaus sein Programm aber gut durchziehen. Auch bei Olympia in Peking will er vor und zwischen den einzelnen Disziplinen mit den Westen arbeiten.

Die Bedingungen in China werden ähnlich sein wie in Osaka, und eine echte Anpassung des Körpers an die feuchtheißen Bedingungen ist nicht möglich. Das sagt zumindest Dr. Ulrich Kau, der verantwortliche Arzt des Deutschen Ruderverbandes (DRV). Im vergangenen Jahr war er schon einmal mit den Junioren auf der Regattastrecke, auf der bald die DRV-Boote um olympische Medaillen kämpfen werden. Die hohen Temperaturen in Verbindung mit einer extremen Luftfeuchtigkeit von 75 bis 90 Prozent werden den Athleten sehr zu schaffen machen, fürchtet Kau.

Abkühlung vor dem Start könnte in Peking damit ein Schlüssel zum Erfolg werden. Und genau deshalb klingelt das Telefon von Sandra Ückert seit einigen Wochen häufiger als sonst. Die Dozentin für Sportwissenschaften an der Universität Dortmund hat gerade ihre Habilitation über die "Bedeutung thermoregulatorischer Maßnahmen im Sport" abgegeben. Seit einigen Jahren ist der Einsatz von Kälte in der Regeneration bereits unumstritten. Selbst viele Profi-Fußballer steigen nach getaner Arbeit in Becken mit eiskaltem Wasser. Als Vorbereitung auf den Wettkampf wurde die Kühlung in Deutschland aber lange ignoriert. "Leider sind die deutschen Sportverbände die letzten, die erkennen, dass es bei der Kühlung vor dem Wettkampf durchaus Potentiale zur Leistungssteigerung gibt", sagt Ückert.

Die effektivste, aber auch teuerste Möglichkeit, die Temperatur zu senken, sind aufwendig konstruierte Kältekammern - eine praktikablere Lösung dagegen bieten Kühlwesten. Sie funktionieren mit Kühlakkus oder Gelkissen, die die Kälte über Stunden speichern. Noch moderner ist ein Hightech-Vlies, das Wasser speichert und die Kälte bei dessen Verdunstung abgibt.

Radfahrer können solche Westen etwa beim Einfahren auf der "Rolle", dem Ergometer, tragen. Denn die normale Vorbereitung auf den Wettkampf ersetzt der Kälteeinsatz nicht. Die Muskulatur muss nach wie vor an die Belastung herangeführt werden. Sie wird von der Kälte auch gar nicht erreicht. Lediglich die Haut des Athleten soll sich abkühlen. "Durch die Westen oder die Kaltluftduschen wird die Körperperipherie abgekühlt", sagt Ückert. Der erste Effekt, den der Athlet spürt, ist eine Steigerung des Wohlbefindens - wie sie Zehnkämpfer Niklaus beschrieben hat.

Das eine Prozent mehr

Aber es gibt auch physiologische Reaktionen. "Die Kühlung führt dazu, dass die körpereigene Wärme besser abgegeben werden kann. Zudem kommt es zu einer Umverteilung des Blutes“, sagt Ückert. In der Haut wird weniger Blut benötigt, das dann auch der Muskulatur zur Verfügung steht. Mehr Blut bedeutet mehr Sauerstoff, dadurch steigert sich die Leistungsfähigkeit. Auch die Körpertemperatur steigt bei "gekühlten Athleten" deutlich langsamer an. "Bei Freizeitsportlern haben wir insgesamt größere Potentiale festgestellt. Bei Spitzensportlern macht das vielleicht nur ein Prozent aus. Aber das kann ja auch schon das Entscheidende sein", sagt Ückert.

Vor allem für Athleten in Spiel- und Ausdauersportarten könnte die Kühlung hilfreich sein. Damit käme sie auch für die Athleten von Ronald Weigel in Frage. Er ist im DLV für die Geher zuständig. Weigel kann sich durchaus vorstellen, Kühlwesten vor dem Start einzusetzen. Allerdings ginge es für den Trainer auch einfacher: Ein gekühltes dünnes Handtuch, das sich seine Athleten während des Wettkampfes über Kopf und Nacken legen können, hilft bereits. "Das habe ich selbst immer schon als sehr erfrischend empfunden", sagt Weigel.

In den Schnellkraft- und technischen Disziplinen wie dem Speerwerfen oder Hochsprung führt der Einsatz der Kälte nicht zu einer Leistungssteigerung. Allerdings schadet er auch nicht. "Die Kühlung hat nie negative Effekte", sagt Ückert. Voraussetzung ist allerdings, dass sie professionell eingesetzt wird. Zu langes Abduschen mit kaltem Wasser etwa kühlt die Muskulatur zu sehr ab. Dadurch werde die Koordination zunächst eingeschränkt.

Bastian Swillims kann die positiven Effekte der Kühlung nur bestätigen. Auch der 400-Meter-Läufer hat die Westen in Osaka bereits ausprobiert. Er hat sie schon einige Male getragen, vor allem in der Vorbereitung auf Wettkämpfe. "Das ist schon hilfreich. Die Kühlung war angenehm. Ich habe mich deutlich besser gefühlt", sagt er. Geschadet hat es ihm auf jeden Fall nicht. Bei der WM in Osaka lief er persönliche Bestzeit – mit Kühlung vor dem Start.

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