Von Sascha Klettke, Bonn
Schon 90 Minuten vor dem Spiel ist die Schlange vor dem Eingang der Halle mehrere hundert Meter lang. So lang, dass Wolfgang Wiedlich nervös wird. Mit rotem Kopf läuft der Präsident der Telekom Baskets Bonn von Mitarbeiter zu Mitarbeiter: "Wir müssen aufmachen", ruft er ihnen zu. Wenige Minuten später ist es soweit: Die ersten Fans kommen in die Halle, gehen auf ihre Plätze und gucken sich mit großen Augen um. Hier werden sie also künftig die Heimspiele ihrer Mannschaft verfolgen.
Dass diese Halle gebaut wurde, ist schon ein kleines Wunder. Fast ein Jahrzehnt hat Wiedlich dafür gekämpft. Widerstände aus dem Weg geräumt, das Geld organisiert, Mitsreiter für das Projekt gewonnen. Dass diese Halle jetzt noch mit einem Finalspiel gegen den Traditionsgegner Alba Berlin eröffnet wird, ist schon ein ziemlich großes Wunder. Als Siebter waren die Bonner in die Playoffs gegangen. Der Gegner: der frischgebackene Pokalsieger, die Artland Dragons aus Quakenbrück. Alle Experten tippten auf ein frühes Saisonende für Bonn. Doch das Team von Trainer Michael Koch schickte Quakenbrück nach vier Spielen in die Sommerpause. Im Halbfinale gegen Frankfurt lag Bonn im entscheidenden fünften Spiel am Ende mit einem Punkt vorne. Das vierte Mal in der Vereinsgeschichte stehen die Baskets nun im Finale. Und wie immer heißt der Gegner Alba Berlin - der gewann die bisherigen drei Serien.
Auch diesmal reisen die Berliner mit einem Sieg aus dem ersten Heimspiel nach Bonn. Schon beim Aufwärmen können sie spüren, gegen welche Atmosphäre sie gleich spielen müssen. "Telekom Baskets Bonn" schallt es von Block zu Block. Schon die alte Hardtberghalle, eine Schulturnhalle, die vor jedem Spiel aufwendig umgebaut werden musste, war für ihre Lautstärke bekannt. Doch in die neue Halle, den Telekom Dome, passen jetzt 6.000 Zuschauer, fast fast doppelt so viele wie vorher.
Den Korb selbst bezahlt
Die lautesten von ihnen sind im neuen Stehplatz-Block hinter einem der beiden Körbe zu finden. Den haben sie selbst bezahlt, der Fanclub hat für die Korbanlage gesammelt. Auch sonst haben die Anhänger viel dafür getan, dass es diese Halle gibt. Der Club ist einen ungewöhnlichen Weg gegangen: "Nein, nicht die Stadt hat die Halle gebaut, auch nicht die Telekom, und es gibt auch keinen Investor", spult Präsident Wiedlich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE herunter. Er hat es schon unzählige Male erklären müssen.
Die 17 Millionen Euro teure Halle gehört dem Basketball-Club. Von der Stadt gab es Zuschüsse, die Telekom, der Hauptsponsor der Baskets, zahlt dafür, dass die Halle zehn Jahre lang ihren Namen trägt. Dazu kamen Spenden. Fünf Millionen Euro wurden über Kredite finanziert. Dass es nicht mehr sind, hat der Club seinen Fans zu verdanken. Sie putzten den Baustaub aus der Halle und den Nebenräumen, brachten die Klappsitze in die richtigen Reihen und lieferten den Steinsetzern mit der Schubkarre die Pflastersteine auf den Parkplatz. Auf 200.000 bis 400.000 Euro schätzt Wiedlich den Geldwert der Fan-Arbeit.
Alle Einnahmen, die mit der Halle erzielt werden, gehören künftig dem Verein, auch die aus der Vermietung. "Das hier ist jetzt die größte Veranstaltungshalle in Bonn", sagt Wiedlich. Anfragen gebe es schon viele, nun müsse man sehen, wofür die Halle sich alles eignet, erklärt Wiedlich. Denn gebaut wurde sie nur für einen Zweck: zum Basketballspielen. Und das tut die Bonner Mannschaft mit so viel Emotionen, Aggressivität und Härte, dass es die Berliner zu überraschen scheint. Schnell liegen sie zurück. Daran haben die 6.000 Zuschauer großen Anteil. Sie treiben ihr Team immer wieder an und pfeifen einen der Berliner Spieler lautstark aus, sobald er in die Nähe des Balles kommt - von der ersten bis zur letzten Minute des Spiels. Immanuel McElroy hatte in Spiel 1 am Sonntag dem Bonner Arthur Koldoziejwski einen Faustschlag gegen den Oberarm verpasst. Der Schiedsrichter pfiff nur ein normales Foul, weitere Konsequenzen wegen der Tätlichkeit blieben aus. Die nehmen die pfeifenden Fans nun selbst in die Hand. McElroy, bisher eine Stütze des Berliner Angriffs, macht nur neun Punkte und bleibt damit fünf Zähler unter seinem Playoff-Schnitt.
Sakko an in der Schlussminute
Die Bonner dagegen scheint es zu beflügeln, dass ihnen jetzt beim Heimspiel doppelt so viele Fans zujubeln. Sie verteidigen stark und treffen im Angriff auch Würfe, die fast unmöglich scheinen. Ronald Burrell musste zwei Spiele wegen einer Schulterverletzung aussetzen. Im ersten Finalspiel verlor er immer wieder den Ball, nun macht er 21 Punkte. Auch wenn es im Schlussviertel ein paar Mal so aussieht, als könne Berlin noch einmal herankommen. Bonn hat immer eine Antwort. Der Vorsprung hat sich bei zehn Punkten eingepegelt. 30 Sekunden vor Schluss schallen die ersten Siegrufe durch die Halle. Auch Berlins Trainer Luka Pavicevic hat sich sein Sakko schon wieder angezogen, ein deutliches Zeichen, dass er das Spiel verloren gibt. 81:71 steht es am Ende, aus der Einweihung wird eine Siegesfeier.
Kurz darauf lobt Pavicevic im Foyer des Neubaus Bonn in den höchsten Tönen: Seinen Trainer-Kollegen Michael Koch, dessen Mannschaft, die Fans, den Club und die neue Halle, "zu deren Einweihungsfeier wir auf die falsche Art beigetragen haben". Der Bonner Trainer will das Spiel nicht mehr kommentieren: "Was soll jetzt noch kommen", fragt er ins Mikrofon und bekommt einen Sprechchor als Antwort: "Meistertrainer, Meistertrainer". Um diesen Titel zu bekommen, muss Bonn noch zweimal gegen Berlin gewinnen. Den ersten Sieg dazu könnte das Team am Sonntag in der Hauptstadt holen. Die Fahrt dahin planen die Fans einige Nummern größer, als es in der Basketball-Bundesliga üblich ist: Der Club hat einen Sonderzug gechartert. Wenn die Bonner Baskets wirklich Meister werden sollten, dann geht die Geschichte der neuen Halle mit einem sehr großen Wunder weiter: Bonn spielt dann nächste Saison in der Euroleague, der Champions League des Basketsballs.
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