SPIEGEL ONLINE: Sie haben den chinesischen Sport über drei Jahre von innen kennengelernt. Wo liegen die Unterschiede zu Deutschland?
Capousek: Die deutschen Athleten sind viel selbstbewusster, mündiger. In China ist der Sport sehr militärisch aufgezogen. Er ist geprägt von sehr viel Disziplin, allerdings nicht von Selbstdisziplin. Es geht alles von oben nach unten. Der Bildungsstand vieler Sportler ist nicht sehr hoch. Ich habe nie erlebt, dass sie zur Schule gehen, auch in den Provinzen nicht.
SPIEGEL ONLINE: Sie werden in jungem Alter Profis?
Capousek: Ja. Allerdings existiert keine Nachwuchsarbeit in unserem Sinne. Bei den Kanuten zum Beispiel gibt es kein Aufbautraining für junge Leute. Die marschieren gleich in den Leistungsbereich. Das ist wie ohne Abitur zu studieren. Schuld daran ist die Struktur des chinesischen Sports: Die Funktionäre und Trainer brauchen in kurzer Zeit Erfolge, sonst ist ihr Job gefährdet. Vernünftige Nachwuchsarbeit kostet aber Zeit. Das System ist faul. Hier wird viel Geld für geringe Ergebnisse ausgegeben.
SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist das Niveau der Trainer?
Capousek: Sie haben keine gute Ausbildung. Sie besitzen viele Diplome, viele aber haben nie wirklich studiert. Sie kennen sich nicht mit Bewegungsabläufen aus, wissen nicht, wie Muskeln funktionieren, tappen bei der Trainings- und Ernährungslehre im Dunkeln.
SPIEGEL ONLINE: Dafür holen die Chinesen ja ausländische Experten wie Sie.
Capousek: Ich kann aber nicht alle betreuen, dazu ist die Mannschaft zu groß. Ich muss mich schon darauf verlassen können, dass meine Kollegen korrekt arbeiten. Aber das hat nicht funktioniert. Vielleicht war das mein Fehler: Ich habe mich um zu viele Bereiche gekümmert, hätte mich mehr auf einzelne Sportler konzentrieren sollen.
SPIEGEL ONLINE: Was nehmen Sie Positives mit nach Hause?
Capousek: Einige Sportler werden mich vermissen. Sie haben gemerkt, dass mit mir ihre Leistung besser wurde. Sie haben sich nicht mehr als Rennpferde gefühlt, die nur auf Leistung getrimmt sind. Ich muss für mich wissen: Habe ich mein Bestes gegeben?
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie?
Capousek: Ja. Aber vielleicht haben wir nicht die optimalen sportlichen Ergebnisse geschafft.
SPIEGEL ONLINE: Es zählen doch nur die Spiele …
Capousek: Der zweite Platz des Kajak-Männer-Vierers vor wenigen Wochen beim Weltcup-Rennen im ungarischen Szeged war das größte Erfolgserlebnis in meinen dreieinhalb Jahren als Chinas Cheftrainer. Darüber hinaus erreichten meine Sportler drei Mal den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft. Auf breiter Ebene stieg ihre Leistung an.
SPIEGEL ONLINE: Wie gingen Sie mit dem Doping-Problem um?
Capousek: Doping ist nicht nur ein chinesisches Problem. Ich bin fest davon überzeugt, dass bei den Kanuten zumindest in den letzten zwei Jahren nichts gelaufen ist. Meine Sportler wurden sogar angewiesen, zu Hause keine unbekannten Medikamente und Nahrungsmittel anzunehmen. Die chinesische Führung weiß, wie ehrgeizig Provinzfunktionäre sind und was da schief laufen kann. Ein Dopingfall wäre für China eine unglaubliche Blamage.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das Thema mit Ihren Leuten besprochen?
Capousek: Ich wurde selbst nie mit Doping konfrontiert, ich wollte es auch nicht wissen. Ich weiß nur, dass das, was die Ärzte da zusammengebraut haben, furchtbar gestunken hat.
SPIEGEL ONLINE: Sie können für die chinesischen Kanuten Doping ausschließen?
Capousek: Ich glaube nicht, dass gedopt wird. Das wäre eine große Dummheit. Alle mussten unterschreiben, dass sie keinen Missbrauch treiben. Ich habe nur einmal in München vor zwei Jahren beobachtet, dass jemand sehr früh morgens Pillen an die Sportler verteilt hat. Ich kann aber nicht sagen, ob dies verbotene Substanzen waren.
SPIEGEL ONLINE: Hat Ihre Mannschaft Chancen, wie schon in Athen Gold zu gewinnen?
Capousek: Ja. Der Kanadier-Zweier ist Spitzenklasse. Der Kajak-Vierer der Männer ist jetzt auch vorne mitgefahren. Der Kajak-Vierer der Frauen ist ebenfalls stark, auch wenn er jüngst in Ungarn hinterher gepaddelt ist.
SPIEGEL ONLINE: Werden Sie sich in Peking anschauen, wie Ihre Schützlinge abschneiden?
Capousek: Ich weiß es noch nicht. Es tut weh, dass man mir nicht angeboten hat, mich von der Mannschaft zu verabschieden. Aber es reizt mich, Freunde aus der deutschen Mannschaft wiederzusehen und die Atmosphäre zu erleben.
SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie Kollegen empfehlen, die ein Angebot für China haben?
Capousek: China war für mich wichtige Bereicherung meines Lebens. Aber hier als Trainer zu arbeiten? Dazu würde ich nicht raten.
Das Interview führte Andreas Lorenz, Peking
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