Von Jörg Allmeroth, London
Was wie eine Versagensbilanz aussah, die vielen ungenutzten Breakchancen von Federer (1:13) und von Nadal (4:13), war eine Demonstration der Stärke, des Behauptungswillens, der Standfestigkeit: Wie ums Überleben kämpften der Schweizer und der Spanier um diesen Titel, knallten dem anderen Asse und fantastische Passierschläge um die Ohren, wenn es am meisten zählte – bei den Big Points. Als "antikes Drama" erschien dem ehemaligen englischen Weltklassespieler Tim Henman dieses grenzenlose Spiel, das mehr als einmal das Begriffsvermögen seiner Betrachter überstieg.
Die Vorahnung eines Zeitenwechsels lag auch in der Luft an diesem späten Sonntagabend, an dem Nadal nach drei vergebenen Matchbällen, zweien davon im Tiebreak des vierten Satzes bei 7:6 und 8:7, dann endlich in der 288. Minute des Finales sein neues Königreich Wimbledon eroberte. Um die Gravität des Augenblicks zu spüren, musste man nur den geschlagenen Nummer eins-Spieler Federer betrachten, seine rotumrandeten, verheulten Augen, sein starres Gesicht, seine gebeugte Haltung – mit jeder Bewegung und mit jedem Wort wirkte er wie einer, der aus dem letzten Refugium vertrieben worden war, aus seinem ganz persönlichen Tennis-Paradies. "Es ist die schlimmste Niederlage meiner Karriere – bei weitem", sagte der 26-Jährige, "viel schlechter habe ich mich selten gefühlt." Schon jetzt wusste Federer, "dass ich an diesem Spiel länger knabbern werde als an jedem anderen, denn: "Für eine Niederlage in einem Wimbledon-Endspiel gibt es nur schwer Trost."
"Nadal wird nur schwer zu schlagen sein"
Schon gar nicht, wenn der Sieger drauf und dran ist, selbst eine neue Dynastie im All England Club zu begründen – ein Sieger, der mit seinen 22 Jahren in der Altersklasse war, in der John McEnroe den großen Björn Borg 1980 stürzte und in dem Federer 2001 selbst das Sampras-Zeitalter in Wimbledon kühl beendete. Folgen nun die Nadal-Jahre im immergrünen Grand-Slam-Tempel? "Er hat Wimbledon und das Spiel auf Gras so schnell lieben gelernt, dass er nur schwer zu schlagen sein wird", sagte Borg, der in der königlichen Box das Match verfolgt hatte. Wo bei Federer alle beeindruckenden Serien gerissen waren, wo er nach 65 erfolgreichen Rasenmatches und fünf Champion-Jahren in Wimbledon erstmals in die Knie gezwungen wurde, hatte der ungestüme Nadal nun seinen ersten bahnbrechenden Grand-Slam-Triumph jenseits von Paris errungen und sich auch des notorischen Zusatzes "Sandplatz-König" entledigt – einer Beschreibung, die zuletzt ohnehin nur noch als Beleidigung für den bärenstarken Allrounder aufgefasst werden konnte.
Mochte die Weltrangliste ihn am Montag auch unverändert als Nummer 2 der Welt führen, und dies schon in der 155. Woche hintereinander, war Nadal doch die moralische Nummer 1. "Wer die French Open und Wimbledon gewinnt, ist immer die Nummer 1", sagte Becker, "da ist egal, was mir der Computer sagt." Schon bald könnte sich der Machtwechsel aber auch schwarz auf weiß vollziehen: Nadal hat nur noch 545 Punkte Rückstand auf seinen Freund und Gegenspieler Federer. 545 Punkte, die in den nächsten Wochen leicht aufzuholen sind für den Mann aus Mallorca, der dann seine Muskeln nicht knapp unterhalb, sondern auf dem Gipfel spielen lassen wird. Daran zweifelt keiner mehr.
Nicht nach diesem 6. Juli 2008. Nicht nach einem Tag, an dem Nadal den Besten der Welt an seinem Lieblingsort schlug. Nichts ist nun mehr so, wie es war. Nicht für Federer. Und nicht für Nadal.
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