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12.07.2008
 

Doping bei der Tour de France

"Ein Krieg, bei dem es Opfer gibt"

Aus Toulouse berichtet Jörg Schallenberg

Bei der Tour gibt es einen ersten Sieger: die französischen Dopingkontrolleure. Der Spanier Beltrán wird kaum der letzte Fahrer sein, der ihnen ins Netz geht. Der erste positive Test der Tour 2008 wird allerdings unterschiedlich bewertet - ist er ein Erfolg oder nicht?

Nach dem Zielstrich bitte rechts ranfahren! Auf die ersten sechs Fahrer, die am Samstag in Toulouse eintrafen, warteten bereits die "Chaperons", die sie zur Dopingkontrolle in einen unauffälligen Büro-Container geleiteten, zusammen mit den beiden Führenden im Gesamtklassement. Dieses Vorgehen ist ungewöhnlich, denn normalerweise werden neben dem Etappensieger und dem Träger des Gelben Trikots die weiteren Fahrer unabhängig vom Klassement ausgewählt.

Etappensieger Cavendish: Vom Zielraumchaos zur Dopingprobe
REUTERS

Etappensieger Cavendish: Vom Zielraumchaos zur Dopingprobe

Doch die französische Antidopingagentur AFLD, die seit diesem Jahr für die Tests bei der Tour de France zuständig ist, will wohl demonstrieren, dass sie für ein paar Überraschungen gut ist. Mit Erfolg: Fündig wurden sie bereits auf der ersten Etappe, als der Spanier Manuel Beltrán positiv auf Epo getestet wurde. Im vergangenen Jahr dauerte es bis in die Berge, ehe Alexander Winokurow, Cristian Moreni und ein paar Tage nach Ende der Tour Iban Mayo aufflogen.

Angesichts dieser Quote ist bei der Frankreich-Rundfahrt 2008 in Sachen Dopingtäter wohl noch einiges zu erwarten. Oder zu befürchten, je nachdem, wie man es bewertet, dass die "Controle Anti-Dopage" endlich besser zu funktionieren scheint als bei vielen früheren Rennen.

"Ist es jetzt eine gute Nachricht, wenn einer erwischt wird - oder ist es gut, wenn keiner erwischt wird?", hatte Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer schon vor Beginn der Tour gefragt.

Pat McQuaid, der Präsident des Radsport-Weltverbandes UCI, hat zu diesem Thema und zum Fall Beltrán eine klare Meinung: "Das ist eine erschütternde Nachricht. Ich hoffe, es gibt keinen positiven Test mehr in den beiden Wochen bis zum Ende der Tour." Jonathan Vaughters, Chef des US-Rennstalls Garmin-Chipotle, sah das am Samstag vor dem Start zur achten Etappe anders: "Es ist ein Krieg, den wir im Moment führen, und es ist doch klar, dass es da Opfer gibt."

Vaughters fuhr früher für US Postal, das Team von Lance Armstrong. In Interviews lässt der Ex-Profi wenig Zweifel daran, dass er manches aus eigener Erfahrung weiß, wenn er vom Thema Doping spricht - und wie man dagegen vorgehen muss. Für ihn ist ein gutes Zeichen, wenn ein Fahrer wie Beltrán endlich erwischt wird. Denn fällig ist der Spanier offenbar schon lange gewesen.

Es spricht sehr viel dafür, dass sich der 37-Jährige mindestens ein Jahrzehnt lang mit diversen Methoden dopte, um für die Superstars Armstrong und Jan Ullrich - beim Team Bianchi 2003 - zu fahren, aber immer irgendwie davonkam. Bis zur ersten Tour-Etappe 2008. Im Jahr 1999 wurde der Spanier positiv auf Corticosteroide getestet, lieferte jedoch nachträglich ein Attest ab, dass ihm die Einnahme erlaubte. Ebenso wie bei Armstrong fand man 2005 Spuren von Epo in Blutproben von Beltrán aus den Jahren 1998 und 1999, für die er aber sportrechtlich nicht mehr belangt werden konnte.

Die Karriere des Spaniers ist geradezu exemplarisch für das "alte Denken im Radsport", wie es Holczer am Samstag nannte. Der nun suspendierte Liquigas-Profi dürfte zu jenen Profis gehören, denen Columbia-Teamchef Bob Stapleton "pathologische Züge" bescheinigt: "Es ist so dumm, auf einer einfachen Etappe Epo zu nehmen. Das ist schon ein Suchtverhalten." Ähnlich hatte der im vergangenen Jahr des Testosteron-Dopings überführte T-Mobile-Profi Patrik Sinkewitz sein Verhalten erklärt.

Sinkewitz allerdings, dessen Sperre in wenigen Tagen abläuft, ist zehn Jahre jünger als Beltrán, und man kann sich fragen, ab welchem Alter denn das "alte Denken" einsetzt - und ob die Sucht nicht schon beginnt, wenn man bei den Profis der obersten Kategorie mithalten muss. Sollte sich der Doping-Verdacht gegen Riccardo Riccò, 24, bestätigen, wäre zumindest endgültig geklärt, dass es nicht ausreicht, ein paar alte Kader und Ewiggestrige wegzuräumen, wie es Christian Prudhomme, Direktor des Tourveranstalters Aso, am Samstag in seinen kurzen Statements für die Journalisten am Startort Figeac suggerierte.

Da die AFLD bereits am Freitag mitgeteilt hatte, dass bis zu zwanzig Fahrer vor Tourbeginn auffällige Werte zeigten, ist kaum damit zu rechnen, dass Beltrán der einzige Dopingfall bleibt. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Jörg Jaksche wundert sich angesichts dieser Häufung an Werten darüber, dass die Teams nicht bei den eigenen Kontrollen schon auf die Unregelmäßigkeiten aufmerksam wurden - oder ob sie auffällige Ergebnisse einfach für sich behielten.

Die internen Antidoping-Programme der Teams geraten angesichts der AFLD-Tests einmal mehr in Zweifel - dagegen darf sich die französische Antidopingagentur als erster Sieger der diesjährigen Tour fühlen, auch wenn kaum zu bewerten ist, wie effektiv ihre Kontrollen tatsächlich sind - was die Methoden betrifft, aber auch den Ablauf.

So dauerte es in Toulouse mehr als zehn Minuten, bis Erik Zabel und Gerald Ciolek bei der Dopingkontrolle eintrafen - auch bei Beltráns Test in Plumelec war der Spanier erst spät gefunden worden. Angesichts des Chaos, das im engen Zielraum bei einer Massenankunft herrscht, werden sich solche Verspätungen nie ganz vermeiden lassen.

Dennoch hat das bisherige Vorgehen der französischen Dopingkontrolleure bereits für einige Unruhe unter den Fahrern gesorgt. Die wird sich noch verstärken, wenn den Teams im Verlaufe des Wochenendes mitgeteilt wird, welche Athleten auffällig geworden sind. Die Tour hat ihr Dauerthema wieder.

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