Aus Pau berichtet Jörg Schallenberg
Am Abend bevor die Tour de France 2008 begann, da wollten sich ein paar deutsche Journalisten unbedingt von Erik Zabel erzählen lassen, wie er denn damals, 1997, die Etappe nach Plumelec gewonnen habe - denn dort, in dem bretonischen 2000-Einwohner-Ort, sollte am kommenden Tag auch der erste Abschnitt der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt enden.
Radprofi Riccò: Der neue Pantani
Aber Moment. 1997? Team Telekom? Bjarne Riis? Wie groß ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass der Däne, der gestanden hat, bei seinem Toursieg 1996 gedopt zu haben, ein Jahr später sauber war? Und dass bei den überragenden Leistungen der Telekom-Fahrer damals noch nicht systematisch mit verbotenen Mitteln nachgeholfen wurde? Was ist dann ein Etappensieg von 1997 eigentlich noch wert? Diese Fragen stellte an diesem Abend niemand. Einen Tag später wurde in Plumelec dann der Spanier Manuel Beltrán positiv auf Epo getestet - der einst für die erbitterte Telekom-Konkurrenz US Postal gestartet war.
Es hat wirklich nicht lange gedauert, bis die Vergangenheit auch diese Tour de France eingeholt hatte - und die Frage, wie man mit ihr umgehen sollte.
Als am Sonntag der Italiener Riccardo Riccò, in der Vergangenheit bereits mit eigenartigen Testosteronwerten aufgefallen, die sechseinhalbprozentige Steigung zum höchsten Punkt des Aspin-Passes im Eilzugtempo emporflog und alle Verfolger wie bunt gekleidete Freizeitstrampler aussehen ließ, da jubilierten die Kommentatoren des französischen Fernsehens über "den neuen Pantani".
Am Montag montierte die zur gleichen Firmengruppe wie die Tour-Organisation gehörende Zeitung "L'Équipe" Bilder von Marco Pantani und Riccò nebeneinander, die Ähnlichkeit in Haltung und Gesichtsausdruck ist frappierend. Das alles ist als Lob gedacht, und man findet nirgendwo eine Erklärung, dass Pantani, der Tour-Sieger von 1998, als einer der schlimmsten Junkies gilt, die es im Radsport gab. 1999 wurde er wegen eines zu hohen Hämatokritwertes vom Giro d'Italia ausgeschlossen, 2004 starb er an einer Überdosis Kokain.
Sein Teamkamerad und Freund Filippo Simeoni, der ein umfassendes Dopinggeständis ablegte, sagte später, er habe bei Pantanis Giro-Ausschluss gehofft, "jetzt wird er aufstehen und erklären: Herrschaften, die Wahrheit ist, dass ich gedopt bin. Wir alle sind gedopt, um vor unserem Publikum immer spektakulärere Leistungen zu bringen. Reden wir jetzt offen darüber, vielleicht können wir es ein für allemal ändern".
Pantani schwieg bis zu seinem Tod. Doch nicht Simeoni, sondern der "Pirat" ist bis heute das erklärte Vorbild von italienischen Fahrern wie Damiano Cunego und Riccò. Wie sollte es auch anders sein, wenn zweifellos brillante Radfahrer wie Riis und Pantani bis heute für ihre Leistungen gefeiert werden, ohne dass man gleichzeitig daran erinnert, dass sie Betrüger waren? Und dabei ist es übrigens ganz egal, ob alle anderen auch Betrüger waren.
Man müsste vermutlich gar nicht so lange suchen, bis man jene Fahrer fände, denen die fettesten Siegprämien entgingen, weil sie nicht dopen wollten. Es sind nicht die, die dann nur Zweiter wurden bei der Tour, sondern jene, die nie den Sprung in den Kader schafften.
Doch für solche Gedanken ist beim größten Radrennen der Welt kein Platz. Das Problem hier ist nicht, dass Profis wie Beltrán noch auf die alten Methoden setzen, sondern dass das alte Denken nicht aus den Köpfen zu bekommen ist. Bei Fahrern, bei Teamchefs, bei Berichterstattern, bei manchen Fans - und bei den Veranstaltern.
Wenn Patrice Clerc, Chef des Tour-Ausrichters Aso, Fragen nach dem Dopingverdacht gegen den Spanier Alejandro Valverde öffentlich und lautstark als "einen Haufen Scheiße" abtut und Renndirektor Christian Prudhomme den ertappten Beltrán als Einzelfall bezeichnet, obwohl die französische Antidopingagentur am Freitag etwa 20 und der Weltverband UCI schon einige Zeit vor dem Rennen 23 Fahrer mit auffälligen Blutwerten ausmachten, dann ist das bewusste Ignoranz.
Es reicht eben nicht, ein dermaßen dopingbelastetes Team wie Astana auszuschließen - obwohl das im Vergleich zu früheren Jahren schon einen bemerkenswerten Fortschritt darstellte. Aber man hätte auch ahnen können, dass es bei den Italienern von Liquigas Probleme geben würde. Ein Team, das den Dopingsünder Ivan Basso noch während seiner Sperre unter Vertrag nahm und damit gegen den Ethik-Code der ProTour-Teams verstieß, hat wohl tatsächlich eine "eigene Ethik", wie Rennstallchef Roberto Amadio der "Frankfurter Rundschau" sagte.
Doch es sind nicht nur die spektakulären Fälle wie Liquigas, sondern die kleinen Bemerkungen am Rande, die stutzig machen. Milram-Teamchef Gerry van Gerwen erklärte im Interview mit SPIEGEL ONLINE lange die neuen Pläne für seine Mannschaft, um dann in einem Nebensatz zu bemerken, dass es ja schade um Alessandro Petacchi sei, den man suspendieren musste, "weil der zweimal zu oft auf sein Asthmaspray gedrückt hat".
Solange dieses alte Denken nicht aufgegeben wird, kann sich der Radsport nicht wirklich erneuern. Beim deutschen Publikum schwindet das Vertrauen inzwischen weiter. Die Einschaltquoten sanken in der ersten Tourwoche im Vergleich zum Vorjahr, obwohl ein deutscher Fahrer im Gelben Trikot fuhr. Aber auch dieser, Stefan Schumacher, hat eine Vergangenheit.
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