Aus Lannemezan berichtet Jörg Schallenberg
Schlechte Nachrichten werden oft von der Polizei überbracht. Den spanischen Radrennfahrer Moisès Dueñas Nevado traf es am Mittwochmorgen um kurz nach acht, als mehrere französische Polizeibeamte an seine Zimmertür im Hotel "Le Rex" in Tarbes klopften und ihn vorläufig festnahmen - wegen starken Verdachts auf Epo-Doping.
Erst eine knappe Stunde später erhielt sein Team Barloworld den offiziellen Bescheid von der französischen Anti-Doping-Agentur AFLD: Der 27-Jährige wurde nach dem Zeitfahren am vergangenen Dienstag positiv auf Epo getestet, die B-Probe steht noch aus.
Am Mittag dieses Tages steht Barloworld-Pressesprecher Claudio Mantsana ein paar Kilometer entfernt in Lannemezan, dem Startort zur elften Etappe, vor dem feuerwehrroten Teambus. Er erklärt recht gelassen, wie der Morgen zuvor abgelaufen ist. Nachdem Nevado von der Polizei auf die Wache gebracht worden war, wurde sein Zimmer durchsucht. Der Fahrer wird vorläufig aus dem Team ausgeschlossen.
Ein paar Minuten zuvor hatte sich der sportliche Leiter von Barloworld, Alberto Volpi, noch weitaus mehr aufgeregt. "Ein Schock" sei das für ihn, verkündete der Italiener: "Ich kann überhaupt nicht begreifen, warum er das getan hat. Wir sind doch ein junges Team, für uns ist es schon ein Erfolg, dabei zu sein. Wir haben doch überhaupt keinen Druck. Wir müssen keine Etappen gewinnen."
Und es kam noch schlimmer für den Italiener. Am Nachmittag wurde bekannt, dass die Kommissare im Hotel Präparate sichergestellt hatten. Der Team-Arzt habe Dueñas Nevado die Medikamente nicht verschrieben, teilte dessen Equipe mit. "Wir sind absolut fassungslos über das, was geschehen ist, und über das Verhalten eines unserer Fahrer", sagte Barloworld-Manager Claudio Corti. Dueñas Nevado habe die Präparate vor allen versteckt.
Bis dahin war Volpi der Einzige gewesen, den die Nachricht vom zweiten Dopingfall bei der Tour de France ein wenig aus der Fassung brachte. Für die Veranstalter des Rennens scheint ein positiver Test alle paar Tage nichts Besonderes mehr zu sein. Tour-Direktor Christian Prudhomme verkündete ähnlich wie beim Fall Beltrán: "Wir haben großes Vertrauen in die AFLD, das System greift."
Aus seiner Sicht sind die zwei erwischten Fahrer möglicherweise tatsächlich nicht das Schlechteste, was passieren konnte, schließlich hat der Ausrichter des Rennens, die Aso, erstmals die Dopingtests den französischen Kontrolleuren übergeben und den Weltverband UCI damit vor die Tür gesetzt. "Da können ein paar Erfolge nichts schaden", hatte am Dienstag noch Rolf Aldag, sportlicher Leiter des Teams Columbia, über den Druck gesagt, unter den sich die Tour-Veranstalter damit gesetzt hatten. Fragt sich nur, welche Konsequenzen aus den Dopingfällen zu ziehen sind, die über den Ausschluss der Fahrer hinausgehen.
Erst einmal gar keine, meint Patrice Clerc, Präsident der Aso. Gegenüber einem deutschen TV-Reporter stellt er am Mittwoch zunächst einmal wortreich klar, dass er ja kein Arzt, Biologe oder Jurist und damit irgendwie gar nicht zuständig sei, bevor er dann doch noch verkündete, dass man sich "das Team ganz genau ansehen und dann entscheiden" werde.
Sicher keine schlechte Idee, denn der Fall Dueñas Nevado ähnelt dem Fall Beltrán insofern, als dass es erneut einen Spanier getroffen hat, der bei einem italienisch geprägten Team startet. Zwar besitzt Barloworld seit 2005 eine britische Lizenz, doch die sportliche Leitung stammt komplett aus Italien. Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer kommentierte das Geschehen dann auch nur mit zwei Worten: "Das passt."
In Spanien galt Dueñas Nevado kritischen Berichterstattern schon länger als verdächtig. Obwohl der Fahrer vor zwei Jahren das schwere Nachwuchsrennen Tour de l' Avenir gewonnen hatte, verpflichtete ihn kein großer Rennstall - ein Zeichen, dass man Nevado schon damals nicht traute, sagt ein Journalist von "El Pais" am Mittwoch. Dass der Radprofi zudem aus dem selben Ort stammt wie der vor Jahren überführte Dopingsünder Roberto Heras, kann ein Zufall sein. Muss aber nicht.
Bislang aber kann und will Aso-Chef Clerc nirgendwo "ein systematisches Doping" erkennen, was Voraussetzung für den Ausschluss eines Teams wäre. Wie Beltráns Liquigas-Team denkt auch bei Barloworld niemand daran, freiwillig aus dem Rennen auszusteigen. Für Teamchef Volpi ist Nevado "ein Einzelfall, mit dem das Team nichts zu tun hat". Nevados Teamkollege Christopher Froome war nach eigener Aussage "völlig überrascht" und fordert, "dass wir Fahrer jetzt auf der Strecke noch mehr zusammenhalten müssen". Er ringt sich aber zumindest zu der Aussage durch, dass man "als Radprofi genau aufpassen muss, was man seinem Körper zuführt - ich würde nicht einmal eine Flasche Wasser von einem Zuschauer am Streckenrand annehmen".
Ob Veranstalter, Teamleiter oder Fahrer - alle sind sich an diesem Morgen darin einig, dass Nevado erneut ein bedauerlicher Einzelfall ist, dem man aber nicht zuviel Aufmerksamkeit schenken sollte. Bemerkenswert ist, dass sich viele Medien daran zu halten scheinen, der Trubel am Barloworld-Bus ist an diesem Morgen durchaus überschaubar und überhaupt nicht mit jenem Aufruhr zu vergleichen, der entsteht, als Cadel Evans, der Träger des Gelben Trikots, zum Start fährt.
Für Tourdirektor Prudhomme steht sowieso alles zum Besten. "Sehen Sie sich die Menschen auf den Straßen an", schwärmt er in Lannemezan, "sehen Sie sich all die Zuschauer an der Strecke an, das ist doch der beste Beweis: Die Tour lebt!"
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