Aus Foix berichtet Jörg Schallenberg
Eines steht fest: Die Tour de France wird auch in diesem Jahr wieder einen Sieger haben, und mit etwas Glück ist es in anderthalb Wochen Cadel Evans aus Australien, der in Paris ganz oben auf dem Siegerpodest steht, oder der Luxemburger Fränk Schleck. Glück hätten dann die Ausrichter des Rennens, denn im Gegensatz zu denjenigen, die in den vergangenen fünfzehn Jahren vor dem Triumphbogen gefeiert wurden, gelten diese beiden Fahrer im Moment nicht als dringend dopingverdächtig. Soviel zu den guten Aussichten im Radsport.
Obwohl es auch gar keine so schlechte Aussicht wäre, wenn weiterhin alle drei bis vier Etappen ein gedopter Fahrer auffliegt. Dann hätte man so fünf bis sieben "Einzelfälle" und käme möglicherweise sogar zu dem Schluss, dass so viele Einzelfälle vielleicht doch eher ein großer gemeinsamer Fall sind, dessen Dimensionen kaum abzuschätzen sind. Möglicherweise ließe sich dann sogar eine Struktur erkennen, die darauf schließen lässt, dass in manchen Ländern und Mannschaften eher gedopt wird als anderswo - falls man nicht, wie etwa der Dopingexperte Werner Franke, davon ausgeht, dass sowieso alle Athleten, die in Frankreich an den Start gehen, unerlaubte Mittel intus haben.
Hinweise auf solche Strukturen geben bereits die bisherigen Dopingfälle. Mit Iban Mayo, Manuel Beltrán und Moisés Dueñas Nevado wurden 2007 und 2008 gleich drei Spanier bei der Tour de France erwischt, mindestens drei weitere stehen mit Alejandro Valverde, Alberto Contador und Luis León Sanchez unter dem Verdacht, Kunden des Blutdoping-Arztes Eufemiano Fuentes gewesen zu sein. Alle starten oder starteten für italienisch oder spanisch geführte Teams, bis auf Contador.
Der Tour-Sieger von 2007 darf aber als Sonderfall gelten, er fährt bei Astana, die im vergangenen Jahr mit Alexander Winokurow, Andrej Katschetschkin und Matthias Kessler gleich drei prominente Abgänge wegen Dopings hatten und in jeder Hinsicht in einer eigenen Liga spielen.
Die Kombination Italien und Spanien sorgt aber auch anderswo für Gerede. Bei Saunier-Duval, jenem spanischen Team, das auf der bislang schwersten Etappe von Pau nach Hautacam einen bemerkenswerten Doppelsieg feierte, fährt auch der mittlerweile des Dopings überführte Riccardo Riccò aus Italien. Der 24-Jährige gewann die anderen beiden Bergetappen in diesem Jahr in beeindruckender Manier und wurde von der Zeitung "L'Equipe" als einer jener 20 Fahrer genannt, bei denen die französische Anti-Doping-Agentur AFLD vor Beginn des Rennens auffällige Blutwerte feststellte, laut AFLD-Generalsekretär Philippe Sagot insbesondere erhöhte Hämatokritwerte, die auf Blutdoping hindeuten können.
Riccò verfügt allerdings ohnehin über eine ärztliche Ausnahmegenehmigung für einen Wert von 51 bis 52, den Experte Franke jüngst in der "Süddeutschen Zeitung" als Krankheit bezeichnete: "Dem würde ich sagen, um Gottes willen, du bist infarktgefährdet." Doch zum Ausgleich weist der Italiener mitunter einen Testosteronwert wie ein Kleinkind auf, zuletzt beim Giro d'Italia 2007. Das könnte auf Verschleierung von Doping mit einem Sexualhormon hindeuten.
Die Italiener fielen auch sonst auf: Milram-Sprinter Alessandro Petacchi flog vor der Tour wegen eines Dopingfalls aus der Mannschaft, im vergangenen Jahr wurde auch Cristian Moreni positiv getestet und Barloworld-Teammanager Claudio Corti ist einschlägig bekannt als früherer Chef des von Dopingskandalen geschüttelten Rennstalls Saeco.
Natürlich sind nicht nur Italiener und Spanier verdächtig, wie die Auffälligkeiten des Deutschen Stefan Schumacher oder des Belgiers Tom Boonen belegen, die jeweils für einheimische Mannschaften starten. Interessant ist aber ein Nationenvergleich etwa mit den Franzosen. Die fallen in Sachen Doping seit Jahren kaum auf und fahren konsequent allen anderen hinterher.
Bei der Tour stellen die einheimischen Fahrer mit noch 35 Fahrern das größte Kontingent, doch mit Amaël Moinard von Cofidis liegt der Beste von ihnen auf Rang 25, fünf weitere Profis aus Frankreich sind bereits ausgestiegen. Vor Moinard finden sich übrigens sechs Spanier und vier Italiener. Im Rennen fallen die französischen Profis meist nur durch ihre schon verzweifelt wirkenden Ausreißversuche auf, für die sie sich regelmäßig den Preis für den kämpferischsten Fahrer abholen dürfen - aber im Gesamtklassement nicht vorankommen.
Das ist eine auf den ersten Blick überraschende Bilanz für ein Land, in dem Radsport eine Bedeutung hat, die sich in Deutschland kaum erahnen lässt. In diesen Tagen bekommt man aber auch eine Idee davon, wie effizient das französische Dopingkontrollsystem arbeiten kann, zudem sind die Anti-Doping-Gesetze hierzulande schon seit längerem schärfer als in den meisten anderen europäischen Ländern.
Von diesen Rahmenbedingungen darf sich im kommenden Jahr auch wieder das Astana-Team überzeugen, dass inzwischen die Teamleitung ausgewechselt hat und nun von Johan Bruyneel geleitet wird. Der Belgier war bei allen sieben Toursiegen von Lance Armstrong dessen Teamchef, zu seinen Fahrern damals zählten neben Beltrán diverse weitere später entdeckte Dopingsünder wie Floyd Landis. Das sind wiederum keine so guten Aussichten für die Tour de France.
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