Aus Narbonne berichtet Jörg Schallenberg
Es waren chaotische Szenen, die sich vor dem Start der zwölften Etappe der Tour de France im Örtchen Lavelanet abspielten. Augenzeugen berichten von einem Tumult rund um den Bus des Saunier-Duval-Teams - kurz nachdem bekannt geworden war, dass der Star des Rennstalls, Riccardo Riccò, positiv auf Epo getestet worden war.
Der offenbar völlig überraschte Profi wurde noch in ein Begleitfahrzeug seines Teams verfrachtet und versuchte offenbar, den Startbereich zu verlassen. Doch bereits ein paar Meter weiter warteten rund 30 Polizisten und nahmen den 24-Jährigen in Empfang. Er wurde in Handschellen abgeführt - das bittere Ende für einen Athleten, der schon seit längerem als höchst verdächtig galt. Zum Verhängnis wurde ihm offenbar die Verwendung eines relativ neuen Epo-Präparats namens Cera. Der Italiener hatte anscheinend geglaubt, dass diese Substanz noch nicht bei den Tests nachgewiesen werden könne. Doch der Pharma-Produzent Hoffmann-La Roche hat bereits vor einiger Zeit ein Verfahren entwickelt, um Cera im Urin nachzuweisen. Bisher fehlten nur noch wissenschaftliche Studien zu diesem Testverfahren.
Die französische Antidopingagentur AFLD setzt die Methode nun offenbar in ihrem Labor in Châtenay-Malabry nahe Paris ein - und überrascht damit die Fahrer.
Sie haben sich zu sicher gefühlt
Dopingexperten wundern sich über die Naivität der Athleten. Mario Thevis vom Biochemischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln sagte SPIEGEL ONLINE am Donnerstag: "Anscheinend bilden sich die Fahrer ein, dass sie mit Cera noch nicht erwischt werden können. Aber alle Epo-Präparate, die auf dem Markt sind, können mit gängigen Tests nachgewiesen werden."
Dabei könnten sich auch die vermeintlichen Vorteile des laut Thevis "Epos-Präparats der dritten Generation" am Ende gegen die betrügerischen Sportler wenden. Denn dies lässt sich geringer dosieren und wirkt länger - damit ist es aber auch länger als bisher zu entdecken. Da sogenannte "Epo-Kuren" einige Zeit vor einem Rennen durchgeführt werden müssen, um die Leistung entscheidend zu steigern, haben sich Fahrer wie Riccò offensichtlich auch im Zeitpunkt verschätzt, an dem sie Cera wieder hätten absetzen müssen.
Der Italiener dürfte nicht der letzte Radprofi sein, den diese Fehleinschätzung während der Tour de France noch einholen wird. Hans-Michael Holczer, Teamchef von Gerolsteiner, hat "gerüchteweise von anderen Teamleitern gehört, dass eine zweistellige Zahl von Fahrern betroffen sein soll, dabei handelt es sich nicht nur um Spanier oder spanische Teams". Auch Tour-Chef Christian Prudhomme erklärt: "Die Betrüger sind markiert." Diese Angaben beziehen sich offenbar auch auf die Veröffentlichung der AFLD, die vergangenen Freitag bekanntgab, bei rund 20 Fahrern auffällige Werte festgestellt zu haben. Riccò und der Spanier Manuel Beltrán gehören zu den Betroffenen.
"30 Prozent würden überführt, wenn alle getestet würden"
Der Tourveranstalter Aso wertet die drei bisherigen positiven Tests als vollen Erfolg der Kontrollen, die in diesem Jahr erstmals von der französischen Agentur und nicht mehr vom Weltverband UCI vorgenommen werden. Allerdings kritisierte der dänische Dopingexperte Rasmus Damsgaard am Mittwoch in dänischen Medien, dass die Dopingtests bei der Tour nicht das wahre Bild zeigen, solange nur Stichproben vorgenommen werden: "Ich befürchte, sie würden 10, 20 oder 30 Prozent der Fahrer mit Epo überführen, wenn sie jetzt das komplette Feld testen würden."
Der deutsche Dopingexperte Werner Franke befürchtet außerdem, dass diverse Radprofis schon mit Epo-Mimetika dopen - also Mitteln, die die Wirkung von Epo nachahmen und noch nicht nachweisbar sind.
Das bestreitet allerdings der Biochemie-Professor Thevis: "Diese Mimetika sind noch in der Entwicklungsphase und dementsprechend schwer zugänglich. Da müsste schon jemand aus dem Versuchslabor die Fahrer direkt versorgen. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Mittel schon verbreitet sind."
Das sind schlechte Nachrichten für viele Athleten - andere dagegen freuen sich. Als Gerolsteiner-Chef Holczer sein Team am Donnerstagmorgen über die Wirksamkeit der französischen Testverfahren unterrichtete, brachen nach seiner Aussage Fahrer wie Sebastian Lang und Markus Fothen "lauthals in Jubel aus".
Besonders Lang dürfte einige Genugtuung verspüren. Er war dem Feld am vergangenen Sonntag auf der Etappe von Toulouse nach Bagnères-de-Bigorre lange davon gefahren - und am letzten Anstieg vor der Zielabfahrt von einem wie entfesselt antretenden Riccò stehengelassen worden.
Langs Energieleistung wirkt übrigens weniger verdächtig. Er bezahlte sie in den folgenden Tagen mit einem Einbruch, der ihn in der Gesamtwertung bis auf Platz 69 zurückwarf. Mit mehr als 50 Minuten Rückstand auf Riccò. Da der bisherige Bergkönig als auch dessen Vize David de la Fuente nun nicht mehr dabei sind, kommt Lang jetzt aber noch in einen ganz anderen Genuss. Am Freitag wird der Gerolsteiner-Profi ein neues Trikot tragen dürfen. Es ist weiß mit roten Punkten. Es ist das Bergtrikot.
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