Von Frank Ketterer
Günter Eisinger hatte damit gerechnet, eigentlich schon die gesamte Saison über. Der 58-Jährige weiß schließlich so ziemlich alles über Hochsprung – und deshalb hat es ihn auch kaum überrascht, als Anfang Juli vermehrt Meldungen eintrudelten von neuen Höhen: Erst schraubte sich die Spanierin Ruth Beitia über 2,01 Meter, dann die beiden Russinnen Anna Chicherova und Elena Slesarenko über 2,03 Meter. An der Spitze der Weltrangliste steht die Kroatin Blanka Vlasic mit bereits zweimal übersprungenen 2,06 Metern.
Erschreckt hat das Trainer Eisinger nicht. Sein Schützling braucht sich nicht vor der Konkurrenz zu verstecken: Ariane Friedrich hat in diesem Jahr bereits 2,03 Meter überquert, Ende Juni beim Leichtathletik-Europacup im französischen Annecy. Dass das nun auch den beiden Russinnen gelungen ist, interessiert Trainer wie Athletin lediglich am Rande. "Wir liegen im Plan", sagt Eisinger.
Das klingt fast ein wenig untertrieben, schließlich lag die persönliche Bestleistung von Friedrich in der vergangenen Saison noch bei 1,95 Meter. Dass die 24-Jährige binnen eines halben Jahres acht Zentimeter draufgepackt hat, mutet gigantisch an, ist aber für Eisinger erklärbar, der Friedrich seit gut fünfeinhalb Jahren trainiert. Der Coach ist überzeugt, dass es für die angehende Polizeikommissarin aus Frankfurt am Main schon im Vorjahr deutlich höher hätte gehen können, mindestens über 1,98 Meter. "Der Körper war schon letztes Jahr so weit, der Kopf noch nicht", sagt Eisinger. "Hochsprung", so Friedrich, "ist eine Kopfsportart."
Dabei ist nicht nur der Kopf gemeint, den es braucht, um Anlauf und Absprung sowie die richtige Bewegung über der Latte bestmöglich koordinieren zu können. Das war für Friedrich noch nie ein großes Problem, sie gilt seit langem als großes Talent.
Ihr Problem schien vielmehr, dass sie nicht den Kopf dazu hatte, dieses Talent auch vollends auszureizen. "Ich war lange Zeit nicht diszipliniert genug", gibt sie zu. Hochsprung war ihr wichtig, aber nicht das Wichtigste. Heute sagt sie: "Ich wundere mich heute, dass ich mit der Einstellung von damals überhaupt so hoch springen konnte". Eisinger: "Sie ist sich selbst im Weg gestanden. Jetzt aber hat sie ihren Weg gefunden."
Leistungsbewusster, findet der Trainer, sei Friedrich geworden, und viel konzentrierter. Und dünner: Durch eine Diät hat die 24-Jährige gute drei Kilo weniger auf dem ohnehin schon schmalen Körper als im Vorjahr. Leicht, so die Maxime, fliegt gut. Aber, so Eisinger: "Noch weniger Gewicht wäre nicht gut."
Es hat ja auch so schon ausgereicht, um in neue Sphären zu fliegen. Ende Januar sprang Friedrich erstmals über 2,00 Meter in der Halle, Ende Februar folgten 2,02 Meter, aber auch eine Verletzung. Drei Monate durfte Friedrich nicht springen, lediglich Kraft- und Sprinttraining waren ihr in dieser Zeit erlaubt. Auch jetzt übt sie im Training lediglich den Anlauf, Sprünge absolviert sie nur im Wettkampf. Das soll zum einen Kraft und Konzentration sparen, zum anderen das Verletzungsrisiko gering halten.
Der Plan ging auf: Anfang Juni beim Berliner Istaf sprang Friedrich die 2,00 Meter erstmals im Freien, Ende Juni dann jene 2,03 Meter, die nach wie vor persönliche Bestleistung bedeuten.
Natürlich zählt sie mit dieser Höhe zum engsten Favoritenkreis, wenn am 23. August, dem vorletzten Tag der Olympischen Spiele, im National Stadium von Peking die Medaillen im Hochsprung der Frauen vergeben werden.
"Natürlich will ich mitspringen um eine Medaille", sagt Friedrich, die sich aber Donnerstag (3 Uhr MESZ) erst einmal für den Endkampf qualifizieren muss. Als Favoritin auf den Olympiasieg gilt Blanka Vlasic, aber hinter der Kroatin scheint alles möglich. "Vielleicht muss man für einen Platz auf dem Treppchen 2,03 Meter springen, vielleicht reichen 2,00 Meter", sagt Friedrich. Dass sie beides kann, hat sie bewiesen. Der Rest könnte eine Frage des Kopfes sein.
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