Aus Peking berichtet Andreas Morbach
Um das feine Sportlerbild für sein Publikum hübsch abzurunden, macht Michael Phelps neuerdings sogar manchmal einen Witz. So bekommt der unheimliche Rekordlieferant aus Maryland, früher für seine langweiligen Pressekonferenzen verschrien, auch ein paar menschliche Züge. Wie bei seinem ersten Auftritt in Peking, als er im größten auffindbaren Saal auf dem Olympiagelände zu seinem Kinnbärtchen Stellung bezog.
Rekordmann Michael Phelps: Neuerdings liefert er sogar Witze
Die Amerikaner jauchzten über diese Koketterie - und am heutigen Mittwochvormittag freuten sie sich wieder über ihren Landsmann, als der mit seiner zehnten und elften Goldmedaille zum erfolgreichsten Olympioniken der Geschichte aufgestiegen war.
"Ich wollte von klein auf bei den Spielen dabei sein", erzählte Phelps später und versuchte sich an einer Gefühlsbeschreibung: "Es ist fast, als würde ich den Verstand verlieren. Der Größte von allen? Das ist schon ein ziemlich cooler Titel." Cool - das war der US-Supermann, der als Kind an einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) litt und deshalb dreimal am Tag das Stimulanzium Ritalin einnehmen musste, vor vier Jahren in Athen noch nicht. Sechsmal Gold und zweimal Bronze holte er trotzdem. Doch mit dem Theater, das schon damals um seine Person veranstaltet wurde, kam er einfach nicht klar.
Einen Spickzettel mit seinen Saisonzielen, wie er ihn sich 2004 immer auf den Nachttisch legte, führt er immer noch. Abgesehen davon hat der 23-Jährige sein Leben aber mächtig umgekrempelt: Ende 2004 zog er aus bei seiner Mutter Debbie, bei der er seit der frühen Trennung seiner Eltern gewohnt hatte. Phelps ging nach Ann Arbor, Michigan, schrieb sich dort an der Universität ein, trainierte anfangs ein bisschen zu wenig für einen Spitzenathleten, und machte dafür ein bisschen mehr Unsinn als sonst. Abseits des Pools. Er nabelte sich von zu Hause ab - wie man das mit 19 Jahren eben so macht.
Beim Goldknaben Phelps bekommen aber sogar solche Banalitäten Gewicht. Zumal er selbst gern betont, was für ein einschneidendes Ereignis der Wegzug aus Maryland für ihn war. Und Michael Phelps ist auf den Geschmack gekommen. Unter seinem nach Außen smarten, am Beckenrand aber eisenharten Coach Bob Bowman trainiert er sieben Tage die Woche, oft bis zu sechs Stunden täglich. Er beschränkt sich neben Essen und Schlafen monatelang auf das Leben zwischen den Kachelwänden. Und wenn Phelps einmal nicht will, dann will Bowman garantiert.
Das Allroundtalent, das so viele Schwimmstile beherrscht wie kein anderer vor ihm, weiß natürlich auch, dass derzeit jede Bestleistung kritisch beäugt wird. Um die Diskussionen zum Verstummen zu bringen, hat er sich angeblich aus freien Stücken einem Programm der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada namens "Project Believe" angeschlossen, mit dem man den Glauben an das Gute im Sport stärken will.
| Rekord-Olympiasieger | |
| Michael Phelps (USA/Schwimmen) | 11 |
| Larissa Latynina (RUS/Kunstturnen) | 9 |
| Paavo Nurmi (FIN/Leichtathletik) | 9: |
| Mark Spitz (USA/Schwimmen) | 9: |
| Carl Lewis (USA/Leichtathletik) | 9: |
| Bjørn Dæhlie (NOR/Skilanglauf) | 8: |
| Birgit Fischer (GER/Kanu) | 8 |
| Sawao Kato (JAP/Kunstturnen) | 8: |
| Jenny Thompson (USA/Schwimmen) | 8: |
| Matt Biondi (USA/Schwimmen) | 8 |
Und der Mann vom Olymp glaubt, dass Bowman ihn trotzdem noch mag. Auch ohne das anstrengende Lagenschwimmen im Programm. Dara Torres muss ihn ja auch so mögen, wie er gerade ist. Wobei er das schicke Bärtchen vor dem ersten Start in Peking zur Sicherheit doch noch schnell abrasiert hat.
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