Von Jens Weinreich, Peking
Als die titanische Arbeit erledigt war, traf Michael Phelps seine Lieben. Seine Schwester Debbie Phelps, seine Mama, und Whitney Phelps, seine älteste Schwester. Es gab gar nicht viel zu bereden, berichtet der Held. "Mom hat geweint. Meine Schwester hat geweint. Ich habe geweint. Alles, wovon ich geträumt habe, ist wahr geworden."
Die Tränen haben viele Geschichten. Eine ist die vom jungen Michael Phelps, der am Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) litt, und sich über die Jahre in ein Konzentrationswunder verwandelte. Eine andere ist die von Whitney Phelps, die bei den US-Olympiaausscheidungen 1996 über 200 Meter Schmetterling klare Favoritin war, aber nur Sechste wurde und das Team für Atlanta verpasste. Michael Phelps saß auf der Tribüne damals und hat einmal gesagt: "Die Niederlage hinterließ eine Narbe. Sie überforderte uns. Wir waren zerstört."
Sie werden daran gedacht haben in den wenigen intimen Sekunden, die ihnen am Sonntag in Peking blieben.
Ganz Amerika freut sich mit Michael Phelps. Sagt Michael Phelps. Er bekommt jetzt nicht nur eine Million Dollar von seinem Schwimmanzug-Hersteller, sondern auch ständig SMS von seinen Freunden, die ihm von merkwürdigen Begebenheiten berichten: Sogar bei den Baseballspielen der New York Yankees und der Cincinnati Reds, sagt er stolz, sei am Sonnabend sein siebter Olympiasieg vermeldet worden, der sein knappster war in Peking: Über 100 Meter Schmetterling überlistete er den lange führenden Serben Milorad Cavic mit einem gewaltigen letzten Hub seines Oberkörpers und einem extraordinären Anschlag. Er siegte mit einer hundertstel Sekunde Vorsprung. Die Serben protestierten, warum, wurde allerdings nicht deutlich. Ben Ekumbo aus Kenia, Referee des Schwimm-Weltverbandes Fina, erklärte wenig später: "Ich habe mir die Fernsehbilder persönlich noch einmal angesehen. Cavic hat deutlich nach Phelps angeschlagen."
Um den Gedanken der eingefrorenen Proben kurz noch zu finalisieren: Welches Interesse sollte das Internationale Olympische Komitee eigentlich daran haben, in einigen Jahren, wenn der Name Michael Phelps längst in goldenen Lettern in allen olympischen Ahnentafeln eingraviert wurde und bald Patina ansetzt, die Proben erneut zu überprüfen?
Diese Sommerspiele wurden am 8. August 2008 eröffnet. Acht ist die chinesische Glückszahl. "Für mich ist sie es wohl auch", sagt Phelps grinsend nach acht Siegen in acht Wettbewerben an acht Tagen – mit sieben Weltrekorden. Mark Spitz, der 1968 in Mexiko-City zwei und 1972 in München sieben Goldmedaillen gewann, formulierte es so: "Wenn ich der erste Mensch auf dem Mond war, ist Michael der erste auf dem Mars."
An dieser mirakulösen Bilanz werden sich noch Phelps Urenkel und Ururenkel berauschen. Und all jene, die Zeugen waren im Water Cube von Peking, anno 2008, werden es ihren Enkeln erzählen: Die australische Brustschwimmerin Leisel Jones beispielsweise, die siebenfache Weltmeisterin und nun dreimalige Olympiasiegerin, hat am Sonntag gesagt, ihr größtes olympisches Erlebnis sei es gewesen, Michael Phelps beobachten zu dürfen. Der fünfmalige Olympiasieger Aaron Peirsol, der mit Phelps am Sonntag die Lagenstaffel gewann, formulierte es so: "Wir sind alle sehr stolz, daran teilhaben zu dürfen."
Acht Goldmedaillen in Peking summieren sich zu den sechs Gold- und zwei Bronzemedaillen von Athen. Michael Phelps ist mit nun vierzehn Siegen mit großem Abstand der erfolgreichste Olympiateilnehmer der Geschichte. Daran dürfte sich in den nächsten hundert Jahren nichts ändern. Zumal, 2012 wird er sich den einen olympischen Rekord holen, den er noch nicht besitzt: Die russische Turnerin Larissa Latynina hat mit insgesamt 18 Plaketten zwei mehr als Phelps – bis zu den Sommerspielen in London.
Er wolle sich jetzt eine Weile ausruhen und mit seinen Kumpels abhängen, sagt Phelps. Danach werde er mit seinem Trainer Bob Bowman völlig neu beginnen. "Ich versuche, ganz frisch zu starten. Mit neuen Methoden. Ich würde gern einige andere Strecken ausprobieren. Ich lasse es auf mich zukommen."
Michael Phelps ist ein braver Junge. Er wird doch wohl auf seine Mama hören. Denn Debbie Phelps hat die Destination schon vorgegeben: Die nächste Weltmeisterschaft beginnt im Juli 2009 in Rom. "Mama war da noch nicht. Sie möchte dort hin und hat gesagt, ich soll mich mal schön für das Team qualifizieren."
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