Dieser Beitrag ist Teil einer Themenseite. Alle Artikel und Hintergründe
Hamburg - Die Vorwürfe sind hart. Und sie sind nicht belegt. Doch Tobias Unger spricht aus, was viele Betrachter seit dem 100-Meter-Finale in Peking am vergangenen Samstag über den Sieger Usain Bolt denken.
Was steckt dahinter, wenn ein 21-Jähriger, der vor einem Jahr noch eine Bestleistung von 10,03 Sekunden über 100 Meter aufweisen konnte, jetzt nur 9,69 Sekunden für dieselbe Distanz benötigt? Und dabei sogar kurz vor Schluss Geschwindigkeit rausnimmt?
Für Unger ist klar: In der Weltspitze des Sprints geht es nicht mit rechten Dingen zu.
Sprinter Unger: "Ich habe langsam keine Lust mehr"
Unger, 29, hatte mit 10,36 Sekunden den Sprung ins olympische Halbfinale verpasst. Er kritisiert die laschen Dopingkontrollen in Bolts Heimatland Jamaika: "Die springen auf ihrer Insel rum, wie sie wollen, denen passiert nichts. Ich muss mich allein hier bei Olympia an- und abmelden, für den Fall, dass wir eine Dopingkontrolle haben." Bolt wisse nicht mal, wie man so einen Bogen ausfüllt. "Ich habe langsam keine Lust mehr."
Leichtathletik-Bundestrainer Jürgen Mallow kritisiert im "Stern" das gleiche Problem: "Von Chancengleichheit kann keine Rede sein, wenn allein die Kugelstoßerin Nadine Kleinert 29-mal seit Januar kontrolliert wurde und ganz Jamaika nur sechsmal."
Es ist das erste Mal während dieser Olympische Spiele, dass Konkurrenten so offen Zweifel an den unglaublichen Leistungen der Jamaikaner äußern. Nach Bolts Sieg hatten sie auch durch ihren Dreifach-Triumph bei den 100 Metern der Frauen Aufsehen erregt.
Der Mexikaner Angel Heredia, Kronzeuge im Balco-Prozess, hatte im SPIEGEL-Interview die Glaubwürdigkeit der gesamten Sprintszene stark bezweifelt. Im olympischen 100-Meter-Finale stehe sicher kein einziger sauberer Athlet am Start: "Es ist ohne jeden Zweifel so. Der Unterschied zwischen 10,0 und 9,7 Sekunden sind die Drogen."
Trotz aller Zweifel an Bolts Leistung: Dass er an diesem Mittwochabend (16.20 Uhr MESZ) auch im 200-Meter-Finale triumphiert, gilt als sicher. Der Jamaikaner scheint übermächtig, bei seinem Weltrekord war er in der Spitze 43,9 Kilometer pro Stunde schnell - ein bisher unerreichter Wert auf 100 Metern. Dabei hatte er sich mit seinem Trainer erst wenige Wochen vor den Olympischen Spielen entschieden, auf dieser Strecke anzutreten. Denn er favorisiert die 200 Meter.
Auch hier demonstrierte er schon im Halbfinale, dass es für ihn im Sprint momentan keine ernsthaften Konkurrenten gibt. Mit spielerischer Leichtigkeit lief Bolt die 200 Meter in 20,09 Sekunden. Der Kreis jener, die Bolt gefährden könnten, ist überschaubar: In den Halbfinals kristallisierten sich Shawn Crawford aus den USA (20,12) und Churandy Martina von den Niederländischen Antillen (20,11) heraus. Gelingt Bolt nun auch noch der Sieg über seine Lieblingsdistanz, ist er der erste Athlet seit Carl Lewis 1984 in Los Angeles, der beide Sprintstrecken für sich entscheiden kann.
Auf dem Spiel steht auch der zwölf Jahre alte Weltrekord von Michael Johnson (19,32). Ob Bolt (Jahresbestzeit: 19,74) die Bestmarke tatsächlich knacken kann, dazu sagte der Jamaikaner nur: "Ich werde alles geben und hoffen, dass das Beste dabei herauskommt."
Von Kritikern wie Unger wird sich Bolt wohl nicht aus der Ruhe bringen lassen - Diskussionen über seine Leistungen ist er ja gewohnt.
fpf/wie/sid/dpa/reuters
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH