Von Jan Reschke
Hamburg - Fassungslosigkeit bei den deutschen Reitern. "Uns war nichts bekannt, wir sind schockiert", sagt der Mannschaftsveterinär Björn Nolting. "Wir haben die Nachricht gestern Abend bekommen und werden die B-Probe morgen öffnen", so Reit-Delegationsleiter Reinhard Wendt im Interview mit der ARD. "Wir waren der Überzeugung, alles Nötige getan zu haben, wir haben alle Reiter informiert."
Beim Pferd des Springreiters Christian Ahlmann war der verbotene Wirkstoff Capsaicin nachgewiesen worden. Ein Mittel, das die Durchblutung in schmerzenden, verhärteten Muskeln fördert und damit Schmerzen und Verspannungen lindert.
Hanfried Haring, Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), sagte: "Ich schwanke zwischen komplettem Unverständnis und Wut. Das ist ein enormer Imageschaden für unseren Sport. Da glaubt doch keiner, dass so etwas vom Himmel fällt."
Außer der deutschen Springreiterequipe sind drei weitere Pferdesportteams von Dopingfällen betroffen. Prominentester mutmaßlicher Betrüger ist der Norweger Tony Andre Hansen. Er hatte im Mannschaftswettbewerb mit nur einem Strafpunkt das beste Ergebnis aller Reiter erzielt. Die Norweger könnten bei einer Bestätigung durch die B-Probe ihre Bronzemedaille an die Schweiz verlieren.
Unter Dopingverdacht stehen zudem der Ire Denis Lynch mit seinem Pferd Lantinus und Bernhard Alves aus Brasilien mit Chupa Chup auf. Auch hier wurde Capsaicin nachgewiesen. Die vier Reiter wurden umgehend suspendiert und durften am Donnerstag am Einzelfinale nicht mehr teilnehmen. "So etwas ist der Super-GAU für unseren Sport. Da muss man sich sicherlich auch Gedanken darüber machen, ob unser Sport weiter eine Chance hat, zur olympischen Familie zu gehören", sagte Peter Hofmann, Vorsitzender des Springausschusses bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN).
Die deutschen Offiziellen versuchen, Christian Ahlmann als Alleinverantwortlichen darzustellen. Doch es bleibt die Frage, warum ein Leistungssportler, der für die Dopingproblematik sensibilisiert sein sollte, einfach ein Medikament benutzt, ohne dies vorher mit dem zuständigen Veterinärmediziner abzuklären. Beispielsweise mit Mannschaftsarzt Nolting, der schon 2004 dabei war, als Ludger Beerbaum wegen des Gebrauchs einer glucocorticoidhaltigen Salbe ebenfalls disqualifiziert wurde und die gesamte deutsche Reiterequipe ihre Goldmedaille zurückgeben musste.
Auch Beerbaums Schwägerin Meredith Michaels-Beerbaum sah sich Dopingvorwürfen ausgesetzt, nachdem während der EM 2007 in Mannheim bei ihrem Wallach Shutterfly Restwerte der verbotenen Substanz Triamcinolon festgestellt worden waren. Damals sagte sie: "Wir sind uns keiner Schuld bewusst. Wir haben alles abgeklärt und die Behandlung den Tierärzten schriftlich angezeigt. Wenn das Doping sein soll, dann kann der Reitsport abgeschafft werden", so Michaels-Beerbaum.
Ihre Reaktion beschreibt das Dilemma, in dem sich die Reiter befinden. Wenn Pferde krank werden oder verletzt sind, benötigen sie Medikamente. Bekommen sie diese jedoch, dürfen sie aufgrund der Nulllösung im Regelfall nicht bei Olympischen Spielen starten. Die Nulllösung besagt, dass auch die geringste Menge einer unerlaubten Substanz bei einem Pferd im Wettkampf einen positiven Dopingtest bedeutet. Das gilt auch für Substanzen, die in der Therapie üblich und notwendig sind.
Grund ist der Tierschutz. Hat ein Pferd eine Verletzung, kann es im Normalfall nicht starten. Durch bestimmte Mittel kann der Schmerz jedoch betäubt werden und das Tier am Wettkampf teilnehmen. Die Verletzung wird dadurch schlimmer. Doch nicht nur deshalb stehen viele Substanzen auf der Dopingliste: "Es ist nicht auszuschließen, dass man auch die Leistung durch Medikamente verbessern kann", sagte Prof. Dr. Wilhelm Schänzer vom Institut für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln SPIEGEL ONLINE.
Es ist schwierig, eine Trennlinie zu ziehen zwischen Dopingmitteln und notwendigen Medikamenten. Grundsätzlich soll die Gesundheit des Pferdes im Vordergrund stehen. Im Fall Ahlmann könnte es aber auch um Schmerzsensibilisierung gehen. Denn Capsaicin, das auch Bestandteil von Chilischoten ist, "kann verwendet werden, um zu sensibilisieren", so der Dopingjäger.
Werden die Fußfesseln mit Capsaicin eingerieben und das Tier springt gegen ein Hindernis, empfinde es den Schmerz intensiver - man hofft, dass das Pferd beim nächsten Mal höher springt. Schon früher gab es Versuche, durch manipulierte Fußfesseln die Leistung zu steigern. Sie wurden mit Jod eingerieben oder aber kleine Glassplitter eingearbeitet, die die Kontaktsensibilität erhöhen.
Die Frage der Schuld bleibt. Ahlmann, der sich mittlerweile auf der Heimreise befindet, als Alleinverantwortlichen darzustellen - es ist für die restlichen Beteiligten sicherlich die einfachste Variante. Ob die Verantwortlichen davon wussten, darüber kann nur spekuliert werden. Zumindest liegt ein Kommunikationsproblem vor. Die unter den Athleten unbeliebte Nulllösung dürfte erneut in die Diskussion kommen.
Mit Material des sid
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