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06.09.2008
 

Behinderte in China

Blindenhunde müssen draußen bleiben

Von Andreas Lorenz, Peking

Erst Olympia, jetzt die Paralympics: Am Samstag beginnen die Wettkämpfe für körperlich Behinderte in Chinas Hauptstadt Peking. Erneut ist der Gastgeber Favorit auf die meisten Goldmedaillen, im chinesischen Alltag sind die Bedingungen für Behinderte jedoch alles andere als rekordverdächtig.

Peking ist eine Stadt ohne Behinderte – zumindest dem äußeren Anschein nach. Rollstuhlfahrer, Blinde, Menschen auf Krücken kommen nur selten auf die Straße, denn die chinesische Hauptstadt behandelt sie schlecht: Busse sind zu voll, um Rollstühle aufzunehmen, nicht alle U-Bahn-Aufgänge haben einen Lift.

Helfer für die Paralympischen Spiele: Die Welt blickt erneut auf Peking
AFP

Helfer für die Paralympischen Spiele: Die Welt blickt erneut auf Peking

In die Bürgersteige sind zwar Markierungen für Blinde eingelassen, doch die enden nicht selten im Nichts. Oder es parken Autos drauf, die das Vorwärtskommen fast unmöglich machen. Blindenhunde sind selten, in Busse und Bahnen dürfen sie nicht hinein.

Ab Sonnabend ist Peking Gastgeber der Paralympischen Spiele für Sportler mit körperlichen Behinderungen. An der Eröffnungsveranstaltung im Pekinger Nationalstadion, dem "Vogelnest", wird Bundespräsident Horst Köhler teilnehmen.

Wie schon bei den Olympischen Spielen möchte sich Chinas Metropole von der besten Seite zeigen. Blindenhunde in öffentlichen Verkehrsmitteln sind nun erlaubt, wenn auch seltsamerweise nur für die Zeit der Wettkämpfe.

Auch 751 Fußgängerampeln mit Signalton gibt es plötzlich, allerdings nur in der Nähe der Stadien und Hallen. In einigen Hotels und in den Stadien, aber auch auf der Großen Mauer und in der Verbotenen Stadt wurden Rampen und Geländer angebracht. Es verkehren auf 17 Strecken behindertengerechte Busse, die ersten 70 Behindertentaxis sind unterwegs. In Stadien und Hallen wurden Schwellen und Stufen beseitigt. 44.000 speziell ausgebildete Freiwillige sollen sich um die Sportler und ihre Betreuer kümmern.

In 20 Sportarten mit 471 Disziplinen messen sich die behinderten Athleten, dazu gehören Boccia, Bogenschießen, Rollstuhl-Basketball. Mehr als 4200 Sportler aus 148 Ländern werden an den Pekinger Spielen teilnehmen, 170 reisen aus der Bundesrepublik an. Wie schon bei den Olympischen Spielen gilt China als Favorit auf die meisten Goldmedaillen. Und wie schon im August passen Umfeld und Spiele nicht zusammen. China gewann 51 Goldmedaillen, obwohl es im Reich der Mitte keinen Breitensport gibt. Jetzt veranstaltet das Land die Paralympics, doch oft sind Behinderte nach wie vor Bürger zweiter Klasse. Das beweisen einige Zahlen: Haushalte mit Behinderten verdienen im Schnitt weniger als die Hälfte als normale Familien. Und rund 43 Prozent aller Behinderten über 15 Jahren können weder lesen noch schreiben, haben also keine Schule besucht.

Von den rund 83 Millionen Behinderten (6,34 Prozent der Bevölkerung) leben die meisten auf dem Land. Nur wenige von ihnen werden medizinisch betreut, oft können sich die Familien die Kosten nicht leisten. "Wir brauchen mehr Geld für Rehabilitation", sagt Shen Zhifei vom staatlichen "Chinesischen Behindertenverband".

Die Lage illustriert der Absatz von Hörgeräten: Nur drei Prozent der in der ganzen Welt verkauften sieben Millionen Apparate wurden in China abgesetzt – ein Land, in dem bis zu 20 Millionen Menschen schwerhörig sind. Erst Mitte der neunziger Jahre wurden Chinas Universitäten verpflichtet, behinderte Jugendliche aufzunehmen. Jobsucher berichten immer wieder, wie sie von Firmen und Behörden abgelehnt werden, obwohl sie eigentlich eingestellt werden müssten.

Hilfe kommt nur aus der Gesellschaft

Besuch bei Anwalt Tian Kun, 34. Der rundliche Jurist arbeitet in einem winzigen Büro im Südosten Pekings und hat sich der Sache der Behinderten verschrieben. Er kämpft zum Beispiel um das Recht geistig Behinderter, sich versichern zu dürfen. Und er versucht, anständige Kompensationen für Arbeiter herauszuschlagen, die bei Werksunfällen verkrüppelt wurden. Vor allem aber will er seine Klientel über ihre eigenen Rechte aufklären und das Bewusstsein der Bevölkerung schärfen. "Die Spiele sind eine gute Gelegenheit für Behinderte, sich zu zeigen, die Gesellschaft zu informieren und Vorurteile auszuräumen", sagt er.

Tian lobt das im Frühjahr verabschiedete "Gesetz zum Schutz von Behinderten", das ihnen unter anderem eine neunjährige Schulbildung garantiert und Arbeitgeber verpflichtet, Behinderte zu beschäftigen. Doch, so Tian: "Es hapert an den Ausführungsbestimmungen." So fehlen vielerorts behindertengerechte Toiletten und fachkundiges Personal. Zudem regelt das Gesetz nicht das Problem der Nicht-Regierungsorganisationen: NGOs, die sich um geistig und körperlich Behinderte kümmern, müssen ihre Aktivitäten stets mit staatlichen Behörden abstimmen. Alles wird von oben nach unten geregelt, Eigeninitiativen der Bürger sind der KP ein Dorn im Auge. "Die Regierung sollte die Entwicklung der NGOs fördern", sagt Tian.

Ohne das tatkräftige Anpacken der Lehrerin Li Juanwang gäbe es zum Beispiel die Sonderschule "Licht des Wissens" nicht. In der Pekinger Vorstadt Changping liegt sie zwischen Feldern und Fabriken. Im Hof sind Gemüsebeete angelegt, in einer Ecke steht ein bunter Plastik-Spielplatz, in der Mitte ein Pavillon. Ende der neunziger Jahre entschloss sich die Pädagogin Li, einen schwerwiegenden Mangel zu bekämpfen: Geistig behinderte Jugendliche bekamen bis dahin nichts beigebracht, mit dem sie ihr eigenes Geld hätten verdienen können.

Ohne viel Fachkenntnisse, dafür aber mit umso mehr Engagement, begann Li Jugendliche zu unterrichten. Sie lernen bei ihr Handarbeiten, kochen und Computer zu bedienen. Inzwischen ist die Schule größer geworden: Sie nimmt auch Kinder aus der Umgebung sowie geistig behinderte Waisen auf. 30 Lehrer kümmern sich um 75 Kinder, der Bezirk schießt Geld zu, zwei Fabriken in der Umgebung stellen Absolventen ein. Geschäfte in der Umgebung gewähren der Schule Rabatt, und die "Leute schauen nicht mehr verächtlich auf unsere Kinder", sagt Li.

In jedem Pekinger Bezirk gibt es mittlerweile Schulen für geistig und körperlich Behinderte. Aber: "Es sollten mehr sein", fordert Li. Sie hofft, dass die Regierung nach den Paralympics den Behinderten "noch mehr Aufmerksamkeit schenkt". Ihre Hoffnung ist nicht unbegründet: Die Special Olympics, wie die ursprünglich aus den USA stammenden Spiele für geistig Behinderte genannt werden, kamen im vorigen Oktober erstmals nach Shanghai. Daraufhin spendierte die Pekinger Stadtregierung Geld und Decken für die Schüler von Frau Li und ließ die Gebäude ihrer Schule anstreichen.

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