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18.09.2008
 

Europa gegen die NBA

Kampf um jeden Spieler

Von Sascha Klettke und Holger Stark

Die NBA ist die beste Basketball-Liga der Welt - doch wie lange noch? Dank Millionengehältern zieht es immer mehr Stars zu Europas Spitzenclubs. Ein Trend, dem in Deutschland selbst Alba Berlin nicht folgen kann. Vor der neuen Bundesliga-Saison gilt der Hauptstadtclub dennoch als Top-Favorit.

Als das Spiel am Dienstagabend zu Ende ging, war es wie beim FC Bayern München in der Fußball-Bundesliga. Kaum hatten die Spieler der Artland Dragons aus Quakenbrück mit einem Kraftakt zum 57:57 ausgeglichen, da zog Alba Berlin leichtfüßig davon, als handele es sich lediglich um ein Trainingsspielchen. 84:69 stand es am Ende für Alba, das mit dem eher unbedeutenden Championscup (Meister gegen Pokalsieger), den ersten Titel dieser Saison gewann.

Ob die Berliner dieses Jahr tatsächlich jene "Übermannschaft" sind, von der nicht nur Quakenbrücks Manager Marco Beens spricht, wird sich an diesem Sonntag zeigen, wenn Alba die Saison der Basketball-Bundesliga mit einem Heimspiel beginnt, erneut gegen die Artland Dragons.

Die Begegnung findet in der Berliner O2-Arena statt, jener so umstrittenen, glitzernden neuen Multifunktionshalle, die bis zu 17.000 Zuschauer schluckt und Ende vergangener Woche mit einem spektakulären Gitarreninferno der amerikanischen Metalband Metallica eingeweiht wurde.

Für Alba ist der Umzug in das Domizil des amerikanischen Milliardärs Philip Anschütz ein Aufbruch in eine neue Ära. "Damit werden wir Standards setzen", prophezeit Albas Manager Marco Baldi, eine Art Uli Hoeneß des deutschen Basketballs.

Standards, eine neue Ära – Baldi meint das doppeldeutig, im sportlichen wie im wirtschaftlichen Sinn. Alba, der neue alte deutsche Meister, der nach vier schwächeren Jahren in diesem Juli erstmals wieder den Titel in die Hauptstadt holte, will eine Serie starten wie 1999, als die Berliner ihren ersten Meistertitel gewannen und anschließend gleich sechs weitere folgen ließen. Und Alba will zurück nach Europa, verlorenen Boden gutmachen.

Alba will nicht nach Europa, Alba muss

Die Welt des Basketballs hat sich in diesem Sommer so schnell verändert, wie die Börse einst zu Zeiten des neuen Marktes, und wer nicht dabei ist, der droht den Anschluss zu verpassen.

Basketball in Europa ist zum Millionenmarkt geworden, mit neuen Hallen, neuen Spielern und neuen Clubs. Nie zuvor war so viel Geld im Spiel, nie zuvor haben die europäischen Vereine so spektakuläre Transfers abgeschlossen. Und nie zuvor ist es europäischen Vereinen so gut gelungen, ernsthaft mit Teams aus der nordamerikanischen Wunderliga NBA wettzueifern, schon gar nicht, wenn es um überragende Athleten ging. "Derzeit tobt ein heftiger Konkurrenzkampf zwischen der NBA und der Europaliga", sagt Baldi. "Die NBA war das Nonplusultra, und dass die Europaliga so weit gekommen ist, dieses Nonplusultra in Frage zu stellen, hätte vor zehn Jahren niemand geglaubt." Baldi spricht von Pieksern, die die Amerikaner derzeit spüren, diesen Sommer waren es gleich mehr als ein Dutzend, die Piekser tragen Namen wie Josh Childress, 25.

Der Forward der Atlanta Hawks sieht aus wie ein spätgeborener Jimi-Hendrix-Jünger, mit einem Afrolook als Frisur, die Childress’ offizielle Größe gut und gerne um weitere zehn Zentimeter erhöhen dürfte. In Atlanta war Childress beliebt, er war einer der besten Einwechselspieler der Liga, er legte vergangene Saison 11,9 Punkte auf und holte fast 6 Rebounds in durchschnittlich 30 Minuten. Er war einer der Stars der jungen Hawks, mit eleganten und athletischen Bewegungen, und wäre alles wie immer gekommen, hätte es vielleicht nicht zu einer ganz großen, aber doch zu einer sehr respektablen Karriere in der NBA gereicht.

Haus, Chauffeur und 22 Millionen

Es kam nicht wie immer, es kamen die Gebrüder Angelopoulos. Die Griechen sind Teil einer milliardenschweren Reederfamilie, und scheinen Freude daran zu haben, Jahr für Jahr Millionen durch die Förderung des Sports zu verbrennen, wenn die Profis von Olympiakos Piräus es ihm mit Renommee und Erfolgen heimzahlen. Über 40 Millionen Dollar darf das Management von Piräus pro Saison verfügen. Und es passierte etwas, was im Basketball einem Erdbeben gleichkommt: ein guter, ein etablierter, ein amerikanischer Basketballspieler in seinen besten Jahren entschied sich freiwillig gegen die NBA und für Europa. Drei Jahre lang soll Josh Childress nun für Olympiakos Piräus punkten, wenn die NBA ihn nicht zurückkauft, dieses Schlupfloch hat sich Childress in seinen Vertrag festschreiben lassen. In Athen hat er einen Chauffeur, er hat ein Haus und er verdient 22 Millionen Dollar, steuerfrei. Willkommen in einer Dimension, die im Sport bislang Herren wie David Beckham oder Cristiano Ronaldo vorbehalten schien.

Der Wechsel von Josh Childress ist der spektakulärste transatlantische Transfer, aber er ist bei weitem nicht der einzige. "Ich habe mit ein paar Spielern gesprochen", sagte Childress nach seiner Verpflichtung, "und es könnte ein Trend werden."

Es ist ein Trend geworden. Neben Childress gehen die spektakulärsten Transfers freilich in Russland über die Bühne. Der Moskauer Vorstadtclub Khimky, geschätzter Etat 28 Millionen Dollar, sicherte sich die Dienste des Argentiniers Carlos Delfino, der zuletzt bei Olympia dadurch auffiel, dass er mit einem melancholischen Blick eiskalt Würfe jenseits der Drei-Punkte-Linie versenkte. In Toronto, bei den Raptors, war Delfino mit 23 Minuten Spielzeit Stammspieler, aber gegen die 13,5 Millionen Dollar, die die Russen für drei Spielzeiten boten, konnten die nordamerikanischen Manager wenig ausrichten. Und damit Delfino sich nicht allzu einsam im kalten Moskau fühlt, stellte ihm das Management mit dem spanischen Weltmeister José Garbajosa einen weiteren Amerika-Heimkehrer an die Seite, von 18 Millionen Dollar für den Mehrjahresvertrag ist die Rede.

Da nehmen sich die vier Millionen US-Dollar, die der Aufbauspieler Jannero Pargo, einst New Orleans Hornets, künftig beim Lokalrivalen Dynamo Moskau (Etat 2007: 27 Millionen Dollar) verdienen wird, ebenso bescheiden aus, wie die 3,4 Millionen, die Virtus Bologna für Earl Boykins zahlt, zuletzt in Diensten der Charlotte Bobcats. Und wenn Virtus Bologna einen NBA-Spieler einfliegt, kann der Stadtkonkurrent nicht abseits stehen, Earl Borron heißt Fortitudo Bolognas Mann aus Amerika, er kommt von den Miami Heat.

Die Liste der Neueuropäer ist lang, auf ihr stehen Namen wie Bostjan Nachbar (New Jersey Nets, jetzt Dynamo Moskau), Juan Carlos Navarro (Memphis Grizzlies, jetzt FC Barcelona), Gordan Giricek (Phoenix Suns, jetzt Fenerbahce Istanbul) oder Dan Dickau (Los Angeles Clippers, jetzt Air Avellino, Italien).

LeBron James: Für 50 Millionen Dollar über den Atlantik

Wie ernst die Entwicklung genommen wird, zeigt ein Statement aus der unmittelbaren Umgebung von LeBron James, dem vielleicht größten Star der NBA, der derzeit Alleinunterhalter bei den Cleveland Cavaliers ist und dessen Vertrag 2010 ausläuft. Natürlich würde James "ernsthaft über ein lukratives Angebot aus Europa nachdenken", ließ James' Umfeld lancieren, um die Definition von "lukrativ" gleich mitzuliefern: Bei 50 Millionen Dollar pro Saison könnte James schwach werden.

Die Frage ist, wie nachhaltig diese Entwicklung ist und ob solche Phantasiesummen dem europäischen Basketball eher schaden als nutzen. Erste Pleiten von Spitzenvereinen wie dem spanischen Team von Girona lassen Böses ahnen. "Die nächsten Jahre werden zeigen, ob das mehr ist als eine Blase", sagt Albas Nationalspieler Johannes Herber. Von einer "Eruption in Europa" spricht Albas Erfolgstrainer Lukas Pavicevic, "aber wir wissen noch nicht, ob das eine Entwicklung ist, die fortgesetzt wird. Wir wissen nur, dass Alba sich dauerhaft in der Europaliga festsetzen muss, um konkurrenzfähig zu bleiben."

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