Manchmal kommt es doch auf die Länge an. Wobei der Größenunterschied und der damit verbundene Reichweitenvorteil für Vitali Klitschko bei seinem gestrigen Sieg im Kampf gegen Samuel Peter sicher nicht kampfentscheidend war. Ich war sehr positiv überrascht von Vitali. Trotz der Verletzungen und der vierjährigen Pause hat er nahtlos an seine alten Leistungen angeknüpft und gezeigt, dass er nach wie vor zu den besten Boxern der Welt gehört. Sicher ist seine unorthodoxe Führhand und die hängende Deckung auf den ersten Blick ein Risiko, doch Vitali hat sich auf seine Reflexe verlassen und seine Taktik konsequent umgesetzt. Das war mutig und erfolgreich zugleich: Peter hatte in den acht Runden, bevor er schließlich entnervt aufgab, nicht den Hauch einer Chance. Das lag auch daran, dass er 17 Zentimeter kleiner ist und kaum an den Kopf von Vitali geschlagen hat. Vielleicht hätte sich Vitali an diesem Abend über einen Brustschutz, wie wir Frauen ihn beim Boxen tragen, gefreut. Das einzige, was am Ende leicht geschwollen und rot war, war sein Oberkörper. Sein Gesicht sah so makellos aus wie auf den Wahlplakaten für das Bürgermeisteramt der ukrainischen Hauptstadt Kiew, für das er 2006 kandidierte.
Das konnte man von Peter ganz und gar nicht behaupten. Ich saß direkt hinter seiner Ecke, in der schnell Eiszeit herrschte. Schon nach zwei Runden konnte man ihm deutlich ansehen, dass er keinen Spaß mehr daran hatte, von Vitali verprügelt zu werden. Auch sein Trainer zuckte meist nur hilflos mit den Achseln. Spätestens nach der vierten Runde war dann wohl auch ihm klar, dass es ein aussichtsloses Unterfangen war. Denn neuerdings werden sowohl nach der vierten als auch nach der achten Runde die Punktestände bekanntgegeben. Ich finde die alte Regel besser, weil die Kämpfe länger spannend bleiben.
Allerdings hätten geheime Punktevergaben beim gestrigen Kampf auch nichts mehr gerettet, zu offensichtlich war Vitalis Dominanz. So hieß es erst 0:4 und dann 0:8 aus der Sicht Peters, der nach der achten Runde völlig erschöpft aufgab. Dafür, dass sich der Nigerianer vor dem Kampf ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt hatte, hing er am Ende ganz schon versunken und zerbeult in den Seilen.
Auf der anderen Seite feierte Vitali ausgelassen mit seinem Bruder Wladimir, dass beide jetzt drei von vier großen WM-Titeln innehaben und nach zwölf Jahren endlich ihren großen Traum verwirklichen konnten, gemeinsam Weltmeister zu sein. Bei mir überwog die Erleichterung, dass Vitalis Gesundheit mitgespielt hatte. "Gott sei Dank ist nichts passiert", war mein erster Gedanke.
Später am Abend wurde meine Freude kurzfristig doch noch ein wenig getrübt. Vitali kam und kam nicht zu seiner eigenen Party, dann hieß es auf einmal, er sei im Krankenhaus. Am Ende dann die Entwarnung: Er war nur vorsorglich wegen eine Blessur an der Kapsel untersucht worden. Gegen drei Uhr morgens stürzte auch er sich dann ungehemmt ins Getümmel und feierte ausgiebig mit seinem Bruder den historischen Triumph. Die Klitschkos sind im Schwergewicht eben momentan das Maß aller Dinge, an den beiden wird so schnell keiner vorbei kommen.
Ohne die Leistung von Vitali schmälern zu wollen: Ich mache mir ein wenig Sorgen um die Gewichtsklasse, der nach und nach die ganz großen Namen ausgegangen sind. Mittlerweile spielt sich das Schwergewichtsboxen fast nur noch in Europa ab, aus Amerika kommen so gut wie gar keine echten Typen mehr. Das war früher anders. Woran das liegt, kann ich auch nicht so genau sagen.
Vielleicht sehen wir ja wenigstens bald einen alten Bekannten wieder. Evander Holyfield soll angeblich im Dezember gegen Nikolai Walujew um den WBA-Titel boxen. Das ist übrigens der einzige Gürtel, der den Klitschkos noch in ihrer Sammlung fehlt. Walujew soll den Kampf als "lächerlich" bezeichnet haben und wolle nicht der Gegner beim Comeback des 45-jährigen Holyfield sein. Eine sehr mutige Entscheidung. Ich bin gespannt, wie der Gegner der Klitschkos auf dem Weg zur absoluten innerfamiliären Titelvereinigung heißen wird und ich bin mir sicher, dass die Klitschkos irgendwann alle vier Gürtel haben werden.
Erstmal freue ich mich aber auf einen wahren Box-Marathon zum Ende des Jahres. Am 1. November trifft Mittelgewichts-Weltmeister Felix Sturm im WBA-Titelkampf in Oberhausen auf Sebastian Sylvester. Nur 14 Tage später findet dann der Kampf zwischen meinen alten Universum-Kollegen Alexander Dimitrenko und Luan Krasniqi statt, die am 15. November in Düsseldorf um den WBO-Interkontinental-Titel im Schwergewicht kämpfen. Der Höhepunkt ist aber sicherlich Wladimirs IBF-Titelverteidigung gegen Alexander Powetkin am 13. Dezember. Wenn es nach der Länge geht, steht der Sieger schon fest: Wladimir misst zehn Zentimeter mehr als sein russischer Gegner.
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