ThemaBoxenRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Kickbox-Weltmeister Özbek Narben im Gehirn

2. Teil: Diagnose Demenz - und das bittere Ende in Buxtehude

Vergangenen Sommer brach Özbek in seiner Heimatstadt Stade zusammen. "Ich habe die Gullydeckel gezählt, um nach Hause zu finden", sagt er. "Du hast 30 Jahre deinem Körper weh getan, jetzt nimmt er Rache", schwante es dem Boxer.

Er fuhr zu einem Arzt nach Berlin. Dessen Diagnose war eindeutig: Schwere Vernarbung der rechten Gehirnhälfte. Demenz. "Die gesamte Rückfahrt hab’ ich geheult", sagt Özbek. Wohl bis an sein Lebensende wird er Medikamente nehmen müssen – im Moment "was gegen Alzheimer", sagt Özbek, dessen Satzenden im Gespräch mitunter ins Taumeln geraten.

Genaugenommen nimmt er ein Neuroleptikum, was eigentlich bei chronischer Schizophrenie eingesetzt wird. "Ich war der Blitz", sagt Bruce Özbek. "Aber jetzt hat er bei mir eingeschlagen."

Fast täglich schaut sich Özbek in seiner kleinen Wohnung einen Film übers Boxen an. Er wohnt nicht mehr zuhause, weil er die Kinder nicht stören will, wenn er wieder vor Nackenschmerzen wach liegt und nicht schlafen kann. Er gehe "ins Büro", sagt er ihnen.

Der Film heißt "Journeyman" und Özbek kann ganze Passagen daraus auswendig. Es ist ein Film über einen Boxer, der jederzeit bereit war, zu kämpfen. Den jeder Promoter für kleines Geld anrufen konnte. Der seinen Kopf hinhielt und verlor. Und der Journeyman in diesem Film ist er, Bruce Özbek, der Mann für alle Fälle.

Auf der Suche nach einem Journeyman habe er sich einige Boxer angesehen, sagt Regisseur Dirk Rübesamen. Bei einem Kampf in Köln habe Özbek seinen Gegner am Rande eines K.o.'s gehabt – und ihm dann über den Kopf gestreichelt. Der kam wieder zu sich und prügelte in der Folge dermaßen auf Özbek ein, dass er den Regisseur nach dem Kampf nicht mehr erkannte. "Da wusste ich, der ist es", so Rübesamen.

Besoffen im Ring - gegen den späteren Weltmeister

Zwei Jahre begleitete der Filmemacher den Boxer. Er war dabei, als Özbek vor drei Jahren damit begann, eine CD zu besingen, die immer noch nicht fertig ist. Er filmte Kämpfe, die beim Ansehen Schmerzen verursachen. Gegen den späteren WBA-Weltmeister Stipe Drews wurde Özbek nur Stunden vor dem Kampf verpflichtet. "Da war ich schon besoffen", erinnert er sich. Mitunter ging es Samstag zum Boxen, Sonntag zum Kickboxen und Montag zum Sparring.

"Oft hab’ ich die Kämpfe nicht verloren, weil ich zu schwach war, sondern weil ich kein Management hatte", sagt Özbek. Und das falsche Timing. "Ein paar Jahre früher, zur Maske-Zeit, da wäre Özbek dabei gewesen", glaubt Rübesamen.

Am Anfang sah es gar nicht schlecht aus für Özbek. Die ersten drei Boxkämpfe gewann er durch K.o. Im vierten Kampf traf er in Hamburg auf Ahmet Öner. Es war der 24. Februar 2001. Der Kampf ging über acht Runden. Wenn Özbek heute die Aufzeichnung des Kampfes sieht, ist er sicher: "Die haben mich beschissen." Und wer die letzte Runde sieht, wird ihm recht geben: Öner kann sich, schwer getroffen, kaum auf den Beinen halten, Nach dem Schlussgong eiert er in seine Ecke, während Özbek den Zuschauern Highkicks und seinen Spagat serviert.

In den Runden davor jedoch hatte Öner leichte Vorteile. Und im Leben danach ziemlich schwere. Knapp ein Jahr nach dem Kampf beendete er frühzeitig seine Box-Karriere und wurde Manager des jungen Arena-Boxstalls. Er fährt schwere Autos, schleust junge kubanische Boxtalente nach Hamburg und ist regelmäßig in der "Bild"-Zeitung, auch weil es in seiner Nähe öfter mal zu Rangeleien kommt. Er hat auch den nächsten Gegner von Witali Klitschko unter Vertrag, ein Kampf, der Millionen einbringen wird.

Özbek, der damals trotz seines Alters noch als Aspirant auf Titelfights gehandelt wurde, hat der Kampf gegen Öner zum Journeyman gemacht. Zwei zu eins Richterstimmen gegen ihn hieß es damals. Es war der schleichende Beginn einer schweren Körperverletzung, die ein Arzt erst sechs Jahre später beendete. Es war der Preis für einen Sport, der massenhaft Opfer auf der Strecke lässt – Typen wie Özbek, denen der kurze Glamour das Timing für den rechtzeitigen Ausstieg genommen hat.

Keiner will ihn sehen - das bittere Ende

Zu seinem letzten Kampfabend hat Bruce Özbek auch Ahmet Öner eingeladen. Özbek nennt den Abend nur "Benefizveranstaltung", denn es soll Geld zusammenkommen, damit er ein Box-Gym eröffnen kann.

Doch am vergangenen Freitag will sich die Schützenhalle in Buxtehude nicht füllen. Statt 2000 sind nur gut 300 Gäste gekommen. Özbek hat Tränen in den Augen. Der Veranstalter sagt, er habe 10.000 Euro vorgestreckt, die er erstmal reinholen müsse. Für Özbek, der noch zwei kurze Kämpfe macht, sollen nur rund 1000 Euro abfallen. Von Gym ist keine Rede mehr.

Ahmet Öner ist nicht gekommen und auch nicht Klaus-Peter Kohl vom Boxstall Universum, für den Özbek jahrelang den Kopf hingehalten hat.

In Özbeks Ringecke steht Wolfgang Schüler, ein "Hotelier" aus der Nähe von Stade. Schüler hat Özbek mal zu einem Kampf begleitet, der laut Özbek in Cottbus stattfinden sollte, tatsächlich aber in Coburg war. Der Hotelier hat in der Nähe des alten Atomkraftwerks Stade einen Nachtclub eröffnet – die nächsten Jahre, in denen das AKW zurückgebaut wird, müssen ständig Arbeiter vor Ort sein, so sein Kalkül.

In der Schützenhalle sind viele Freunde von Schüler. Mehr oder weniger sind sie auch Freunde von Özbek. Sie tragen relativ aufwendige Ketten und Ringe aus Gold. Bruce Özbek besaß sogar mal einen kleinen Boxhandschuh aus Gold. Er war ein Geschenk seiner Frau. Ein Glücksbringer, den er an einer Halskette trug.

Er hat ihn irgendwann in ein Leihhaus gebracht.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
alles zum Thema Boxen

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP