Regen peitscht über das Hamburger Millerntor. Der Himmel ist grau, die Kälte kriecht von den spakigen Holzdielen der Gegengeraden nach und nach die Beine hoch. Trotz Handschuhen habe ich die Finger unter den Unterschenkeln eingeklemmt, vor mir schimpft ein Rentner mit Totenkopfmütze. Eigentlich ist der Nikolaus bereits seit einem Tag Vergangenheit, doch auf St. Pauli gibt es auch am 7. Dezember Geschenke. In der 70. Minute der Partie zwischen dem FC St. Pauli und der TuS Koblenz springt der Hamburger Verteidiger Ralph Gunesch seinem Gegenspieler Matthew Taylor in den Rücken. Beim Stand von 1:1 gibt es einen unstrittigen Elfmeter, Matej Mavric verwandelt zum 1:2. Was für ein dummes Foul, was für ein unnötiger Rückstand.
St. Pauli-Stürmer Sako (3.v.r.): Matchwinner gegen Koblenz
In der 76. Minute ist es dann soweit. Der 2,02-Meter-Mann, der vor knapp zwei Jahren vom AFC Rochdale aus der vierthöchsten englischen Spielklasse ans Millerntor kam, brachte es seither auf ein Tor in der Liga und eins im Pokal. Das alleine wäre natürlich kein Kriterium für meine Abneigung. Es ist vielmehr, dass Sako technisch arg limitiert ist und trotzdem ständig eingewechselt wird. Trotz seiner Größe ist ein Kopfballspiel bei ihm nicht existent, wenn er versucht zu flanken, muss man sich Sorgen um sein Auto auf dem benachbarten Heiligengeistfeld machen. Kurzum: Mit Fußball haben seine Einsätze meist nicht viel zu tun.
"Wolltest du nicht gehen?", fragt einer von unzähligen Sako-Sympathisanten mit einer gehörigen Portion Besserwisserei in der Stimme und piekt mir mit dem Finger in die Seite. "Ja ja, großes Maul, nichts dahinter", klage ich mich selber an und friere weiter in meiner Sitzschale ganz außen auf der Gegengeraden. Die Zeit läuft gegen uns, sechs Minuten bleiben noch. Da plötzlich, Gewühl im Strafraum, Ebbers bekommt den Kopf an den Ball, der springt zwei Hamburgern vor die Füße, einer von ihnen zieht ab und trifft. Erst beim Jubeln merke ich, dass es Sako war, der den Ausgleich erzielt hat.
Die folgenden Minuten bis zum Schlusspfiff werden die Hölle für mich. "Wolltest du nicht schon zu Hause sein", ist noch das netteste, was mir die Sako-Sympathisanten entgegenbringen. Kurz vor dem Ende der Nachspielzeit wird es dann noch einmal hektisch. Ich sehe Sako, der mit einem Kopfball knapp am gegnerischen Torwart scheitert und dann sehe ich, wie Marcel Eger den Abstauber ins Netz drischt - zum 3:2. Was für ein Jubel. Einer der Sako-Sympathisanten erdrückt mich fast. Da hatte also wirklich dieser Morike Sako soeben das Spiel nicht nur gedreht, sondern auch mit entschieden.
Beim Rausgehen höre ich die Gegengerade "You'll never walk alone" singen. Kurzzeitig steigt in mir das Gefühl der guten alten Zeiten auf, als dieses Lied nach einem Bundesliga-Sieg gegen Bayern durch das Stadion hallte. "Wer soll uns jetzt noch stoppen", denke ich in Bezug auf einen möglichen Bundesliga-Aufstieg. Zu Weihnachten wünsche ich mir warme Handschuhe - und ein Sako-Trikot.
Mike Glindmeier
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