Aus Mannheim berichtet Susanne Rohlfing
Vitali Klitschko ist sauer. So sauer, dass seine Kiefermuskeln zucken wie bei einem Raubtier kurz vor der tödlichen Attacke. Obwohl Wladimir Klitschko unversehrt und fröhlich lächelnd neben ihm sitzt, obwohl der jüngere Klitschko das Schwergewichtsboxen gerade einmal mehr zu einem präzisen, emotionslosen Handwerk umfunktioniert hat, ist der brüderliche Verteidigungsinstinkt im älteren der beiden Ukrainer zum Leben erwacht. Der Grund ist nicht Hasim Rahman aus den USA, gegen den Wladimir Klitschko Samstagnacht durch technischen K.o. in der siebten Runde seine beiden Weltmeistergürtel lässig verteidigte. Der Grund ist ein Presseartikel.
Doch dazu später mehr.
Der Titel des Kampfabends auf Plakaten und dem Programmheft hatte viel versprochen, "X-Plosive" sollte es zugehen in der Mannheimer SAP-Arena. Tatsächlich sahen die 13.000 Zuschauer eine Menge Brimborium vor dem ersten Gong. Schauspieler Michael Mendel schürte in einer gekonnten Inszenierung mit viel Pathos die Spannung. "Du bist allein. Keine Generalprobe, kein doppelter Boden." Worte wie diese klangen aus den Lautsprechern und sollten den Zuschauern Klitschkos mögliche Gedanken kurz vor dem Kampf nahebringen.
Doch dann ging es los, und schnell war klar, dass an diesem Abend im Ring nichts mehr explosiv werden würde. Rahman trat auf wie ein Lamm, das die Übermacht des Wolfes resigniert anerkennt. Er versuchte nicht einmal, ein Mittel gegen die gnadenlose Führhand seines Gegners zu finden.
Die Zuschauer pfiffen und verließen am Ende enttäuscht die Halle. "Da war ein bisschen wenig Gegenwehr vom Gegner", sagte Fritz Sdunek, der Trainer von Vitali Klitschko. Henry Maske formulierte es so: "Ein Haken in der ersten Runde hat Rahman so erschreckt, dass er merkte: Hier steht ein Baum vor mir und nicht eine kleine Borke." Wladimir Klitschko selbst hielt sich gar nicht erst lange mit Worten über den Kampf gegen Rahman auf. Er versprach lieber mehr Spannung für die Zukunft: "2009 wird ein ganz tolles Jahr."
Doch wer soll das sein, der einen Wladimir Klitschko fordert und dabei mehr ist als ein wehrloses Opfer? Fritz Sdunek sieht nur einen, der das könnte: "Vitali." Der andere Weltmeister der Familie. "Aber das geht ja leider nicht." Wie könnte der Ältere gegen den Jüngeren in den Ring steigen und diesen verprügeln - wenn schon ein Pressebericht den Beschützer in Vitali Klitschko auf den Plan ruft?
Jener zornerregende Pressebericht findet sich in der britischen Ausgabe der Zeitschrift "Men's Health". David Haye, ehemaliger Cruisergewichtsweltmeister aus London, sagte darin, er wolle sich den Kopf von Wladimir Klitschko holen. Bebildert wurde diese Aussage mit einer Fotomontage, die Haye mit Klitschkos abgerissenem Kopf zeigt.
"Ein großartiges Bild", sagt Haye und grinst.
"Ich habe eine Gänsehaut bekommen", sagt dagegen in den frühen Morgenstunden des Sonntags Vitali Klitschko. Wütend starrt er Haye an, der in Mannheim am Ring sitzt und sich im Gegensatz zu Hasim Rahman später auch auf der Pressekonferenz blicken lässt. "Da wurde eine Grenze überschritten, dafür wird David Haye bestraft, und zwar von mir", sagt Vitali Klitschko.
Haye ist das recht. "Warum soll ich den kleinen Bruder nehmen, wenn ich den großen, gefährlichen kriegen kann?" Er hat seine drei Titel im Cruisergewicht niedergelegt, um ins Schwergewicht aufzusteigen. "Ich will wieder für Aufregung sorgen", sagt er.
Seinen ersten Kampf in der neuen Gewichtsklasse gegen Monte Barrett gestaltete Haye siegreich und spektakulär. Er selbst war einmal am Boden, Barrett fünfmal. In der fünften Runde war Schluss. "Ich bin erst seit einer Viertelstunde Schwergewichtler und hatte schon fünf Knock-downs." Haye ist selbstbewusst, so viel steht fest.
Doch der Brite wiegt keine hundert Kilogramm, ihm fehlt die Erfahrung mit Gegnern, die 15 Kilo schwerer sind als er. Alexander Powetkin, der ursprünglich am Samstag gegen Klitschko boxen sollte, aber verletzungsbedingt absagen musste, könnte mal zu einem ernsthafteren Gegner für die Klitschkos werden, glaubt Fritz Sdunek. "Aber am Ende wird er das gleiche Debakel erleben wie Rahman." Für Henry Maske ist Ruslan Tschagajew einer, der in einen Kampf gegen einen Klitschko "eine ganz andere Gefahr" einbringen könnte. Aber letztlich seien die Brüder aus der Ukraine "im Moment das Maß der Dinge und zu Recht auf dem Schwergewichtsthron". Trostlose Zeiten.
Die Szene steckt in einem Dilemma. Zwei schillernde Stars allein reichen nicht aus, um der aufkommenden Langeweile Einhalt zu gebieten. Wie sollen die Zuschauer begeistert werden, wenn das Geschehen im Ring zur Nebensache wird, wenn Explosivität im Drumherum inszeniert werden muss? Die Versuche, das Schwergewicht wiederzubeleben, wirken hilflos. In Mannheim gab Ex-Weltmeister Riddick Bowe, 41, ein bemitleidenswertes Comeback. Am kommenden Samstag fordert in Zürich Ex-Weltmeister Evander Holyfield, 46, den russischen Weltmeister Nikolai Walujew. Holyfields Name zählt dabei mehr als die Tatsache, dass er zuletzt gegen Sultan Ibragimow schon alles andere als eine gute Figur gemacht hatte.
Unbestritten der Star unter den möglichen Heilsbringern ist Lennox Lewis. Er wird umworben wie eine reiche Witwe. Eigentlich will er gar nicht wieder in den Ring steigen, eigentlich ist er sehr zufrieden mit seinem Job als Kommentator beim amerikanischen Bezahlsender HBO. In Mannheim sah er dennoch so aus, als stünde er wieder im Training. Noch ziert er sich, sagt weder klar Ja noch Nein. 100 Millionen Dollar hat der 43-Jährige für sein Comeback gefordert.
Fast sieht es so aus, als sei die Hoffnung auf Rettung aus der Vergangenheit im Schwergewicht inzwischen schon so viel wert.
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