Aus Zürich berichtet Pavo Prskalo
Für einen kurzen Moment lang schien Tommy Brooks den Glauben an die Gerechtigkeit auf dieser Welt verloren zu haben. Evander Holyfields Trainer schlug die Hände über seiner schwarzen Baseballmütze zusammen und rannte wild umher. "Ich kann das nicht fassen", ließ er seine Mitstreiter im Boxring wissen. Kurze Zeit später besann er sich dann wieder, packte seinen Schützling am Handgelenk und riss dessen linke Faust in die Höhe. Das Publikum im Zürcher Hallenstadion feierte Holyfield, einige der 12.000 Zuschauer hielten Plakate in die Luft, "Evander - yes we can" und "Holyfield, you are the champion" war da zu lesen. Dabei hatte dieser gar nicht gewonnen.
Walujew verließ nach zwölf Runden den Ring und wurde wenig später als Champion der World Boxing Association (WBA) bestätigt. Das war es, was Brooks so auf die Palme brachte. Immerhin ein Ringrichter, Guillermo Perez aus Panama, hatte den spannenden, wenn auch wenig hochklassigen Fight unentschieden gewertet (114:114).
Die beiden anderen Juroren stimmten gegen Holyfield (114:115 und 112:116) und besiegelten somit dessen zehnte Niederlage im 54. Profikampf. "Jeder hat gesehen, dass wir gewonnen haben", sagte Coach Brooks später, "ich weiß nicht, welchen Kampf die Ringrichter verfolgt haben."
Holyfield selbst nahm's weit weniger emotional. Er schüttelte kurz den mit Schweißperlen übersäten Kopf und bedankte sich artig beim Publikum für die Unterstützung. Klar habe er sein Ziel verfehlt, mit 46 Jahren George Foreman als ältesten Schwergewichtsweltmeister der Boxgeschichte abzulösen, sagte der US-Amerikaner aus Atlanta. "Das kann ich aber immer noch schaffen. Mein Ziel ist nach wie vor der Titel." Mit Mitte 40 ans Aufhören denken? Niemals.
Wenig später auf der Pressekonferenz sitzt Holyfield mit seinem charismatischen Lächeln vor den Journalisten. Er sieht aus wie vor dem Kampf. Keine Spur von Schwellungen oder Schrammen. "Mir geht es großartig", sagt der Mann, der in seiner Karriere viermal Weltmeister war, zuletzt vor acht Jahren. Vielleicht ist er in diesem Moment selbst erstaunt, dass er es mit dem 2,13 Meter großen russischen Riesen derart gut aufnehmen konnte.
Was war vor dem Kampf nicht alles über Holyfields Gesundheitszustand spekuliert worden. Zwar bekam er von den Ärzten grünes Licht, doch wilde Gerüchte über Herzprobleme, eine Sehschwäche und viel zu langsame Reaktionen machten die Runde. Einige Kritiker hätten wohl am liebsten noch vor dem Kampf einen Krankenwagen für Holyfield bestellt, um Schlimmeres zu verhindern. Doch der Veteran hat sie eines Besseren belehrt. "Respekt, wenn einer in dem hohen Alter noch so boxen kann", sagte der deutsche Weltmeister im Mittelgewicht, Artur Abraham, der mit seinen 28 Jahren Holyfields Sohn sein könnte.
Ein Lob für Holyfield, das zugleich ein Abgesang auf das Schwergewicht ist. Es spricht jedenfalls nicht für die Qualität der bedeutendsten Klasse, wenn ein Boxer, dessen besten Jahre (mindestens) zehn Jahre zurückliegen, einen Kampf gegen einen Weltmeister zeitweise dominiert. So geschehen in den ersten drei Runden, als Holyfield mit seiner Rechten Walujew ein ums andere Mal überraschte. Als Holyfield ab Durchgang sechs die Puste ausging, beschränkte er sich auf eine gute Aktion pro Runde. Das reichte, um über die Zeit zu kommen.
Walujew, dem im Gegensatz zu den Weltmeister-Brüdern Klitschko ohnehin ein richtiger Punch fehlt, verpasste es immer wieder, trotz einiger guter Treffer in den zweiten Hälfte des Kampfes nachzusetzen. Die lautstarken Aufforderungen dazu aus seiner Ecke um Coach Alexander Simin ignorierte er einfach. Selbst in der letzten Runde, als sich Holyfield kaum noch auf den Beinen halten konnte, scheute der elf Jahre jüngere, 24 Zentimeter größere und 39 Kilogramm schwerere Russe das Risiko.
Hohn und Spott vom eigenen Promoter
Hohn und Spott waren die Folge. Nicht nur vom Publikum in der Halle, das Walujew nach dessen 50. Sieg im 52. Profikampf mit einem Pfeifkonzert verabschiedete, sondern sogar vom eigenen Promoter. "Ein Unentschieden wäre wohl gerechter gewesen", sagte Wilfried Sauerland und verzichtete auf das sonst übliche Schulterklopfen nach einem Sieg. "Evander ist ein Ausnahmeathlet", sprach Sauerland über den Unterlegenen, "er hat viel getanzt, allerdings wenig geschlagen." Walujews Leistung kam nicht zur Sprache, wahrscheinlich weil dieser nach Meinung des Promoters auf Tanzen und Schlagen zugleich verzichtete.
Immerhin versuchte der Geschäftsführer des Sauerland-Boxstalls, Christian Meyer, der Vorstellung noch etwas Gutes abzugewinnen. "Das war eine spannende Kiste, das schreit ja nach einem Rematch." Walujew soll nun zunächst gegen Ruslan Tschagajew antreten, der nach seiner Achillessehnenverletzung den WBA-Titel abgeben musste und nun das Recht auf einen WM-Kampf gegen Walujew hat. Danach sei dann Holyfield dran, sagte Meyer, wieder in Zürich als Austragungsort.
Holyfield dürfte eine Wiederauflage freuen. In Europa kann er seinen Namen noch verkaufen, in den USA will ihn niemand mehr kämpfen sehen. 750.000 Dollar hat Holyfield, der ja irgendwie auch seine große Familie (elf Kinder von drei Frauen) durchbringen muss, für seinen Auftritt gegen Walujew bekommen. Die gleiche Summe, so er denn dann das Okay von den Ärzten bekommt, dürfte es auch bei einem Rematch sein. Viel Geld für einen tanzenden Box-Opa, der wenig schlägt.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Boxen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH