Von Sascha Klettke und Holger Stark
In der Schlusssekunde ließ es Immanuel McElroy krachen. Unbedrängt hob er vor dem Korb von Joventut Badalona ab und stopfte den Ball durch das Netz. Danach stand es 79 zu 74 für McElroys Team Alba Berlin. Erstaunen machte sich breit in der europäischen Basketball-Szene. "Kaum jemand hatte geglaubt, dass eine deutsche Mannschaft ein spanisches Spitzenteam in einem wirklich entscheidenden Spiel schlagen würde", so die Reaktion von Alba-Manager Marco Baldi auf die zahlreichen Glückwunsch-SMS, die auf seinem Handy eintrudelten.
Bei dem Spiel ging es um die Vorentscheidung, wer am heutigen Donnerstag ins "Top 16" einzieht. Gewinnt Alba auch gegen die Mannschaft aus der slowenischen Hauptstadt Ljubljana, dann ist der deutsche Meister sicher weiter. Und sollte Badalona verlieren, dann ist Berlin selbst bei einer eigenen Niederlage in der nächsten Runde.
"Die Euroleague ist eine der stärksten Basketball-Ligen der Welt. Wenn man in die nächste Runde kommt, dann ist das Team unter den besten der Welt", erklärt Alba-Guard Casey Jacobsen, was den Spielern der Einzug ins "Top 16" bedeuten würde, "die Spieler dieser Mannschaft gehören dann auch zu den besten auf der Welt". Das langfristige Ziel der Berliner Clubführung ist, sich nachhaltig unter den 16 besten in der Europaliga festzusetzen. "Wenn es in diesem Jahr schon klappt, wäre das natürlich toll", sagt Baldi SPIEGEL ONLINE.
Die große Freude über den Sieg in Badalona ist inzwischen wieder einer gewissen Anspannung gewichen. "Wenn wir gegen Ljubljana verlieren, dann sind wir ganz schnell der Depp der Nation", warnt Baldi. Dass die Mannschaft gegen Union Olimpija verlieren kann, hat sie schon beim Hinspiel bewiesen: Es endete 77 zu 69 und war das einzige Spiel, dass Ljubljana in dieser Euroleague-Saison gewonnen hat. Doch Alba-Spieler Casey Jacobsen ist optimistisch, dass seine Teamkollegen und er es zu Hause in der Arena am Ostbahnhof besser machen. Immerhin habe die Mannschaft gleich eine doppelte Motivation: "Wir wollen in die nächste Runde und Revanche für das Hinspiel."
Der Kampf um die Spitze im europäischen Basketball hat viele Disziplinen: Der sportliche Wettkampf auf dem Parkett ist nur eine von ihnen. Bei einer anderen ist Alba sogar europäischer Spitzenreiter: den Zuschauerzahlen. Die ersten vier Heimspiele sahen im Durchschnitt 11.256 Besucher – eine fast doppelt so hohe Quote wie beim Rest der Liga.
Zahlungsschwierigkeiten in Moskau
Auch in anderen Bereichen sieht sich Alba weit vorne: "Bei der Infrastruktur und der Organisation des Clubs sind wir führend in Europa", sagt Baldi selbstbewusst. Dennoch stehen die Berliner beim Thema Finanzen nur auf den hinteren Rängen der Euroleague-Teams. Alba hat zwischen sieben und acht Millionen Euro zur Verfügung. "In den vergangenen Jahren hatten wir ein stetiges Wachstum. Das wird sich wahrscheinlich nicht fortsetzen. Im Moment rechnen wir damit, dass der Etat auf dem derzeitigen Niveau bleibt", erklärt Baldi. Auch das Ziel, das Budget bis zum Jahr 2010 auf zehn Millionen aufzustocken, ist wohl nur noch schwer zu erreichen.
Dabei geht es den deutschen Vereinen im internationalen Vergleich noch rosig. Vor allem in Osteuropa, wo diverse Spitzenteams von russischen Oligarchen oder potenten Sponsoren aus der Industrie abhängig sind, ist die Lage ernst. Selbst Andrey Vatutin vom Traditionsklub ZSKA Moskau, mit einem Jahresetat von 40 Millionen Euro ökonomischer Primus in Europa, räumte Ende des Jahres gegenüber russischen Medien finanzielle Engpässe ein, noch sei der Verein aber in der Lage, die Gehälter zu begleichen. Anderen Clubs geht es bereits deutlich schlechter. Von "temporären Zahlungsschwierigkeiten" spricht der Generaldirektor des Lokalrivalen Khimky Moskau (Etat: geschätzte 25 Millionen Euro) und appellierte präventiv schon mal an den Lokalgouverneur, eventuell mit einer Bürgschaft einspringen zu müssen.
Bei Triumph Lubertsy, einer Mannschaft aus der Moskauer Region, die in der EuroChallenge gegen die Frankfurt Skyliners angetreten war, sind die Gehälter im Verzug. Und auch bei Vereinen wie dem ambitionierten ukrainischen Team von BC Kiev, wo der ehemalige Kölner Trainer Sasa Obradovic an der Seitenlinie steht, kriselt es. Gut zwölf Millionen Dollar hat Kiev alleine für Top-Spieler wie James "Scoonie" Penn investiert. Nun ist unklar, welche Gehälter wann gezahlt werden und welcher Spieler die Saison auch bei dem Verein beendet, wo er sie begonnen hat. Den deutschen Vereinen kommt jetzt zugute, was jahrelang als Malus galt: Sie finanzieren sich durch einen Mix aus Sponsoring, Eintrittskarten- und Fanartikel-Verkauf und nicht aus den Zahlungen von einzelnen Gönnern oder Firmen.
Ob die Finanzkrise dazu führt, dass die enorm gestiegenen Spielergehälter wieder sinken? "Das hängt davon ab, ob Spieler und Agenten weiterhin Millionen-Verträge abschließen, auch wenn sie wissen, dass die komplette Gehaltssumme vielleicht nicht gezahlt wird", sagt Marco Baldi von Alba, "dann wird es auch nächste Saison so hohe Abschlüsse geben." Abschlüsse, die dieses Jahr dazu geführt haben, dass der europäische Basketball erstmals mit der amerikanischen Superstar-Liga NBA konkurrieren konnte.
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