Die Klassiker mag Thomas Campana besonders. Wenn seine Fahrer über das Kopfsteinpflaster von Paris nach Roubaix rattern oder sich im strömenden Regen über die Schlaglochpisten Flanderns quälen, dann schaut der Teamchef des schweizerischen Cervélo-Rennstalls ganz genau hin. Nicht unbedingt nur auf die Athleten, sondern vor allem auf ihre Räder. "Wo das Material entscheidend ist, setzen wir unsere Rennschwerpunkte - und danach haben wir auch unsere Mannschaft zusammengestellt", sagt Campana im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Aussage verblüfft zunächst. Zwar nennt sich Cervélo, das ausschließlich aus der Fahrrad-Industrie gesponsert wird, ausdrücklich "Test Team" und soll vor allem belastbare Ergebnisse für die Hersteller liefern. Tatsächlich firmiert der Rennstall aber als Profiteam der zweithöchsten Kategorie mit einem Etat von etwa neun Millionen Euro für die Männer- und Frauenmannschaft. Und das Personal besteht keinesfalls nur aus ambitionierten Testfahrern.
Kapitän der Männer-Equipe ist niemand geringeres als der Spanier Carlos Sastre, der im vergangenen Jahr die Tour de France gewann. Als Top-Sprinter hat Cervélo den Norweger Thor Hushovd verpflichtet, der 2005 das Grüne Trikot des Punktbesten bei der Frankreich-Rundfahrt gewann und gerade bei der gut besetzten Tour of California, die an diesem Wochenende zu Ende geht - einen Etappensieg feierte. Das Frauenteam führt Weltmeisterin und Olympiasiegerin Kristin Armstrong aus den USA an.
Trotzdem soll alles anders sein als bei anderen Teams. Was, auch wenn es niemand so offen sagt, bedeutet: Cervélo ist so konzipiert, dass hier niemand dopen muss.
Teamchef Campana, in Deutschland geborener Schweizer, erklärt, wie die Verträge der Fahrer konzipiert sind: "Es gibt keinerlei Prämien für besondere Erfolge und Siege." Stattdessen zählt der Beitrag der Radprofis zur Entwicklung ihrer Rennmaschinen mindestens genauso viel wie die sportliche Leistung. "Viele Rennorganisatoren laden uns gerade wegen dieser Konzeption ein", sagt Campana.
Für den Giro d'Italia und die Vuelta d'España hat sein Rennstall bereits eine Wild Card erhalten, von der Einladung zur Tour de France geht nicht nur Titelverteidiger Sastre fest aus. Im Prinzip ist Cervelo längst ein verkapptes ProTour-Team der ersten Liga, es fehlt nur noch die entsprechende Lizenz. Da fällt es schwer zu glauben, dass sich niemand daran stören würde, wenn man die meiste Zeit des Jahres den anderen hinterherfährt.
Campana verweist auf die Zusage des Hauptsponsors Cervélo: "Die sagen uns: Wir sind die ersten, die eine Pressemitteilung schreiben, wenn ihr am dritten Berg sauber abgehängt werdet." Will heißen: Es geht nicht ums Siegen. Dazu passt, dass der - kanadische - Hersteller Cervélo den Ausrüstervertrag mit dem immer wieder in Dopingverdacht geratenen Team CSC kündigte, für das Sastre bislang fuhr und das nunmehr als Saxo-Bank firmiert.
"Wer da noch Druck verspürt, sollte keinen Leistungssport betreiben", sagt Campana angesichts dieser Vorgaben. Andere Teams, bei denen die Rahmenbedingungen offensichtlich ganz andere sind, will Campana dennoch nicht kritisieren.
"Wir können nicht mit einem Generalverdacht arbeiten", argumentiert der Teamchef - der aber auch darauf verweist, "dass man unter unseren sportlichen Leitern keine alten Bekannten aus dem Männerradsport finden wird, sieht man mal von Jean-Paul van Poppel ab". Der Niederländer gewann 1987 das Grüne Trikot bei der Tour, war aber ebenso wie der Deutsche Jens Zemke bislang vorwiegend im Frauen-Radsport aktiv, der als weniger dopingbelastet gilt als der Profizirkus der Männer.
Raus aus der Grauzone
Anderswo wird an dieser Stelle gern argumentiert, dass man eben nicht auf die bewährten Kräfte verzichten könne, wenn man erfolgreich Rennen fahren will. Angesichts der ersten Saisonerfolge für Cervélo bei der Algarve-Rundfahrt - dort gewann der frühere Gerolsteiner-Profi Heinrich Haussler eine Etappe - und in Kalifornien stellt Campana dagegen fest: "Es ist wohl doch nicht so ein Buch mit sieben Siegeln, sich in ein Auto zu setzen und die Taktik vorzugeben."
Auf die bei manch anderem Rennstall üblichen internen Dopingtests verzichtet Cervélo ebenfalls. "Es ist doch Unsinn, wenn man die eigenen Kontrolleure bezahlt", sagt Campana. Dopingexperten hatten schon in der Vergangenheit kritisiert, dass die teameigenen Untersuchungen auch dazu benutzt werden könnten, um Fahrer gezielt an bestimmte Grenzwerte heranzudopen.
Die Schweizer Cervélo-Equipe will jegliche Grenz- und Grauzonen meiden, es sei denn, es ginge um die Belastung des Materials. Wohlgemerkt, des Rad-Materials. Das ist ein ziemlich hoher Anspruch im professionellen Radsport. Einer, der vielleicht schwerer zu realisieren ist als ein Sieg bei der Tour de France.
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