Surf-Kommentator Liam McNamara versteht die Welt nicht mehr. Auf O'ahu, eine der acht Hauptinseln Hawaiis, kann jedes Kind die Nationalität eines Touristen an dessen Hobby erkennen: Amerikaner vom Festland spielen Golf, Franzosen gehen Hochseeangeln, Engländer in den Stripclub. Und Deutsche? Die radeln mit Fahrradhelmen über den Strand.
In den Wellen von Sunset Beach haben die Deutschen dagegen nichts zu suchen. Das war für McNamara bislang eine Gewissheit. "Wo sollen die in Deutschland denn auch für eine solche Brandung trainieren?"
Marlon Lipke ist der Grund für McNamaras Irritation. Der Deutsche startet jetzt am Wochenende beim "Quiksilver-Pro" in Australien. Der 24-Jährige ist professioneller Wellenreiter. 2004 wurde er Junioren-Europameister, 2005 Dritter bei der Junioren-Weltmeisterschaft.
Seitdem zählt der Modellathlet, Spitzname "Hulk", zu den Stars der europäischen Szene - im Rest der Welt kennt ihn kaum jemand. Das wird sich nun ändern. Kurz vor Weihnachten gelang Lipke die Qualifikation für die World Tour des Profisurfer-Dachverbands ASP. Eine Sensation, denn für die Serie sind nur 45 Top-Surfer zugelassen, Amerikaner und Australier dominieren den Sport.
"Landlocked", im Land gefangen, nennen Hawaiianer das Schicksal jener Wellenreiter, die nur im Urlaub auf dem Brett stehen können. Deren Zahl wuchs in den vergangenen Jahren beträchtlich, Surfen ist in. An der Mode und dem Lifestyle ergötzen sich gerade diejenigen, die weit reisen müssen, um ihrem Hobby zu frönen. Auch Tausende Deutsche pilgern jeden Sommer an die berühmten Surfspots dieser Welt.
Lipkes Zugang zum hawaiianischen "Sport der Könige" lag da näher. Der blonde Hüne wuchs an der Algarve auf. In Lagos, wo Vater Dago ein Surfcamp eröffnete, fühlt er sich zu Hause. Der Küstenstreifen Portugals gilt als "Kalifornien Europas", Surfen ist hier Volkssport. Das Talent des schüchternen Jungen zeigte sich früh. Mit 13 gewann er die Clubmeisterschaft, mit 14 wurde er Europameister in seiner Altersklasse. Sein Erfolg machte auch die einheimischen Surfer stolz.
So konnte Lipke schon früh darauf zählen, von Portugiesen wie Deutschen gleichermaßen angefeuert zu werden - eine Unterstützung, die sich besonders auf der WQS-Tour auszahlte. Der Wettkampfkalender dieser Qualifikationsserie zur Eliteliga ist mörderisch, die Anwärter bereisen bis zu drei Kontinente in einer Woche. Wer hier als Einzelkämpfer unterwegs ist, verliert schnell die Nerven. "Man düst für einen Wettkampf nach Australien, 20 Stunden im Flieger, man hat 2000 Euro für das Ticket bezahlt. Und dann scheidet man in der ersten Runde aus. Manche gehen daran kaputt", erinnert sich Lipke. Da half es, mit anderen Europäern eine Clique zu bilden, die sich als "Euroforce" der Übermacht der großen Surfnationen entgegenstemmte. Ihr Ziel: So viele Europäer wie möglich in die erste Liga zu bringen. Vor Lipke gelang das in knapp 30 Jahren lediglich sieben Surfern.
Dass er sich nun zu diesem erlauchten Kreis zählen darf, kann er "immer noch nicht so richtig fassen". Nach einem dramatischen Saisonfinale auf Hawaii musste Lipke nur noch einen Lauf gewinnen, um die Qualifikation zu schaffen. Keine leichte Aufgabe: "Die Wellen waren riesig, bis zu acht Meter hoch. Solche Bedingungen sind lebensbedrohlich." Er verlor. Und gewann trotzdem den Respekt der Szene.
"Trotz der Niederlage war das einer meiner wichtigsten Heats, denn ich habe gelernt, mit meiner Angst umzugehen", bewertet Lipke heute den Tag, der fast zum letzten seiner Karriere geworden wäre: "Die direkte Qualifikation um einen Platz zu verpassen, war für mich das Ende meines Traums. Ich hatte schon den Gedanken, das Contest-Surfen an den Nagel zu hängen."
Deprimiert floh er von der Siegerehrung und verpasste, was der Verband verkündete: Von den drei Wildcards, die eigentlich verletzten Teilnehmern der World Tour zustehen, wird eine an den Sunnyboy aus Deutschland vergeben. "Mein Bruder hat mich sofort angerufen", erinnert sich Lipke. "Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Der beste Tag meines Lebens."
"Gut möglich, dass sein Exotenstatus bei der Vergabe eine Rolle spielte", behauptet Lewis Samuels vom Online-Magazin "Surfline". Beispiele für die Aufmerksamkeit, die ein Underdog einer Sportart zuführen kann, gibt es zuhauf: Skispringer Eddie "The Eagle" Edwards oder das olympische Bobteam aus Jamaika wurden zu heimlichen Helden ihrer Disziplin.
Doch während Eddie und Co. das Publikum durch ihre Unfähigkeit unterhielten, hat Lipke bereits einige große Namen geschlagen, darunter das 19-jährige Wunderkind Jordy Smith. Dem Jahr auf der World Tour kann er hoffnungsvoll entgegen sehen: "Ich werde mich selbst gegen Megastar Kelly Slater nicht blamieren." Auch wenn die hawaiianische Weltordnung dann endgültig Kopf steht.
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