SPIEGEL ONLINE: Herr Jensen, der Handballsport wird derzeit von einem Skandal erschüttert. Etliche Spiele sollen manipuliert worden sein. Glauben Sie, dass an den Vorwürfen etwas dran ist?
Jensen: Auf jeden Fall. Man kann zwar noch nicht sagen, wer was gemacht hat, aber es ist klar, dass Dinge nicht richtig und ehrlich verlaufen sind. Ich glaube, dass das, was wir erleben, nur die Spitze des Eisbergs ist, darunter sieht es richtig schlimm aus.
SPIEGEL ONLINE: Sind die massiven Vorwürfe der Schiebung, die auch den THW Kiel betreffen, Gesprächsthema innerhalb Ihrer Mannschaft?
Jensen: Klar redet man darüber. Wir sind ja auch selbst betroffen, haben das Champions-League-Finale 2007 gegen Kiel verloren. Wir sind alle besorgt. Man fängt an, darüber nachzudenken.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch persönlich von den angeblichen Manipulationen durch bestochene Schiedsrichter gehört?
Jensen: Ich habe schon einige Sachen von norwegischen Schiedsrichtern erfahren, das ist alles richtig peinlich. In den vergangenen Jahren wurde ganz offen über Schiedsrichterbestechung gesprochen. Auch einige ehemalige Flensburger haben viel darüber erzählt.
SPIEGEL ONLINE: Um was ging es?
Jensen: Diese früheren Flensburger Spieler kennen viele Schiedsrichter aus dem Osten. Die haben dann auch erzählt, dass sie, als sie noch für ihre alten Clubs gespielt haben, mit gewissen Schiedsrichtern niemals verlieren konnten. Das war im Vorfeld des Spiels schon klar.
SPIEGEL ONLINE: Die Unparteiischen wurden bestochen?
Jensen: Ja, klar. Aber nicht nur mit Geld. Manchen Schiedsrichtern hat der Verein eine Woche Urlaub und eine schöne Schiffreise spendiert. Oder sie durften mit Frauen weggehen und feiern - alles, was die Schiedsrichter wollten.
SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie dahinter ein System?
Jensen: Ja, ganz eindeutig. Ich glaube, wenn du einmal bestochen und betrogen hast, stehst du so sehr unter Druck, dass du das immer wieder machen musst. So etwas spricht sich doch herum und der nächste Schiedsrichter will dann auch solche Extras haben. Da kommst du nicht mehr raus.
SPIEGEL ONLINE: Sind es denn nur Schiedsrichter aus Osteuropa?
Jensen: Das habe ich in den vergangenen Jahren immer geglaubt. Aber nachdem selbst die Deutschen Bernd Ullrich und Frank Lemme darin verwickelt sein sollen, muss man sich wirklich Sorgen machen. Das sind die besten Schiedsrichter der Welt.
SPIEGEL ONLINE: Wie sind die Reaktionen in Ihrem Heimatland Norwegen?
Jensen: Ich habe etwas von norwegischen Frauenmannschaften gehört. Die sind sehr gut, gewinnen ihre internationalen Spiele häufig zu Hause mit acht, neun Toren Differenz, verlieren aber auswärts immer noch deutlicher und scheiden früh aus.
SPIEGEL ONLINE: Bei Spielen im osteuropäischen Raum?
Jensen: Genau. Gegen die Mannschaften dort hatten die norwegischen Frauenteams in den vergangenen Jahren niemals eine Chance.
SPIEGEL ONLINE: Was würde es für den Handball bedeuten, wenn die Vorwürfe bewiesen werden? Unter anderem ermittelt ja auch die Staatsanwaltschaft Kiel gegen den THW.
Jensen: Das wäre sehr schlimm. Die Sponsoren und Zuschauer würden wegbleiben, dann müsste man viel Aufbauarbeit für den Sport leisten.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie denn momentan Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern ohne Hintergedanken hinnehmen?
Jensen: Einzelne Entscheidungen sind nicht schlimm, aber wenn ein ganzes Spiel lang gegen dich entschieden wird, dann denkt man schon daran, ob die Schiedsrichter sauber sind. Es ist eine schwere Situation für die Spieler, aber auch für die Schiedsrichter. Die meisten von denen haben bestimmt nichts gemacht - zumindest die in Deutschland.
Das Interview führte Rafael Buschmann
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