Doping-Kronzeugin im Interview
"Ich wurde verrückt in dieser Parallelwelt"
Die Kronzeugin im österreichischen Dopingprozess, Lisa Hütthaler, hat in einem Gespräch mit dem SPIEGEL die Auswirkungen ihres Dopingmittelkonsums beschrieben und erneut schwere Vorwürfe gegen den ehemaligen Sportmanager Stefan Matschiner erhoben.
Hamburg - Die ehemalige österreichische Triathlonmeisterin Lisa Hütthaler benennt in einem Gespräch mit dem SPIEGEL körperliche und seelische Folgen ihres Dopingmittelkonsums.
DPA
Doping und die Folgen: Herzrhythmusstörungen, die zu einer Herzoperation geführt haben
"Ich spürte immer mehr, dass ich langsam verrückt werde in dieser Parallelwelt und brach psychisch unter diesem Druck zusammen", sagt sie. Nach der zweijährigen Einnahme von Epo, Testosteron und Wachstumshormonen habe ihre Periode ausgesetzt, ihre Schultern seien breiter geworden. Ende 2006 habe sie sich wegen Tachykardie, einer Form von Herzrhythmusstörungen, einer Herzoperation unterziehen müssen. Außerdem habe ihr Stoffwechsel Schaden genommen.
"Ich kann mich so gesund ernähren, wie ich will, trotzdem zeigt meine Kilokurve ohne Doping nach oben", sagt Hütthaler, "mein Körper und meine Psyche sind kaputt". Die Kronzeugin Hütthaler, nach deren
Dopingbeichte bei der österreichischen Staatsanwaltschaft die Polizei mehrere Personen wegen des Verdachts auf Handel mit unerlaubten Dopingsubstanzen verhaftete, sagte dem SPIEGEL weiterhin, der ehemalige stellvertretende Leiter des Wiener St.-Anna-Kinderspitals, Andreas Zoubek, habe ihr Eisenspritzen und Epo verabreicht.
Außerdem habe der Sportmanager Stefan Matschiner ihr in einem Hotel in Linz eine Tüte mit Epo-Spritzen übergeben und sie anschließend fünfmal in Wien besucht, um ihr Epo, Testosteron und Wachstumshormone zu überreichen. In einem Haus in Steyrermühl, Oberösterreich, habe Matschiner ihr zweimal Blut abgenommen und es einmal zurückgeführt. "Im Keller dieses Hauses stand die Blutzentrifuge", sagt Hütthaler. Zoubek bestreitet alle Vorwürfe. Matschiner hat
zugegeben, an Bluttransfers für den Radprofi Bernhard Kohl beteiligt zu sein, nicht aber, mit Dopingmitteln wie Epo gehandelt zu haben.
Epo und Epo-Doping
Die Ausdauerleistungsfähigkeit ist wesentlich vom Sauerstoffaufnahmevermögen abhängig. Erythropoetin (Epo) ist ein Eiweißhormon, das die Produktion roter Blutkörperchen (Erythrozyten) im Körper stimuliert. Je mehr Erythrozyten im Blut, desto mehr Sauerstoff kann aufgenommen und zu den Körperzellen transportiert werden - die Leistungsfähigkeit steigt.
Natürliches Erythropoetin ist ein komplexes Eiweißmolekül aus 165 Aminosäuren, an das noch Zuckermoleküle angelagert sind. Es wird hauptsächlich in der Niere gebildet und bewirkt im Knochenmark die Bildung von Erythrozyten.
Seit den achtziger Jahren kann Epo gentechnisch hergestellt werden. Seither gibt es eine große Zahl von Epo-Präparaten. Sie müssen injiziert werden, in der Regel mehrmals pro Woche. Zahlreiche Pharmakonzerne haben Epo-Präparate entwickelt, in denen das natürliche Epo-Molekül chemisch abgewandelt wurde - mit dem Ziel, die Verträglichkeit, die Wirksamkeit und die Wirkdauer zu steigern. Eines der lang wirksamen Epo-Präparate ist CERA des Konzerns Hoffmann-La Roche. Es muss nur einmal im Monat verabreicht werden.
Bei Überdosierung nimmt die Anzahl der roten Blutkörperchen im Blut zu hohe Werte an. Das Risiko von Blutgerinnseln steigt, Herzinfarkt, Lungenembolie oder ein Hirnschlag können die Folge sein.
Statt des Originalmoleküls oder den chemisch leicht abgewandelten Formen gibt es auch sogenannte Epo-Mimetika - Präparate, die sich chemisch vom Erythropoetin-Molekül unterscheiden, im Körper aber dieselbe oder eine sehr ähnliche Wirkung entfalten.
Seit Beginn der industriellen Produktion von Epo Ende der achtziger Jahre wird es zur Leistungssteigerung genutzt. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet seit vielen Jahren den Gebrauch von Epo. Unerlaubt zugeführtes Epo kann mit speziellen Methoden im Urin nachgewiesen werden. Allerdings wird der Nachweis aufgrund der mittlerweile riesigen Anzahl an Epo-Präparaten, die abgewandelte Epo-Moleküle oder Epo-Mimetika enthalten, immer schwieriger.
Die Athletin präzisiert im SPIEGEL, wie sie eine Mitarbeiterin des Labors in Seibersdorf mit 50.000 Euro bestechen wollte, damit sie ihre B-Probe manipuliere. Ihr sei früh vermittelt worden, "dass immer irgendetwas geht, um aus einer positiven eine negative Probe zu machen." Manchmal frage sie sich, sagt Hütthaler, warum bei ihr eine positive Probe herausgekommen sei und bei anderen, "von denen ich definitiv weiß, dass sie gedopt haben, nicht."
jar
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