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15.05.2009
 

Flush Hour

Ich werde Pokerweltmeister!

Poker ist ein Massenphänomen: Millionen sind den Karten verfallen, Hunderttausende zocken im Internet, nur wenige gewinnen viel Geld. Lasse König hat ein Jahr lang alle Bücher gelesen, ohne zu spielen - jetzt soll ihn die Pokerwelt mal kennenlernen!

Poker ist cool, Poker ist Glamour, sagen die einen. Las Vegas, Berge von Geld, komische Typen mit Sonnenbrillen, tiefgekühlte Mathe-Genies. Maskenmänner mitunter oder Maulhelden, aber Millionäre.

Poker ist gefährlich, sagen die anderen. Heruntergekommene Existenzen vor Computern, mit leeren Konten und leeren Augen. Abhängige, Süchtige, für die Las Vegas und die Geldberge so weit entfernt sind wie ihr Traum von der Realität.

WSOP-Sieger Yang (2007): Sechs Kinder, wenig Ahnung, viel Geld
REUTERS

WSOP-Sieger Yang (2007): Sechs Kinder, wenig Ahnung, viel Geld

Poker ist irgendwo dazwischen, sage ich. Poker ist zum Massenphänomen geworden in den vergangenen Jahren mit leuchtenden Stars und all den Schattenseiten. Online-Pokerräume gibt es mittlerweile Hunderte, die Betreiber sitzen auf Phantasie-Inseln und lassen sich die Sonne auf die Bäuche scheinen, während ihre Konten ins Unermessliche wachsen.

"Raise vom Button", "All-in" oder "Deepstacks" sind heute eingeführte Begriffe, wo noch vor einigen Jahren Texas Hold'em die meisten für eine amerikanische Blues-Band hielten. Poker ist so schnell gewachsen, dass Suchtberatungsstellen der neuen Bedrohung am Anfang hilflos gegenüberstanden. Heute gilt als Exot, wer sich nicht für Poker interessiert. So wie ich vor mehr als einem Jahr.

Dann stolperte ich in einem wirklich lustigen, fiesen Blog über die Dramatik am Finaltisch der World Series of Poker, neun Mann, acht, sieben, bis sich zuletzt Jerry Yang aus den USA und Tuan Lam aus Kanada gegenübersaßen. Yang gewann am Ende acht Millionen Dollar, von denen er zehn Prozent für wohltätige Zwecke spendete.

Log's-Blogger Ed McBread bezeichnete Yang andauernd als "Donk", was man mit "Unfähiger" halbwegs druckbar übersetzen kann. Donks wie Yang sind gerngesehene Gäste an Pokertischen, weil sie mit den unmöglichsten Blättern spielen und nur mit Glück gewinnen - aber es manchmal bis an den Final Table der World Series schaffen. "Lee Childs zeigt König und Bube", schrieb McBread, und danach konnte man seine Fassungslosigkeit förmlich spüren: "Yang dreht Bube und 8 Pik um. Was soll das denn bitte sein, Mann???" Um danach mit fatalistischer Vorahnung anzukündigen: "Wenn Yang dieses Blatt gewinnt, gehe ich mir eine Pizza holen."

McBread musste natürlich zum Pizzaholen. Der Donk Yang, ein Sozialarbeiter mit sechs Kindern, spielte erst seit zwei Jahren und das Glück verließ ihn an diesem 15. Juli 2007 so gut wie nie. Ich dachte: Er ist vielleicht ein Donk. Aber einer mit acht Millionen auf dem Konto.

Post für Lasse

Sie haben keine Ahnung vom Poker oder mehr als genug? Sie haben mal Phil Hellmuth abgezockt oder im Verbalduell mit Mike Matusow triumphiert? Sie haben todsichere Hände verloren oder einfach eine Frage an Lasse König? Dann schreiben Sie ihm doch einfach.
Ich hatte plötzlich ein Ziel. Und es waren nicht sechs Kinder.

Das Jahr danach las ich viele Bücher über Poker, studierte alle Facetten, um den Glücksfaktor (ist Poker Glücks- oder Geschicklichkeitsspiel? Mehr zu der Debatte in den nächsten Wochen) zu minimieren. Ich wusste, wann ich "Push or Fold" bin, dass man ein "Stealblindreraise" mit jedem Taschenpaar probieren kann und wie man ganz einfach seine Gewinnchancen ausrechnen kann. Ich wusste alles - nur nicht, ob auch ich ein Donk war.

Denn ich spielte nie.

Es war, als würde Oswalt Kolle übers Kinderkriegen reden, obwohl er nie Sex hatte. Eine besondere Form der Enthaltsamkeit, ich wollte ganz sicher sein, bevor ich den Sprung wagte.

Nun ist es soweit. 400 Tage Vorbereitung und Tausende Buchseiten später bin ich bereit für mein erstes Mal. Ich werde am nächsten Wochenende an einem kleinen Privatturnier teilnehmen und mich danach bei einem der vielen Online-Pokerräume anmelden. Ich werde mein Wissen testen und herausfinden, wie lange ich brauche, um von einem kleinen Fisch zu einem Hai zu werden. Am Ende will ich Pokerweltmeister sein wie Jerry Yang.

Nur eben nicht einer wie Jerry Yang. Der hat seit dem 15. Juli 2007 noch genau einmal Geld bei einem Pokerturnier gewonnen - 1324 Dollar bei den Binion's Open. Der Donk!

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